Vatikan: Enklave in Rom
Vatikan: Enklave in Rom

15.04.2013

Vatikankenner: Kurie kann funktionieren "Die Struktur ist da"

Dass sich der Papst der Kurie annimmt, ist für Stefan von Kempis keine Überraschung. Wie Franziskus das tue, dagegn schon: mit einer Gruppe, "für die es volle Denk- und Redefreiheit gibt", so der Radio-Vatikan-Redakteur im domradio.de-Interview.

domradio.de: Sie haben sich intensiv mit dem neuen Papst beschäftigt – kommt die Berufung der Kommission überraschend?

Kempis: Der Papst wurde ja vor einem Monat in sein Amt eingeführt und hat mit sehr vielen - auch überraschenden - Leuten hier an der Kurie gesprochen. Man wusste, da war irgendwas im Busch. Zumal auch im sogenannten Vorkonklave immer wieder die Rede davon war, dass es ein Gremium geben müsste, um das Funktionieren der Kurie genauer unter die Lupe zu nehmen. Also: keine Überraschung, dass etwas kommt, aber in der konkreten Form sehr wohl. Es ist ja eben keine Kommission, sondern eine Arbeitsgruppe. Kommission würde heißen, es bezieht sich gleich wieder auf einen konkreten Organismus hier an der Kurie. Nein, das ist eine Gruppe unter dem Vorsitz des Papstes, da gibt es volle Denk- und Redefreiheit in Bezug auf alles, außer auf die vom Papst selber genannte apostolische Konstitution aus der Zeit von Papst Johannes Paul II.

domradio.de: Als einziger Deutscher ist Kardinal Marx mit dabei – er ist von Hause aus Sozialethiker, hat viel pastorale Erfahrung als Bischof. Warum hat Franziskus ihn berufen?

Kempis: Marx hat schon im Bistum Trier eine Reihe von Strukturreformen durchgeführt, auch in München radikal bei der Aufarbeitung von Missbrauchsfällen. Er hat gezeigt, dass er durchsetzungsstark ist. Er hat aber auch eine Aura eines Menschen, der gerne entscheidet, klar durchdenkt und dann auch in die Tat umsetzt. Das tut dieser ansonsten feingeistig geprägten Gruppe sicher gut, auch als Signal. Außerdem ist Kardinal Marx gerade "Chefbischof" Europas, und als solcher bringt er auch die Stimme der europäischen Bischöfe mit ein.

domradio.de: Auffallend ist die klare Dominanz der Weltkirche: Es ist gerade mal ein vatikanischer Repräsentant in dem Gremium vertreten. Wie muss man sich denn die konkrete Arbeit dieser Arbeitsgruppe vorstellen?

Kempis: Da gibt es zurzeit noch viele Fragezeichen? Einen Hinweis gibt heute der Bischof von Albano, der der Sekretär dieses neuen Gremiums ist und sagt: In ein paar Tagen will uns er Papst mal die Themen sagen, über die wir am 3. Oktober konkret reden werden. D.h. der Papst überdenkt gerade, wie genau er das macht, denkt sich Themen auf, schickt sie den Kardinälen, und die sollen dann bis Oktober diese Fragen und Themen durchdenken. Was er genau ausheckt, müssen wir abwarten.

domradio.de: Die Kritik an Missständen in der Kurie ist wohl so alt wie die Kurie selbst – welche Probleme sind denn am drängendsten?

Kempis: Die Kritik ist zwar sehr alt, aber sie hat sich im Pontifikat von Papst Benedikt XVI. sehr verschärft. Viele hängen das dem Kardinalstaatssekretär Bertone an: Er sei nicht diplomatisch erfahren genug gewesen, um dieses komplexe System zu leiten. Wie auch immer, man kann sagen: Die Missstände waren in den vergangenen Jahren schlimm. Es gab auch einige, die gegen den Papst und seine Interessen gearbeitet haben. Das war aber nicht immer so. Die Kurie ist ein sich seit Jahrhunderten relativ gut austariertes und funktionierendes System, mit zwei "Lungen": der Glaubenskongregation links vom Petersplatz und dem Staatssekretariat rechts davon - und einem komplizierten Zusammenspiel, das gut funktionieren kann. Da sind nicht nur Mafiosi am Werk, sondern zum Teil sehr gute und honorige Leute mit nüchternem Lebensstil und großem Wissen. Wo man jetzt genau ansetzen muss, ist schwierig zu sagen. Die Struktur ist eigentlich da und könnte funktionieren. Der Wille zur Durchsetzung von dem, was schon da ist, scheint manchmal zu fehlen.

Das Gespräch führte Mathias Peter.

(dr)

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