Freud und Leid liegen im Fußball eng beieinander
Freud und Leid liegen im Fußball eng beieinander
Fans bei einem FA Cup-Spiel im Stadion
Fans bei einem FA Cup-Spiel im Stadion

09.11.2018

Wie Kirchenmusik ins Fußballstadion kommt Doppelpass über 90 Minuten

Fußball und Kirche. Zwei völlig unterschiedliche Paar Schuhe. Sollte man meinen. Denn es gibt auf der musikalischen Ebene einige Verbindungen. Freud und Leid liegen da und dort eng beeinander. So auch beim englischen FA-Cup.

DOMRADIO.DE: In England läuft aktuell der Pokalwettbewerb des englischen Fußballverbands "Football Association", der FA-Cup. Tausende Fans sind bei den Spielen dabei und singen unter anderem ein berühmtes englisches Kirchenlied: "Abide with me" – übersetzt "Bleib bei mir, Herr". Was ist das für ein Lied, das oft auch bei Beerdigungen gespielt wird?

Prof. Dr. Christhard Lück (Bergische Universität Wuppertal und Kenner von religiösen Aspekten in Fangesängen): Es ist ein anrührendes Lied. Es ist eine Erbauungshymne, ein Kirchenchoral aus dem 19. Jahrhundert. Es wurde 1847 von dem schottisch-anglikanischen Pfarrer Henry Francis Lyte geschrieben. Er hat auch eine Musik dazu in einer autobiografisch bedrohlichen Situation entworfen. Er hatte die Diagnose Tuberkulose bekommen und wusste, dass er bald sterben würde und hat dann kurz nach seiner Abschiedspredigt Anfang September diese Hymne gespielt.

DOMRADIO.DE: Seit 1927 wird dieses Lied auch vor dem Endspiel im Pokalwettbewerb des englischen Fußballverbandes gesungen. Warum ist das so? Warum bedient sich der Fußball eines christlichen Liedes?

Lück: Im Jahr 1861 hat der Musikwissenschaftler William Henry Monk die Melodie dazu neu komponiert. Die ist so anrührend und melancholisch gewesen, dass das Lied von da ab weiterverbreitet wurde.

DOMRADIO.DE: Aber wie kommt der Bezug zum Fußball zustande?

Lück: Im Jahr 1927 war zum ersten Mal das Radio live beim Pokal-Endspiel mit dabei. Man hat entschieden, vorher einige Lieder einzuspielen. Auf Wunsch von König Georg V. wurde dann unter anderem dieses Lied als Vorprogramm ausgewählt. In der Nachbetrachtung war es dann so, dass die Zuhörer der Meinung waren, dass dieses Lied sowohl vom Text als auch von der Melodie her so eindrücklich war, dass es weiter genommen wurde, während die anderen Lieder nicht mehr gespielt wurden.

Ich denke, es liegt auch daran, dass dieses Lied ganz weit verbreitet ist. Es ist als Abend- und Sterbelied bei Begräbnissen bekannt, es ist zudem im Königshaus sehr verbreitet und wird auch in der Arbeiterschicht gemocht. Viele Menschen aus unterschiedlichen Schichten haben im Schützengraben des Ersten Weltkriegs dieses Lied gekannt und geliebt.

Es hat insgesamt eine interessante Kombination gegeben, warum dieses Lied jetzt im Stadion gesungen wird. Wir haben jetzt nicht mehr das Jahr 1927, sondern 2018. Es ist schon interessant, warum sich dieses Lied in einer religionspluralen, post-säkularen oder säkularisierten Gesellschaft gehalten hat.

Ich denke, dass der Text "Bleib bei mir, Herr" ganz aktuell ist. Wir haben in der europäischen Gesellschaft das Problem, dass sich viele Menschen trotz vieler Internet-Freunde, trotz Facebook-Kontakten einsam und alleine fühlen - sei es, wenn sie krank oder alt sind oder im Gefängnis sitzen. Aber auch in der Partnerschaft fühlen sich Menschen zunehmend allein. Und da hat dieser Ausruf "Bleibe bei mir, Herr", der hier natürlich auch noch eine theologische Dimension hat, eine besondere Bedeutung.

Francis Lyte hat angesichts des eigenen Todes daran geglaubt, dass ihm der auferstandene Jesus Christus beistehen wird und er ein Leben jenseits des irdischen Lebens haben wird - inspiriert durch die Emmaus-Geschichte, denn das ist der Hintergrund dieses Liedes. Ich kann mir vorstellen, dass dies so eindrücklich ist, dass es einfach auch Menschen jenseits aller Religionen interessant finden.

DOMRADIO.DE: Da ist auch nicht nur "Abide with me" ein Beispiel für. An diesem Samstag ist es nämlich neun Jahre her, dass Nationaltorhüter Robert Enke starb. Auf der Trauerfeier für ihn im Stadion von Hannover 96 hat damals die Schülerin Alina Schmidt die Hannover-Fan-Hymne "96, alte Liebe" gesungen. Auch das ist ein Lied, das vielleicht genau andersherum in so einem Moment die Rolle eines trostspendenden Kirchenliedes einnehmen kann. Bei der Trauerfeier war es in jedem Fall so, oder?

Lück: Jedenfalls haben das viele im Nachhinein so empfunden. Es wurde bewusst von den Organisatoren dieser Veranstaltung, die aus Politik, Sport und Kirche kamen, ausgewählt. Der katholische Pfarrer Heinrich Plochg, der die Familie Enke bereits nach dem Tod ihrer Tochter Lara betreut hatte, hat die Trauerfeier mit einer Ansprache eröffnet und am Ende ein Vaterunser gesprochen. Aber ansonsten gab es im Wesentlichen weltliche Redner. Dazu kamen drei Lieder, die sich die Witwe Teresa Enke gewünscht hatte: "The rose", "96, alte Liebe" und "You'll never walk alone".

Bei der damaligen Saisoneröffnung hatte die Schülerin Alina Schmidt am 15. August 2009 im roten Vereinstrikot mit Gitarrensound und großer Unterstützung der Fans gesungen. Bei der Trauerfeier, nur drei Monate später, singt sie alleine mit zwei Gitarren und ganz in Schwarz. Und die Zuschauer, die Fans, schweigen und hören andächtig zu, erheben aber auch ihre Schals als Zeichen der Solidarität. Nicht nur vom Text her, sondern auch von der Haltung und Gestik her merkt man, dass das hier als Trostlied verstanden wurde – und auch als Abschiedslied.

Das Interview führte Verena Tröster.

(DR)

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