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05.11.2018

Ethik und Profisport vor dem Hintergrund der "Football-Leaks" "Der Markt kennt keine Moral"

Kaum ein Tag vergeht derzeit ohne neue Enthüllungen über die dunklen Machenschaften im Fußball. Die "Football-Leaks" bestimmen die aktuellen Schlagzeilen. Sind Profifußball und Ethik zwei verschiedene Paar Schuhe?

KNA: Nach all den Enthüllungen um die Fifa und ihren Boss Gianni Infantino - wünscht man sich da nicht fast schon Infantinos Vorgänger Sepp Blatter zurück?

Klaus Zeyringer (Literaturwissenschaftler sowie Fußballkenner und -kritiker): Ich vermisse Sepp Blatter in keiner Weise. Zumal Infantino im Grunde genommen nichts anderes macht als sein Vorgänger. Lediglich die Fassade hat Infantino erneuert, weil die Fifa ein handfestes Imageproblem mit finanziellen Folgen hatte.

KNA: Die Fifa unterhält seit einiger Zeit eine eigene Ethik- und Menschenrechtskommission...

Zeyringer: ...in der Vertreter von Adidas und Coca Cola sitzen, Unternehmen, denen Menschenrechtsverletzungen in Zulieferbetrieben keine größeren Bauchschmerzen bereiten. Das sagt eigentlich schon alles. Erwähnenswert in diesem Zusammenhang ist vielleicht auch, dass die Menschenrechtskommission kein Wort zu dem Fifa-Kongress im vergangenen Jahr in Bahrain gesagt hat. Auch dort ist die Lage der Menschenrechte alles andere als gut.

KNA: Die jüngsten Veröffentlichungen um die "Football Leaks" scheinen Sie nicht zu überraschen.

Zeyringer: Was mich höchstens noch überrascht ist, dass einer wie Ex-Uefa-Präsident Michel Platini immer noch nicht so recht auf dem Radar der Medien auftaucht. Er war an vielen jetzt kritisierten krummen Deals beteiligt - mit seinem damaligen Generalsekretär Infantino - und scheint, nach allem, was man aus Frankreich hört, bereits an seiner Rehabilitierung zu arbeiten.

KNA: Blicken wir auf Deutschland. Der FC Bayern steht in der Kritik, weil er mit anderen europäischen Top-Klubs eine Superliga gründen wollte. Das Ende der Kommerzialisierung des Ballsports scheint noch lange nicht in Sicht.

Zeyringer: Das wird erst erreicht sein, wenn wirklich alle Räume besetzt sind, Fußball total, rund um die Uhr und zu jeder Jahreszeit.

Die Fifa, aber auch andere große Sportverbände wie das Internationale Olympische Komitee IOC agieren wie neoliberale Konzerne: Der Gewinn geht über alles, der Markt kennt keine Moral. Gleichzeitig werden sie durch ihren Status als gemeinnützige Vereinigungen in der Schweiz rechtlich und steuerlich begünstigt.

KNA: Und die Vereine wie der FC Bayern?

Zeyringer: Spinnen diesen Gedanken weiter. Sie privatisieren die Gewinne und sozialisieren die Verluste. Die Einnahmen aus einem Fußballspiel streichen sie ein, aber die Kosten für Infrastruktur oder Sicherheit bezahlt der Staat. Das führt dazu, dass die Verantwortlichen sich frei fühlen, losgelöst von Gesetz und Anstand nach ihrem Gutdünken zu handeln. Da ist es logisch, eine Liga der Reichen zu gründen, in denen nur die eigenen Regeln gelten. Auch wenn Bayern jetzt offenbar erst einmal zurückrudert.

KNA: Auf einer jetzt schon legendären Pressekonferenz haben Karl-Heinz Rummenigge, Uli Hoeneß und Hasan Salihamidzic unlängst umfangreiche Presseschelte betrieben und dafür sogar das Grundgesetz herangezogen - was verrät dieser Auftritt über die Rolle der Medien im Fußball?

Zeyringer: Gewünscht wird ganz offensichtlich Hofberichterstattung. Und viele Medien machen dabei jetzt schon mit. Rummenigge und Co. wissen aber auch: Die Sportvereine brauchen die Medien, die Frage ist, ob auch die Medien die Vereine und Verbände im gleichen Maß brauchen oder ob es auch anders funktionieren könnte. Dafür müsste man die unabhängige Berichterstattung stärken.

KNA: Das heißt?

Zeyringer: Nehmen Sie bei uns in Österreich die "Kronen-Zeitung". Die erreicht 40 Prozent der Bevölkerung und ist eng verbandelt mit dem österreichischen Skiverband. Über den werden Sie in dieser Zeitung nie ein kritisches Wort finden. Genau damit aber entwertet der Sportjournalismus seine Glaubwürdigkeit.

KNA: Vielleicht sind Profisport und näherhin Fußball und Ethik einfach nicht füreinander gemacht.

Zeyringer: Letzten Endes wird es auf das Publikum ankommen. Bis zu welchem Punkt wollen wir uns das alles noch bieten lassen? Wir müssen uns vor Augen führen: Solange, wie in der vergangenen Bundesligasaison geschehen, ein mittelmäßiger Spieler des HSV immer noch zehnmal so viel verdient wie Bundeskanzlerin Angela Merkel, stimmt etwas nicht.

KNA: Wir haben viel über negative Auswüchse des Profifußballs gesprochen. Gibt es auch so etwas wie Vorbilder, die gegen den Strom schwimmen?

Zeyringer: Da bleibe ich zunächst mal beim HSV. Ich empfand seinerzeit das Verhalten von Uwe Seeler, der trotz Millionen-Offerten bei seinem Stammverein geblieben ist, als vorbildhaft. Oder, ein weniger bekanntes, aber aktuelles Beispiel aus Österreich: Gilbert Prilasnig, eine ehemaliger Nationalspieler. Der betreut jetzt die Homeless-Nationalelf, ehrenamtlich.

Das Interview führte Joachim Heinz.

(KNA)

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