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Tabletten in der Hand
Tabletten in der Hand

10.09.2021

Mahnungen zum Welttag der Suizidprävention Trügerische Entwicklung?

In Deutschland nimmt sich statistisch gesehen alle 58 Minuten ein Mensch das Leben. Zwar ist die Zahl der Suizide auf einen Tiefststand gesunken. Doch Experten fordern eine bessere Suizidprävention.

Die Zahl der Bundesbürger, die sich das Leben nehmen, ist auf einen Tiefststand gefallen. Dennoch starben 2019 nach Angaben des Nationalen Suizidpräventionsprogramms (Naspro) insgesamt 9.041 Menschen in Deutschland durch Suizid - mehr als durch Verkehrsunfälle, Mord und Totschlag, illegale Drogen und Aids zusammen.

Aus Sicht von Gesundheitsexperten zeigen die Zahlen zweierlei: Suizidvorbeugung ist weiter dringend geboten, betont das Naspro zum Welttag der Suizidprävention am Freitag. Und sie kann etwas bewirken, denn immerhin hat sich die Zahl der Suizide seit dem Höchststand - 1980 wurden 18.451 Selbsttötungen registriert - mehr als halbiert.

Aktive Sterbehilfe in westlichen Ländern kein Tabu mehr

Sorgen bereitet den Gesundheitsexperten ein internationaler Trend: "Wir bewegen uns in die Richtung einer Liberalisierung der Sterbemöglichkeiten", schreibt der in Nijmegen lehrende Philosoph und Theologe Jean Pierre Wils in seinem im Frühjahr erschienenen Buch "Sich den Tod geben". In immer mehr Ländern der westlichen Welt ist aktive Sterbehilfe kein Tabu mehr. Und auch die Beihilfe zum Suizid wird zu einer immer normaleren Option.

In diese Richtung geht auch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom Februar 2020: Karlsruhe leitete aus dem Grundgesetz ein sehr weitgehendes Recht auf selbstbestimmtes Sterben und die Hilfe Dritter beim Suizid ab. Auch die Ursachen für diese Entwicklung liegen auf der Hand: Die Gesellschaften altern deutlich, Familienmuster haben sich geändert, moderne Apparatemedizin wird hinterfragt. Die Menschen haben einen wachsenden Anspruch auf Selbstbestimmung, die Bindungskraft von Glauben und Kirche haben nachgelassen.

Existenzielle Notlagen führen oft zu Suizidgedanken

Es sind nicht nur Sterbenskranke und Depressive, die einen Suizid in Erwägung ziehen. Immer mehr Menschen erkundigten sich nach einem ärztlich assistierten Suizid, obwohl sie weder körperlich noch psychisch schwer erkrankt seien, so die Münchner Medizinprofessorin Claudia Bausewein. "Viele haben das Gefühl, genug erlebt zu haben, lebenssatt zu sein. Sie wollen die Fäden in der Hand behalten und haben Sorge vor einem Kontrollverlust im Alter", sagt die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin.

Dennoch steht aus Sicht der Mediziner und Psychologen des Netzwerks Naspro fest, dass Menschen mit Suizidgedanken in der weit überwiegenden Zahl in existenziellen Notlagen stecken. Verständnis und Hilfe könnten dazu beitragen, dass sie Hoffnung schöpfen. Dafür soll auch der Welttag der Suizidprävention am Freitag werben.

Suizidprävention statt staatlich geförderte Suizidbeihilfe

Aus diesem Anlass fordern Gesundheitsexperten flächendeckende und dauerhaft finanzierte Hilfsangebote zur Suizidvorbeugung. "Unter einer bundesweit einheitlichen Rufnummer sollen rund um die Uhr Menschen mit Suizidgedanken, ihre Angehörigen, aber auch Professionelle, die mit Menschen in Suizidgefahr in Kontakt kommen, kompetente Ansprechpersonen erreichen können", schlägt etwa der Naspro-Leiter Reinhard Lindner vor.

Auch der Deutsche Hospiz- und Palliativverband (DHPV) sieht dringenden Handlungsbedarf. Statt eine staatlich geförderte Suizidbeihilfe zu diskutieren oder zu deren Umsetzung bundesweite Beratungsstellen in Betracht zu ziehen, müsse dringend die Suizidprävention gestärkt werden, sagt der Vorsitzende Winfried Hardinghaus. Menschen mit schweren, lebensverkürzenden Erkrankungen, die sich mit Suizidgedanken tragen, müssten über Hilfs- und Entlastungsangebote, besonders über Möglichkeiten der Schmerz- und Symptombekämpfung informiert werden.

Mediale Berichterstattung erschwert die Situation

Die Hospizmediziner sprechen sich auch für aufsuchende Angebote aus, da gerade ältere und körperlich eingeschränkte Menschen ansonsten nur erschwerten Zugang zu suizidpräventiven Angeboten haben. Kriseninterventionsdienste sollten zudem flächendeckend und rund um die Uhr für die Betroffenen erreichbar sein.

"In der Regel nehmen Menschen von geäußerten Suizidwünschen Abstand, wenn sie sich gut begleitet und versorgt wissen und nicht das Gefühl haben müssen, zu Last zu fallen", so Hardinghaus. "Allerdings erschwert vor allem die mediale Berichterstattung die Situation, etwa die starke Präsenz der Debatte um die Suizidbeihilfe sowie die Darstellung des Suizids als unbedingter Ausdruck von Autonomie und Selbstbestimmung."

Christoph Arens
(KNA)

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