Migranten nach dem Brand im Flüchtlingslager Moria
Migranten nach dem Brand im Flüchtlingslager Moria
Das "Unicef-Foto des Jahres" zeigt Kinder, die aus dem brennenden Flüchtlingslager Moria auf derInsel Lesbos fliehen
Das "Unicef-Foto des Jahres" zeigt Kinder, die aus dem brennenden Flüchtlingslager Moria auf derInsel Lesbos fliehen

09.09.2021

Ein Jahr nach dem Brand von Moria gibt es wenig Hoffnung "Wir brauchen eine europäische Lösung"

Das Flüchtlingslager Moria auf Lesbos stand vor einem Jahr in Flammen. Matthias Leineweber von der Gemeinschaft Sant'Egidio sieht die Politik weiter in der Pflicht, sich für legale Fluchtwege einzusetzen. Passiert ist nach einem Jahr nur wenig.

DOMRADIO.DE: Wie viele Geflüchtete sind denn überhaupt im letzten Jahr nach Deutschland oder in andere Länder gelangt?

Matthias Leineweber (Geistlicher Begleiter der Gemeinschaft Sant'Egidio): Genaue Zahlen gibt es jetzt noch nicht, aber es ist ganz klar, dass durch die Corona-Pandemie die Grenzen noch mehr geschlossen sind und es noch weniger Möglichkeiten gibt, hier nach Europa zu kommen. Das wirkt sich natürlich auch auf die Flüchtlinge aus, die in Griechenland oder auf Lesbos im ehemaligen Camp Moria waren.

DOMRADIO.DE: Was ist denn mit denen passiert, die auf den griechischen Inseln bleiben mussten?

Leineweber: Dieses Lager ist durch diesen Brand nicht mehr bewohbar gewesen. Es wurde dann sehr schnell ein provisorisches Lager direkt am Meer gebaut, in dem jetzt ungefähr 4.000 Flüchtlinge untergebracht sind. Es wurden viele Flüchtlinge auf das Festland nach Griechenland gebracht. Es wurden auch viele aus dem ehemaligen Moria nach Athen und in andere Städte gebracht.

Allerdings ist die Lage für alle weiterhin sehr schwierig und dramatisch, weil die meisten den Wunsch haben, doch nach Deutschland, Frankreich oder in andere Länder weiterzukommen, wo sie Angehörige haben. Die größte Zahl von ihnen sind Afghanen. In diesem Sommer ist diese große, schlimme Situation in Afghanistan dazugekommen, was diese Menschen natürlich noch mehr belastet und bedrückt.

DOMRADIO.DE: Das heißt, die Situation der Menschen hat sich nicht wirklich verbessert im letzten Jahr?

Leineweber: Nicht besonders, würde ich sagen. Es gibt ein neues Lager, das auf Lesbos gebaut wurde. Es hat Container, es gibt so gewisse Standards. Allerdings sind diese sehr eingeschränkt. Es gibt nicht ständig Strom. Es gibt keine gute Versorgung mit Lebensmitteln. Die Kinder gehen nicht in die Schule. Was es gibt, ist die Ungewissheit. Wie lange dauert es, bis ich weiter komme? Das ist sehr belastend.

Aber noch schlimmer, würde ich fast sagen, ist es auf dem Festland. Unsere Jugendlichen von Sant'Egidio aus verschiedenen europäischen Ländern waren auf Lesbos und waren auch in Athen in Flüchtlingslagern. Dort ist die Verzweiflung sehr groß. Viele haben überhaupt keine Betreuung, leben irgendwo wild am Rand, in Industriegebieten in Athen.

Sie warten manchmal Monate auf irgendein Interview, um überhaupt zu erfahren, ob ihr Antrag angenommen wird. Von daher ist die Situation sehr, sehr prekär, vor allem für die Kinder und Jugendlichen, die keine Schule besuchen.

DOMRADIO.DE: Sie haben Helfer vor Ort. Sie hatten auch schon vor dem Brand Helfer nach Moria geschickt. Helfen Sie da immer noch vor Ort in den Lagern?

Leineweber: Wir sind vor allem in diesen Sommerwochen dort vor Ort gewesen und haben Aktivitäten durchgeführt, zum Beispiel für die Kinder, schulische Aktivitäten, Freizeitgestaltung. Aber wir haben auch geguckt, welche Familien besonders bedürftig sind, wo wir vielleicht auch versuchen können, sie durch unser Projekt der humanitären Korridore nach Italien oder Frankreich holen zu können. Und weiter versuchen wir im Verlauf des Jahres immer wieder, durch Besuche die Kontakte zu halten und die dortigen Flüchtlinge zu unterstützen.

DOMRADIO.DE: Vor einem Jahr, da haben Sie gesagt, dass Griechenland im Umgang mit Geflüchteten mehr internationale Unterstützung braucht. Ist da was passiert?

Leineweber: Leider nicht. Es wird auf jeden Fall eine europäische Lösung benötigt. Griechenland ist ein Land, das sehr schwer, nicht nur unter der Corona-Krise zu leiden hat, sondern auch vorher schon unter der Finanzkrise zu leiden hatte. Es gibt eine große Bereitschaft in der Zivilgesellschaft, in Kommunen, Flüchtlinge aufzunehmen.

Wir kommen nicht umhin, eine europäische Lösung zustande zu bringen, um überhaupt dieses Flüchtlingsproblem zu lösen und auch legale Zugangswege zu schaffen. Gerade für die vielen unbegleiteten Jugendlichen, die unter den Flüchtlingen sind und nach der Krise, die es jetzt in Afghanistan gibt. Bei diesen dramatischen Zuständen, die wir in diesen Tagen erleben, wird sich wahrscheinlich die Flüchtlingszahl weiter erhöhen. Von daher ist es noch umso mehr angesagt, dass die europäischen Länder sich hier einigen.

DOMRADIO.DE: Jetzt wird bei uns in Deutschland in gut zwei Wochen gewählt. Wie sieht die Beteiligung von der bald neuen Bundesregierung in Deutschland an dieser europäischen Lösung aus?

Leineweber: Ich denke, Deutschland spielt natürlich eine wichtige Rolle in Europa, allein weil das Land eine große Bedeutung hat. Es liegt mitten in Europa, das größte Land der Europäischen Union. Deswegen wird die neue Bundesregierung sicherlich auch die Pflicht haben, sich hier weiter einzusetzen, dass es zu einer Lösung kommt.

Es gibt zum Beispiel, wie ich erwähnt habe, diesen Vorschlag der humanitären Korridore, der in Italien schon umgesetzt wurde, auch in Frankreich und Belgien. Da wäre es auch zu wünschen, dass die deutsche Bundesregierung sich diesem Vorschlag öffnet, der es ermöglicht, Flüchtlinge, die in verschiedenen Ländern sind, nicht weiterkommen und dort Hilfe brauchen, auf legalem Wege eine Zuwanderung nach Europa zu ermöglichen, damit sie auch nicht den Schleppern ausgesetzt werden. Dann gibt es auch für die Staaten eine sichere Möglichkeit, um eine kontrollierte Zuwanderung und eine gute Integration zu ermöglichen.

Das Interview führte Hannah Krewer.

(DR)

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