Migranten nach dem Brand im Flüchtlingslager Moria
Migranten nach dem Brand im Flüchtlingslager Moria
Oliver Müller, Leiter von Caritas international
Oliver Müller, Leiter von Caritas international
Ein Migrant aus dem Aufnahmelager Lipa bei Bihac sucht in dem abgebrannten Camp nach seinen Sachen
Ein Migrant aus dem Aufnahmelager Lipa bei Bihac sucht in dem abgebrannten Camp nach seinen Sachen

30.12.2020

Caritas International zur Flüchtlingssituation im Corona-Jahr Wenn Menschen vor dem Nichts stehen

Der Brand und die Räumung des Flüchtlingslagers Lipa in Bosnien ist der jüngste Fall von Flüchtings-Katastrophen in diesem Jahr. Oliver Müller, Leiter von Caritas International, blickt auf ein dramatisches Jahr für die Flüchtlinge auf der Welt.

DOMRADIO.DE: Bleiben wir erst einmal in Bosnien. Was wissen Sie über die Situation der Menschen, die im Lager Lipa gelebt haben?

Dr. Oliver Müller (Leiter von Caritas International): Die Situation in Bosnien zeigt natürlich wie in einem Brennglas die Tragödie, in der sich viele Flüchtlinge weltweit befinden. Die Menschen, die sich dort aufhalten, wollen ja weiter. Sie wollen ja nicht in Bosnien sein. Sie schaffen es aber nicht. Sie scheitern, in die EU hineinzukommen und hausen unter miserablen Bedingungen. Jetzt sind die Zelte dort auch noch abgebrannt. Das heißt, die Menschen stehen quasi vor dem Nichts. Wir unterstützen die Caritas in Bosnien dabei, jetzt Ersthilfen zu leisten. Das ist notwendig, dass die Menschen überhaupt überleben können.

Aber sie brauchen natürlich letztlich eine Lösung. Sie brauchen eine feste Unterkunft. Und dann benötigen sie vor allem auch eine Perspektive. Die muss ihnen letztlich die Politik geben. Das heißt, gibt es etwa Kontingente in die EU oder muss man sie dabei unterstützen, wieder dorthin zurückzukehren, wo sie hergekommen sind.

DOMRADIO.DE: Wie kann man denn überhaupt Menschen helfen, die man kaum erreichen kann, die auch verstreut sind? Wie funktioniert das?

Müller: Das ist natürlich eine Stärke gerade auch der kirchlichen Hilfsorganisationen und anderer Organisationen, die wirklich vor Ort tätig sind, die vor Ort leben und jetzt nicht nur in den Brennpunkten mit einem Büro vertreten sind, sondern in den Ländern selber eine breite Struktur haben. Da muss man sich einfach gut auskennen, um dann helfen zu können und die Menschen auch zu erreichen.

DOMRADIO.DE: Die Corona-Pandemie war das bestimmende Thema in diesem Jahr. Wie hat die Pandemie aus Ihrer Perspektive die Lage von Geflüchteten verändert?

Müller: Die Situation ist dramatisch. Wir haben momentan 79,5 Millionen Menschen, die weltweit auf der Flucht sind. Das ist die höchste Zahl der letzten Jahre – und deren Situation ist zunächst einmal unberührt von der Corona-Krise. Das hat mit dem unfriedlichen Zustand dieser Welt zu tun, mit zahlreichen Konflikten, die entweder neu aufgebrochen sind oder die nicht beigelegt werden konnten.

Aber: Gerade diese Gruppe der Geflüchteten leidet natürlich auch besonders unter der Corona-Krise, weil sie besonders betroffen ist, weil sie kein Social Distancing betreiben können in den Flüchtlingslagern und weil sie natürlich von den aufnehmenden Gemeinschaften dort, wo sie sich aufhalten, auch unter Umständen als Bedrohung wahrgenommen werden, als Überträger des Virus.

DOMRADIO.DE: Jetzt haben wir in Deutschland gerade angefangen, die Impfstoffe zu verteilen. Die ersten Menschen werden geimpft. Von der Politik hören wir immer, dass es auch solidarisch auf die Weltbevölkerung verteilt werden soll. Gelten solche Impf-Prioritäten nach Ihrer Erfahrung auch für Geflüchtete?

Müller: Das ist schwer zu sagen. Aller Voraussicht nach wird diese Zielgruppe erst ganz zum Schluss dran kommen, weil sie natürlich auch schwer identifizierbar ist. Unter diesen knapp 80 Millionen Menschen, die weltweit auf der Flucht sind, sind ja die überwiegende Zahl, nämlich rund 55 Millionen Inlandsvertriebene. Das sind Menschen, die sich oft gar nicht in Flüchtlingslagern befinden, die irgendwo untergekommen sind und die schwer zu erreichen sind.

Mit großer Wahrscheinlichkeit werden diese Menschen relativ spät an die Reihe kommen. Aber umso mehr ist es notwendig, sie jetzt auch mit einzubeziehen und gerade auch in die Länder zu gehen, in denen nach wie vor Konflikte, Flucht und Vertreibung herrschen.

DOMRADIO.DE: In den letzten Monaten macht sich so ein bisschen das Gefühl breit, dass Flüchtlinge in den Medien nur noch selten und in Ausnahmefällen vorkommen, wie beispielsweise jetzt die Menschen in Bosnien. Erleben Sie das auch so?

Müller: Nicht unbedingt. Ich will in diesem Zusammenhang an die Situation in Griechenland auf Lesbos im Lager Moria erinnern, wo es zum Beispiel eine große Solidarität auch hier in der deutschen Bevölkerung gibt, diesen Menschen zu helfen. Wir haben, das muss ich ehrlich sagen, zu unserer eigenen Überraschung, sehr viele Spenden auch genau für diese Flüchtlinge bekommen, die sich dort aufhalten.

Wir haben Gott sei Dank auch für Katastrophen-Situationen in anderen Ländern immer wieder Unterstützung von unseren Spenderinnen und Spendern bekommen. So habe ich zwar, wenn einen Blick in die Zeitung werfe, das Gefühl, dass Corona alles dominiert. Aber andere Notsituationen, erinnern wir uns zum Beispiel an die schwere Explosion im Libanon oder an die Flüchtlingskrise in Venezuela, werden schon auch wahrgenommen. Und das halte ich doch etwas für etwas sehr, sehr Positives.

Das Interview führte Uta Vorbrodt.

(DR)

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