Libanesische Künstler kreierten die Statue in Beirut mit Trümmern der Explosion
Libanesische Künstler kreierten die Statue in Beirut mit Trümmern der Explosion
Nadim Ammann
Nadim Ammann, Leiter des der Diözesanstelle Welkirche-Weltmission im Erzbistum Köln

29.10.2020

Erzbistum Köln hilft bei Wiederaufbau in Beirut "Die Menschen sehen keine Perspektive"

Die Explosion in Beirut am 4. August zerstörte große Teile der Stadt. 220 Menschen starben. Das Erzbistum Köln hilft mit der Spendenaktion "Gemeinsam für Beirut". Nadim Ammann war jetzt vor Ort, um die Hilfe zu koordinieren.

DOMRADIO.DE: Wie geht es den vielen Menschen, die jetzt Angehörige betrauern, verletzt sind oder ihr Zuhause verloren haben?

Nadim Ammann (Beirut-Hilfekoordinator für das Erzbistum Köln): Das ist vielleicht einer der negativsten Eindrücke, die ich mit zurückbringe. Ich habe den Libanon selten so depressiv erlebt. Die Menschen sind unheimlich betroffen, und vor allen Dingen fehlt ihnen komplett die Perspektive, wie es denn weitergehen könnte. Die Explosion ist praktisch zusätzlich dazugekommen. Es hat ja vorher schon eine wirtschaftliche und politische Krise gegeben. Dann kam Corona hinzu. Und dann noch die Explosion. Irgendwie geht es immer nur schlimmer. Die Menschen sehen einfach keine Perspektive und wissen nicht, wie sie ihre Zukunft gestalten sollen.

DOMRADIO.DE: Jetzt kommt der Winter ja auch noch dazu. Das macht die Situation der Betroffenen dort sicherlich nicht leichter, oder?

Ammann: Die Aufbaumaßnahmen sind zwar voll im Gange, aber man kann sich ja vorstellen, wenn eine Großstadt so stark betroffen ist, dann sind natürlich die ganzen Bauunternehmen, die dort sehr aktiv sind, nicht in der Lage alles auf einmal zu machen.

Es sind ganze Wohnkomplexe, die einfach als Ruine da stehen. Man kann wirklich zum Teil durch die Wohnungen durchschauen, und das wird noch sehr lange gehen, bis sie wieder aufgebaut werden. Die Menschen leben einfach in Notunterkünften. Wer sich bei Verwandten unterbringen konnte, lebt dort. Und wer eine Zweitwohnung hat oder eben ein Haus in den Bergen, der ist dort. Aber die sind ja normalerweise auch nicht für den Winter ausgestattet. Diese Häuser sind ja eigentlich eine Sommerresidenz und nicht für den Winter. Da muss man sich eben auch überlegen, wie man da heizt, wie man da durchkommt. Aber der Winter macht das nochmal schlimmer und bereitet den Menschen eben zusätzliche Sorgen.

DOMRADIO.DE: Es sind nicht nur die Privathäuser, die betroffen wurden, sondern auch viele katholische Gemeinden. Das heißt, die Kirchen zum Beispiel, die Kirche Sankt Michael wurde zerstört. Wie wichtig ist es für die Menschen in der Stadt, dass auch diese Kirchen und die Gebäude der katholischen Kirche schnell wieder aufgebaut werden?

Ammann: Das ist sehr wichtig. Fast alle, die ich getroffen habe, habe ich gefragt: was erwartet ihr denn von uns? Wie können wir euch helfen? Und es kommt eigentlich immer als erstes die Aussage "betet für uns" - "wir wollen im Gebet vereint sein". Das ist wirklich das Erste. Wir hatten auch noch am Montag eine ganz andere Sache: die beiden Partnerschulen, die Domsingschule und die St.-Rita-Schule haben ein Video gemacht. Auch da wurde die Frage gestellt, und die Kinder im Libanon sagten: "Betet für uns". Und das ist genau diese Aussage, die dann auch die Kirchen betrifft. Die St. Michael Kirche ist wieder aufgeräumt. Dort finden wieder Gottesdienste statt. Das ist für die Leute einfach eine Möglichkeit, Hoffnung zu schöpfen, weil man sich als Seelsorger um sie kümmert. Das ist ein riesiger Schock, wenn einem plötzlich alles weg explodiert wird.

Durch den Druck sind alle flexiblen Teile durch die Luft gewirbelt worden. Es sind die Fenster, Türen und so weiter aus der Angel gerissen worden. Natürlich auch die gesamte Infrastruktur in der Wohnung. Da ist einfach viel kaputt gegangen, und man sieht dann praktisch, dass alles, was man hat, in Trümmern liegt. Und dann ist es gut, wenn die Seelsorger da sind - und die waren fantastisch. Die Priester sind gleich in den Wochen danach zu den Leuten nach Hause gegangen, haben die Kommunion mitgebracht, haben gefragt: Wollt ihr beten? Braucht ihr was von uns? Das war eine große, koordinierte Aktion der Priester und eine tolle Sache. Und die Kirchen? Das sind große Gebäude. Das wird auch eine Weile gehen. Sie sind aufgeräumt, aber die Fenster sind mit Planen zugeklebt, und man hat ein paar Stühle aufgestellt. Aber das wird noch sehr lange gehen, bis da auch die Kirchen wieder in Ordnung sind.

DOMRADIO.DE: Beten, Seelsorge ist das Eine, aber es braucht eben auch die finanzielle Hilfe. "Gemeinsam für Beirut" heißt die Spendenaktion des Erzbistums Köln. Wer oder was wird denn da mit den Spendengeldern unterstützt? Auch die Kirchen?

Ammann: Genau, auch die Kirchen, die Konvente, die Residenzen der Priester, die Krankenhäuser. Ich habe das Krankenhaus der Rosenkranz-Schwestern besucht. Das ist unvorstellbar, wenn man Aufzüge nur noch als Klumpen sieht, total in sich verdreht, dann muss alles gemacht werden. Der Rohbau steht, Zement ist in der Regel kaum betroffen. Aber alles, was so flexibel ist, das muss ersetzt werden, inklusive der Decken und der Stromleitungen, die herausgerissen worden sind. Da kann eben mit dem Geld, was wir gespendet haben, die Hälfte eines Stockwerks finanziert werden. Bei dem Verein ist es ja so: Wenn da eine Kirche ist, dann ist auch das Pfarrhaus daneben. Die Schwestern betreiben ja oft soziale Einrichtungen, Schulen und so weiter. Das Kindermissionswerk hilft eben die Schule aufzubauen, und wir helfen das Mädcheninternat und den Konvent wieder aufzubauen. Bei den Lateristen haben wir das Foyer der Studenten mitfinanziert. Auch da wird ordentlich gearbeitet. Die Zimmer sind zum Teil schon wieder bewohnbar. Das ist gut so. Und unsere Hilfe geht eben vornehmlich in die pastorale Infrastruktur.

DOMRADIO.DE: Und da können Sie dann auch garantieren, dass das gespendete Geld auch direkt vor Ort ankommt und gut verwendet wird.

Ammann: Ja, wir arbeiten wirklich mit Partnerorganisationen, mit denen wir schon seit sehr vielen Jahren zusammenarbeiten und ausschließlich gute Erfahrungen gemacht haben. Das können wir mit ziemlicher Sicherheit sagen.

Das Interview führte Gerald Mayer.

(DR)

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