Harry Potter-Pappaufsteller
Harry Potter-Pappaufsteller

08.07.2020

Vor 20 Jahren brach der vierte Harry-Potter-Band alle Rekorde Von der Magie des gedruckten Wortes

Die Lebensgeschichte der Autorin klingt selbst fast wie ein Märchen, der Erfolg ihres Werks hat eine ganze Branche revolutioniert. Der endgültige Durchbruch von "Harry Potter" liegt inzwischen 20 Jahren zurück.

Das Herzklopfen. Die zittrigen Finger beim Umblättern. Die ständige Sorge, einer Lieblingsfigur könnte etwas Schreckliches zustoßen - und gleichzeitig der unbändige Drang, weiterzulesen, immer weiter. Was für frühere Generationen die Wildwest-Abenteuer von Karl May waren, ist für viele jüngere Leseratten die Romanreihe "Harry Potter". Vor 20 Jahren, am 8. Juli 2000, erschien der vierte Band über den Zauberschüler: "Harry Potter and the Goblet of Fire". Über 66 Millionen verkaufte Exemplare weltweit sicherten dem Roman einen Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde. Und ein Ende der Erfolgsgeschichte ist nicht abzusehen.

1.500 Pfund Vorauszahlung für den ersten Teil

Joanne K. Rowling, die heute als eine der reichsten Frauen von Großbritannien gilt, wusste nach eigenem Bekunden bereits mit sechs Jahren, dass sie Schriftstellerin werden möchte. 1990 saß sie in einem verspäteten Zug am Londoner King's Cross und sah - so erzählte sie es später - erstmals diesen dunkelhaarigen Jungen vor ihrem inneren Auge, der nicht wusste, dass er ein Zauberer war. Wieder zu Hause, begann sie zu schreiben.

Im selben Jahr starb Rowlings Mutter; sie heiratete einen TV-Journalisten, der sie und ihre Tochter nach einem Jahr verlassen sollte. Fortan schrieb sie in Cafes oder ihrer kleinen Wohnung in Edinburgh. Die arbeitslose, alleinerziehende junge Mutter fand schließlich einen Literaturagenten - der zunächst jedoch zwölf Absagen kassierte. Dann bot Bloomsbury 1.500 Pfund Vorauszahlung für "Harry Potter und der Stein der Weisen" und druckte zunächst eine Kleinauflage von 500 Stück.

"Potter-Effekt" beflügelt Kinderbuchliteratur

Als der zweite Band erschien, war die Nachfrage bereits hoch. Ein Jahr später erhielt die Autorin tausende Briefe pro Woche. Und um die Jahrtausendwende wurde "Harry Potter" endgültig zum Hype. Im Oktober 2000 erschien der vierte Band rund um das "Trimagische Turnier" in deutscher Übersetzung ("Harry Potter und der Feuerkelch"); parallel dazu begannen die Dreharbeiten für die Verfilmung der Reihe.

Der "Potter-Effekt" betraf fürderhin den gesamten Markt der Kinderbuchliteratur. "Harry Potter" sei für Kinderbücher gewesen wie die Beatles für die Popmusik, sagte die schottische Jugendbuchautorin Julie Bertagna einmal: eine Revolution. Auch in Deutschland verbinden Eltern, Lehrer und Verlagsleute mit der Buchreihe bis heute die Hoffnung, Kinder - vor allem Jungen - wieder für das Lesen zu begeistern.

Kritik von Papst Benedikt XVI. – Lob im "L'Osservatore Romano"

Indes stieß der moderne Zauberlehrling nicht überall auf Begeisterung. In manchen christlichen Buchhandlungen waren die Romane zeitweise verboten; kein Geringerer als Papst Benedikt XVI. äußerte die Befürchtung, die "subtilen Verführungen" darin könnten den christlichen Glauben verderben. Später lobt indes die Vatikanzeitung "L'Osservatore Romano" die "Harry Potter"-Verfilmungen; Doktorarbeiten untersuchten etwa die Konzeption von Sterblichkeit in der Romanreihe.

In den Büchern selbst wird Religion selten direkt thematisiert. Auf den Grabsteinen verschiedener Figuren finden sich allerdings Bibelzitate: "Der letzte Feind, der entmachtet wird, ist der Tod" (1. Kor 15,26) steht auf jenem von Harrys Eltern; auf dem des langjährigen Leiters der Zauberschule Hogwarts, Albus Dumbledore, heißt es: "Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz" (Mt 6,21). 2004 erklärte Rowling bei einem Literaturfestival, seine Eltern hätten Harry einst taufen lassen.

Entwicklung der Buchreihe

Vom kinderfreundlichen Kampf zwischen Gut und Böse wandelte sich die Reihe zum teils düsteren Jugendbuch, das aktuelle Ereignisse reflektierte. Der Amoklauf von Columbine 1999 oder der Terroranschlag vom 11. September 2001 fanden ihren Widerhall. Der Autor Tilman Spreckelsen analysierte, Rowling habe nachgezeichnet, wie überwunden geglaubtes Gedankengut langsam in eine Welt zurückkehre, die davor die Augen verschließe. "Es fällt nicht schwer, darin den Ausdruck einer tiefen Sorge der Autorin zu erkennen", schrieb er in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Politisch äußert sich Rowling heute ganz direkt auf Twitter - nicht ohne anzuecken. Sie schreibt weiter und wirkt an der Verfilmung ihrer Werke mit; zuletzt veröffentlichte sie das Corona-Märchen "The Ickabog". Ihr eigenes modernes Märchen ist noch nicht vorbei.

Paula Konersmann
(KNA)

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