Demonstration der Initiative Maria 1.0 vor dem Kölner Dom
Demonstration der Initiative Maria 1.0 vor dem Kölner Dom

08.03.2020

Warum Frauen weltweit vor Kirchen demonstrieren "Wir brauchen eine Kirche, die Gerechtigkeit vorlebt"

Am Weltfrauentag demonstrieren Frauen weltweit für eine gleichberechtigte Kirche. Mit dabei sind Ute Hücker und Regina Bannert. "Wir wollen, dass sich etwas verändert", sagen sie. Denn was Kirche entscheidet, habe Folgen für die ganze Gesellschaft.

DOMRADIO.DE: Was ist das aktuell für ein Gefühl, das Sie haben, wenn Sie sich für die Gleichberechtigung von Mann und Frau in der katholischen Kirche engagieren?

Regina Bannert (Pastoralreferentin und Aktivistin bei Maria 2.0 in St. Agnes in Köln): Mein Gefühl ist, dass dies ein notwendiges Thema ist und dass es nicht in Ordnung ist, sich das Ende der Debatte diktieren zu lassen, denn die Debatte ist erst dann zu Ende, wenn für die Frauen das Thema erledigt ist. Oder wenn so viele Frauen die Kirchen verlassen haben, dass das Thema sich auf diese Weise erledigt hat. Und genau das wollen wir nicht.

Ute Hücker (Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit vom Katholischen Deutschen Frauenbund, KDFB): Genau so ist es. Wir haben ja mit dem Thema der Gleichberechtigung, mit dem Internationalen Frauentag, auch ganz deutlich die Kirche im Fokus. Kirche ist Bestandteil unserer Gesellschaft und wir können es uns heute überhaupt nicht erlauben und nicht leisten, Frauen außen vor zu lassen. Frauen, die genauso begabt und fähig sind, etwas in die Wege zu leiten, die einen klaren Verstand haben, die genau wissen, was Sache ist, und die ein ganz, ganz großes Interesse daran haben, gemeinsame Sache zu machen. Auch in der Kirche.

DOMRADIO.DE: Die Bonner Theologin Katharina Westerhorstmann hält es für ausgeschlossen, dass Frauen Priesterinnen werden in der katholischen Kirche und beruft sich auf Papst Johannes Paul II. Letzte Woche hat sie im Interview mit der Kölner Kirchenzeitung gesagt: Es ginge um Nachfolge in der Kirche, und als Laie, ob Mann oder Frau, könnte man die genauso radikal und vor allem auch überzeugend leben wie mit einem Amt oder Weiheamt. Hat sie nicht recht?

Bannert: Wir müssen betrachten, dass der Ausschluss vom Amt gleichbedeutend ist mit dem Ausschluss von sämtlicher Entscheidungsmacht und Gestaltungsmacht in der Kirche. Und das ist etwas, das kann einfach nicht so ersetzt werden. Das, was Frau Westerhorstmann vorschlägt, das tun Frauen ja schon immer. Allerdings bleiben sie einfach von allen Entscheidungen und allen Gestaltungsmöglichkeiten ausgeschlossen. Und dies hat in der Kirche Folgen und eben auch gesamtgesellschaftlich Folgen, weil die Kirche damit Modell ist.

Die Kirche begründet diesen Ausschluss ja mit dem Wesen der Frau. Und nach all den Kämpfen für die Gleichberechtigung der Frauen, die gesellschaftlich schon gefochten wurden und die auch noch nicht zu Ende sind, haben wir doch in unserer Gesellschaft einen Konsens darüber, dass es keine Herabwürdigung von Frauen aufgrund ihres Wesens geben darf, weil das gegen ihre Würde verstößt. Und es verstößt genauso gegen die Würde von Frauen, wenn sie innerhalb der Kirche von der Macht ausgeschlossen bleiben. Diesen Verweis von Frau Westerhorstmann finde ich offen gestanden schmerzlich, vor allem weil er von einer Frau kommt. Aber er ist deswegen nicht richtiger.

DOMRADIO.DE: Der Reformprozess der katholischen Kirche, der Synodale Weg, beschäftigt sich auch mit den Frauen in der Kirche. Was muss jetzt passieren? Was wären die nächsten Schritte?

Hücker: Zunächst einmal sind ja nach der ersten synodalen Versammlung die Foren eingerichtet, die sich jetzt langsam konstituieren und mit ihrer Arbeit beginnen. Was notwendig ist und was ja auch schon in Vorarbeit erstellt worden ist, ist, dort weiterzumachen und genau zu schauen: Wo stehen wir, wo wollen wir hin? Und was ist unser Ziel? Ich kann mich nur auf einen Weg begeben, wenn ich ein klares Ziel vor Augen habe. Wenn man irgendwo ankommen will, dann muss man sich Gedanken darüber machen, wo dieser Punkt ist und auf welche Art und Weise man ihn erreicht. Das hat sicherlich zur Folge, dass man zwischenzeitlich auch immer mal Rast macht. Aber wenn uns eine Erneuerung in der Kirche, eine Veränderung, wichtig ist und wenn wir wollen, dass Kirche wieder an Glaubwürdigkeit und an Bedeutung bei den Glaubenden und innerhalb der Gesellschaft gewinnt, dann müssen wir aktiv werden. Und das betrifft sämtliche Bereiche.

Es geht hier nicht nur um die Frauenfrage. Wer hat recht oder wer hat nicht recht? Darum geht es gar nicht. Letztendlich steht das im Mittelpunkt, worauf wir alle aus sind: nämlich die Weitergabe des Glaubens, das Evangelium. Und da ist es wirklich Zeit, zu schauen: Wie können wir als Kirche wieder so glaubwürdig und so bedeutsam werden, dass wir eine Vorbildfunktion haben, dass auch Menschen sagen, ich bin gerne in der Kirche.

DOMRADIO.DE: Sie fordern, dass sich die Kirche verändert und haben letzte Woche gegenüber allen deutschen Bischöfen auf ihrer Vollversammlung mehr als 130.000 Unterschriften.abgegeben. Was erhoffen Sie sich davon? Was bringt das?

Hücker: Wir, das ist die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (KFD) und der Katholische Deutsche Frauenbund (KDFB), haben Unterschriften gesammelt für eine geschlechtergerechte partnerschaftliche Kirche, die auf Zukunft ausgerichtet ist. Es haben innerhalb kürzester Zeit, innerhalb von drei bis vier Monaten mehr als 130.000 Menschen mit ihrer Unterschrift kundgetan, dass sie sich für Veränderungen einsetzen. Es sind 130.000, die ganz bewusst und laut und deutlich sagen: So wie es jetzt geht, wollen wir unsere Kirche nicht mehr. Wir wollen eine Veränderung. Wir wollen, dass sich hier etwas bewegt. Wir wollen, dass Frauen und Männer sich gemeinsam auf den Weg machen und sich einsetzen für eine Zukunft. Wir wollen keine Revolution. Wir wollen einfach, dass sich etwas verändert.

Und wir wollen, dass Kirche weiterhin den Platz in unserem Leben hat. Und deswegen sind die Frauen aufgestanden. Sie tun das übrigens schon lange. Das ist kein Phänomen des letzten Jahres. Frauen sind seit vielen Jahren und besonders seit dem Zweiten Vatikanum unterwegs und setzen sich für eine Kirche ein, die ihre Würde und ihre Fähigkeiten auch ernst nimmt, respektiert und wertschätzt.

DOMRADIO.DE: Frauen oder überhaupt Menschen nutzen den Internationalen Frauentag am 8. März, um sich in Deutschland und den Nachbarländern und auf der ganzen Welt für Gleichberechtigung von Männern und Frauen einzusetzen. Was bedeutet Ihnen dieser Tag heute?

Bannert: Der Internationale Frauentag, zumal an einem Sonntag, hat sich uns sofort logisch auf den Tisch gelegt. Wir sehen uns da in der Tradition von Frauen, die seit langer, langer Zeit – den Internationalen Frauentag gibt es ja schon seit Anfang des letzten Jahrhunderts – für die Gleichberechtigung, gleichen Respekt und gleiche Würde von Frauen kämpfen. Und da haben wir eher das Gefühl, dass wir von dem, was erreicht worden ist, schon profitieren können.

Andererseits müssen wir auch sagen, haben wir als Kirche eine Verantwortung. Denn die Art und Weise, wie in der Kirche Macht gelebt wird, wie das Miteinander gelebt wird, wie der Umgang mit den Geschlechtern gelebt wird, hat immer noch eine wichtige Signalwirkung für die Gesellschaft. Und wenn wir gegen Ungerechtigkeit kämpfen wollen, wenn wir gegen Missbrauch von Frauen, gegen Vergewaltigungen und Gewalt gegen Frauen kämpfen wollen, hier und weltweit, dann brauchen wir eine Kirche, die das vorlebt.

Eine Kirche, die in den eigenen Strukturen Frauen von der Macht fernhält, ist ein zahnloser Tiger im Kampf für Gerechtigkeit und die Würde von Frauen. Wir brauchen eine Kirche, die Gerechtigkeit vorlebt. Und das ist nicht nur relevant für Christinnen und Christen und für die, die Kirche miteinander leben wollen, sondern das ist relevant für die gesamte Gesellschaft weltweit.

DOMRADIO.DE: Darum beteiligen sie sich ja auch als Katholischer Deutscher Frauenbund und Maria 2.0. Was ist heute genau geplant?

Hücker: Heute machen sich Frauen auf den Weg, sind zusammen unterwegs, und das nicht nur in Köln, sondern weltweit. Wir sind heute verbunden mit Frauen und vielleicht auch Männern, die unterwegs sind auf dem Weg zur Veränderung – in Deutschland, in Spanien, in Italien, Australien, in Kenia. Wir treffen uns heute auf dem Roncalliplatz, um miteinander darüber zu sprechen, was es uns bedeutet, eins zu sein in der Kirche. Wir legen Zeugnis ab davon, was uns hält, was uns Kraft gibt und Mut macht. Und wir stellen auch genauso dar, was es braucht, was notwendig ist, um gestärkt weiterzumachen für den Wandel. Wir sind Teil einer weltweiten Bewegung "Voices of Faith". Und wir fühlen uns verbunden und wissen: Wir sind nicht alleine eine Graswurzelbewegung, sondern wir sind ganz viele.

Bannert: Das Motto des heutigen Tages ist "Wir sind die Veränderung". Es ist ganz deutlich, dass die Frauen und Männer in der Kirche nicht mehr warten, bis die Kirche sich verändert, bis Strukturen sich verändern, sondern das selber in die Hand nehmen. Das zeigt sich an vielen Aktionen, an gemeinsamen Gottesdiensten, gemeinsamen Wegen, miteinander Glauben zu leben. Die Gestaltungskraft wird von den Frauen und auch von den Männern selber ganz, ganz deutlich gespürt. Denn seit den Missbrauchsskandalen ist das Vertrauen in die Autorität einfach stark erschüttert.

Und die Menschen sind nicht mehr einfach bereit, die Definitionsmacht von Amtsstrukturen hinzunehmen, sondern sie sehen, was sie selber an Glaubenskraft haben, was sie auch erkennen und sehen können, und trauen ihren Wahrnehmungen und gestalten. Und ich glaube, dass wir beides brauchen. Wir brauchen die Veränderung in der Struktur, aber das lebendige Leben beginnt jetzt mit Veranstaltungen wie heute.

Das Gespräch führte Katharina Geiger.

(DR)

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