Karneval in Rio
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21.02.2020

Klassisches Heiland-Bild wird hinterfragt "Schwarzer Jesus" wirbelt Carnaval in Rio durcheinander

Im Karneval von Rio de Janeiro wird Jesus in einem Umzug als dunkelhäutiger Slumbewohner inszeniert. Konservative Kreise halten das für Blasphemie.

Ein in der Favela geborener Jesus "mit indigenem Blut und Frauenkörper" - wieder mal diskutiert man am Zuckerhut über die Vermischung religiöser Motive mit dem "Carnaval". Und wieder mal ist es die Künstlergruppe Mangueira mit ihrer Vorliebe für bissige Gesellschaftskritik gegen den autoritären Konservatismus. Auch die reflexartigen Reaktionen aus dessen Lager, die hinter dem dunkelhäutigen Jesus Blasphemie wittern, kennt man bereits.

Sein Jesus stehe "mit beiden Beinen in der Realität und bittet um Würde", so der künstlerische Leiter der Mangueira, Leandro Vieira. Angesichts von Armut in den Favelas und Gewalt von Drogenbanden und Polizei eine verständliche Bitte. Dass man damit in konservativen Kreisen anecke, zeige nur, dass man das richtige Thema angesprochen habe, so Vieira.

Vorwurf der "Blasphemie"

Die Mangueira hinterfrage bewusst das klassische, von den Renaissancekünstlern geschaffene Jesusbild mit hellen Locken und blauen Augen, sagt der Karnevalsexperte Aydano Andre Motta. "Aber die traditionell mächtigen Gruppen, meist Weiße, mögen es nicht, wenn das traditionelle Bild des weißen Jesus verändert wird."

Eine Gruppe konservativer Katholiken hatte eine Unterschriftenaktion gestartet. Hinter der "Blasphemie" steckten die marxistisch-sozialistischen Ideen der Befreiungstheologie, monierten sie. Auch evangelikalen Kreisen ist die Mangueira zuwider. Generell sehen die Evangelikalen den traditionellen Karneval mit seinen afrikanischen Elementen kritisch. Bürgermeister Marcelo Crivella, ein evangelikaler Bischof, hält Abstand zum Carnaval.

In den Favelas häufen sich zudem Übergriffe auf afrobrasilianische Kultstätten. Es gibt gar evangelikale Drogenbanden, die sich "im Dienste des Herrn" wähnen und schwarze Priester bedrohen.

Konflikte durch Vermischung von Profanem und Sakralem

Die Vermischung von Profanem und Sakralem habe in der Geschichte oft für Konflikte gesorgt, erinnert der Theologieprofessor Francisco Borba Ribeiro Neto von der Katholischen Universität Sao Paulo. Bereits im 16. Jahrhundert seien Theaterstücke in Europa deshalb zensiert worden. Empörte Reaktionen seien auch heute nicht unüblich. "Auch in Brasilien sind nun mal nicht alle Menschen der Meinung, dass im Karneval alles erlaubt sein sollte."

Rios Erzdiözese hatte 1989 per Gericht der Sambaschule Beija-Flor untersagen lassen, mit einer Miniaturversion der Christusstatue von Rio aufzulaufen. Die Jecken umhüllten die Figur daraufhin mit Plastik und schrieben "Zensur" darauf. Die Kirche hat daraus gelernt und reagiert heute gelassener. So beschränkte sich die Erzdiözese darauf, um engere Zusammenarbeit zu bitten. Das Verhältnis zur Amtskirche sei inzwischen gut und entspannt, hört man in den Sambaschulen.

Fortsetzung des letztjährigen Umzugs

Mit den dichten schwarzen Locken ähnelt Mangueiras Jesus der 2018 in Rio ermordeten Stadträtin Marielle Franco. Das ist kein Zufall. Franco - schwarze, lesbisch und aus einer Favela stammend - war schon beim Karneval 2019 von der Mangueira gewürdigt worden. Mit ihrem Konterfei auf den Fahnen feierte man einen als historisch empfundenen Triumphzug. Schon damals ging es darum, die "nicht-offizielle Geschichte Brasiliens" zu erzählen, also die der Indigenen, Schwarzen und der Armen.

So ist der diesjährige Umzug eigentlich eine Fortsetzung des letztjährigen - und ein Seitenhieb auf den rechtspopulistischen Präsidenten Jair Messias Bolsonaro. Der Ex-Militär und seine in der Politik aktiven Söhne haben an mehreren Stellen seltsame Berührungspunkte zu dem ungeklärten Franco-Mord. Einer der Verdächtigen ist Bolsonaros Nachbar und soll einem Killerkommando angehören, dessen mutmaßlicher Chef über Jahrzehnte den Bolsonaros nahestand.

Noch direkter ist der Titel der Mangueira-Show: "Die Wahrheit wird euch frei machen" - eine Anspielung auf das Johannes-Evangelium 8,32: "Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch befreien." Das ist Bolsonaros Motto; die Bibelstelle, die er bei jedem Auftritt zitiert. Und die einzige, die man von dem Katholiken hört, der sich 2016 von einem evangelikalen Pastor im Jordan ein zweites Mal taufen ließ. Wahrheiten können unterschiedlich ausfallen.

Thomas Milz
(KNA)

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