Weltweit werden 40 Millionen Menschen Opfer von moderner Sklaverei
Weltweit werden 40 Millionen Menschen Opfer von moderner Sklaverei

02.12.2019

Kolping International über Zwangsarbeit "Unter welchen Bedingungen für Mensch und Natur ist dieses Gut hergestellt worden?"

Offiziell gilt Sklaverei als abgeschafft. Aber in der Realität existiert sie weiterhin. Immer noch sind schätzungsweise 40 Millionen Menschen gezwungen, unwürdige Arbeit zu verrichten, von deren Lohn sie nicht leben können.

DOMRADIO.DE: Der Schutz der Arbeiter, das war zu Zeit der industriellen Revolution das zentrale Anliegen von Verbandsgründer Adolph Kolping. Arbeitsbedingungen, Bildungschancen und Gerechtigkeit sind bis heute zentrale Themen für das Internationale Kolpingwerk, richtig?

Dr. Markus Demele (Generalsekretär Kolping International): Ganz genau. Wir stehen da ganz fest in der Tradition des seligen Adolph Kolping, denn es gibt leider weiterhin noch viel, viel zu tun.

DOMRADIO.DE: Wo finden wir denn die krassesten Beispiele für moderne Sklaverei?

Demele: Ich weiß nicht, ob es korrekt ist, wirklich von den krassesten Beispielen zu reden. Denn jeder Mensch, der in Sklavenarbeit lebt, oder, wie man eher sagen muss, von Zwangsarbeit, der ist ganz übel dran. Diese 40 Millionen, die die Internationale Arbeitsorganisation ILO angibt, das sind wirklich die Menschen, die unter Zwangsarbeit leiden. Die Zahl der Menschen, die unter menschenunwürdigen Bedingungen leben und arbeiten, dürfte um den Faktor zehn, ich weiß es gar nicht genau, höher sein – viel, viel höher.

Da reden wir von Menschen, denen wirklich die basalen Rechte bei der Arbeit verwehrt bleiben. Diese 40 Millionen sind wirklich Zwangsarbeiter. Das heißt, das sind Menschen, Männer und Frauen, unglaublich viele Kinder, die in einer solchen abhängigen Beschäftigung sind, dass sie mit dem Tode bedroht werden, dass sie mit Gewalt bedroht werden, wenn sie diese Arbeit nicht weiter fortführen – sie sind auch teilweise in Schuldknechtschaft.

DOMRADIO.DE: Eigentlich gilt die Sklaverei als abgeschafft. Seit hundert Jahren gibt es die Internationale Arbeitsorganisation ILO, deren Mitglieder sich zu menschenwürdiger Arbeit verpflichten. Das bewirkt dann scheinbar nicht so viel, oder? Woran liegt das?

Demele: Man muss sehen, wie die Welt aussehen würde, wenn es die ILO nicht geben würde – mit Sicherheit schlechter. Denn auf der Ebene des Papieres, auf der deklaratorischen Ebene, und auch auf der Ebene der Bewusstseinsbildung, ist die ILO ungemein wichtig. Denn dort in Genf werden jedes Jahr die Arbeitsnormen und die Arbeitswerte verhandelt, die der Arbeitswelt auf dem ganzen Planeten ein menschlicheres Gesicht geben. Ganz stark orientiert ist das auch an dem, was in der katholischen Soziallehre wichtig ist. Darum ist Kolping International auch jedes Jahr dort präsent und versucht, den Delegierten aus Regierung, Gewerkschaften und Arbeitnehmern ins Gedächtnis zu rufen, was es braucht, damit der Wert des Menschen, die Würde des Menschen bei der Arbeit nicht verdunkelt wird. Die ILO müsste nur mit Sanktionsmechanismen ausgestattet werden, dass sie eben nicht nur Regeln erlässt, sondern auch die Durchsetzung dieser Regelung auf irgendeine Art und Weise ermöglicht.

DOMRADIO.DE: Freitag war der sogenannte "Black Friday" – quasi der Auftakt zum Weihnachtsgeschäft. Das kommt aus den USA, aber auch hierzulande locken inzwischen viele Händler und Läden mit Rabatten und Schnäppchen. Unter dem Motto: "Den Schnäppchen ein Schnippchen schlagen" liefen am Wochenende bundesweit Aktionen, an denen sich auch das Kolpingwerk beteiligt hat. Worum ging es dabei?

Demele: Die Psychologen sagen uns, dass es bestimmte Neuronen gibt, die in unserem Hirn springen, wenn wir Rabatte sehen. Und dieser "Black Friday" ist wahrscheinlich, aus den USA kommend, der Höhepunkt dieser Rabattschlachten. Man möchte dann unbedingt ein Schnäppchen machen. Und man vergisst ganz und gar zu schauen, welche realen Kosten mit einem günstig erscheinenden Produkt eigentlich verbunden sind. Mensch und Umwelt haben möglicherweise bei der Produktion dieses Gutes gelitten. Der "Black Friday" schaut nur auf den Preis. Und wir versuchen, den Horizont zu weiten und auch die Frage zu stellen: Braucht man so ein Gut? Ist es wirklich notwendig? Und vor allem: Unter welchen Bedingungen für Mensch und Natur ist dieses Gut hergestellt worden?

DOMRADIO.DE: Sie sind eine von vielen Organisationen, die die Initiative "Lieferkettengesetz" unterstützt. Sie fordern ein Gesetz, das Unternehmen verpflichtet, Menschenrechte zu achten und Umweltzerstörung zu vermeiden. Bisher setzt die Bundesregierung auf Freiwilligkeit, weil deutsche Unternehmer internationale Wettbewerbsnachteile befürchten. Ist die Sorge nicht berechtigt?

Demele: Nein, die Sorge ist nicht berechtigt. Es gibt große Unternehmen, die sich selbst im Rahmen dieser Kampagne engagieren, die sagen: Wir wollen nicht den Wettbewerb austragen auf dem Rücken der Menschen. Wir wollen den Wettbewerb in Sachen Qualität, in Sachen Service. Und es gibt die Unternehmen, die menschenwürdige Arbeit achten, die die Umwelt nicht verschmutzen. Diese Unternehmen wünschen sich, dass es faire Bedingungen gibt, dass es ein Gesetz gibt, dass alle zu gleichen Wettbewerbsbedingungen verpflichtet. Das dort eben nicht, sagt: Ich produziere in Kinderarbeit, oder ich produziere unter Arbeitsbedingungen, die es möglichst billig machen – und die haben dann den Vorteil am Markt.

Diese Initiative "Lieferkettengesetz" baut auf die Erfahrung, dass Freiwilligkeit in den letzten Jahrzehnten nicht funktioniert hat. Das weiß der Bundesminister Müller, der dieses Gesetz schon initiiert hat und das immer wieder starkmacht, auch zuletzt beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Das wissen auch viele Unternehmen, die sich nämlich ganz bewusst nicht an einer Umfrage beteiligen, wo die Bundesregierung sie abfragt: Sagt mal, wie sieht das denn eigentlich aus in der Lieferkette bei euch? Schaut ihr da rein? Wisst ihr da wirklich, wie es um die Arbeitsbedingungen aussieht, auch bei den Zulieferern in zweiter, dritter Instanz? Und die Rückmeldungen sind so mager, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass diese gesetzliche Regelung kommen wird. Und sie ist bitter, bitter nötig.

DOMRADIO.DE: Wie sieht es mit uns als Konsumenten aus? Wenn wir Produkte aus billiger Herstellung nicht mehr kauften, würden Sie dann auch nicht mehr hergestellt? Ist das so einfach?

Demele: Grundsätzlich ja. Es ist so einfach. Das Problem ist aber: Wenn ich vor dem Kaffeeregal im Supermarkt stehe, dann lacht mich vielleicht das Fairtrade-Siegel an, da lacht mich das Bio-Siegel an. Da ist die Kaufentscheidung, wenn ich das entsprechende Geld in der Tasche habe und die Bereitschaft habe, mehr auszugeben – einfach. Bei der Mehrheit der Güter aber kann der Konsument das überhaupt nicht überblicken. Beim Telefon, da weiß man vielleicht noch: Ach, es gibt dieses Fairphone. Bei anderen Gütern wie Schuhen, Unterwäsche, Kopfhörern, da wird es schon deutlich schwieriger. Bei den vielen Konsumentscheidungen – und wahrscheinlich sind es auch zu viele, die wir zu treffen haben, müssen Menschen sich darauf verlassen können, dass die Politik die Regeln und den Rahmen setzt und vor allem auch durchsetzt.

Das Interview führte Dagmar Peters.

(DR)

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