Hilfe in der Not
Armut in Deutschland
Reinhard Kardinal Marx
Reinhard Kardinal Marx

29.11.2019

Kardinal Marx zur Bedeutung der Armutsbekämpfung Gesellschaft nicht zukunftsfähig, wenn prekäre Lebensverhältnisse zunehmen

Der Münchner Erzbischof Reinhard Kardinal Marx hat die Bedeutung der Armutsbekämpfung für Kirche und Gesellschaft unterstrichen. Nachholbedarf räumte Marx bei der Schaffung von Wohnraum für Arme ein.

"Unsere Gesellschaft wird nicht zukunftsfähig sein, wenn wir prekäre Lebensverhältnisse weiter wachsen lassen", sagte Marx am Donnerstag bei der von der Caritas organisierten ersten katholischen Armutskonferenz in München. Die Zunahme gesellschaftlicher Spannungen sei auch aus politischer und ökonomischer Perspektive nicht gut. Im Moment sei jedoch zu beobachten, dass Armut zunehme und sich immer mehr verfestige.

Die Sorge für Arme, Schwache und alle, "die an Leib und Seele beschädigt sind", sei für die Kirche genauso wichtig wie die Feier der Sakramente, "am Ende vielleicht sogar wichtiger", betonte der Kardinal. Er wünsche sich Pfarrgemeinden, "die am Leben ihres Stadtviertels teilnehmen und sich dort besonders um die Armen kümmern".

Wohnraum für Arme

Bei der Schaffung von Wohnraum für Arme "müssen wir uns sehr viel mehr anstrengen", räumte Marx ein. Er wäre froh, wenn es kirchlichen Wohnungseigentümern wie Kirchenstiftungen oder dem Katholischen Siedlungswerk gelänge, einen von der Bistumsleitung beschlossenen Leitwert umzusetzen. Demnach sollen vom Bestand 30 Prozent Sozialwohnungen, 30 Prozent Mitarbeiterwohnungen und nur 40 Prozent auf dem freien Markt vermietet werden. Caritasschwester Monika Plank beklagte, Sozialhilfeempfänger hätten bisher praktisch keine Chance auf eine kirchliche Wohnung.

Der Sozialwissenschaftler Egon Endres sagte, an der nächsten Münchner Armutskonferenz 2020 sollten sich auch große Unternehmen wie Siemens, Allianz und BMW beteiligen. Weltweit werde immer mehr Sozialkapital zerstört. Für die Konzerne gehe es dabei nicht in erster Linie um Spenden, sondern auch um Absatzmärkte. Für viele Reiche in München und andernorts habe Armut kein Gesicht. Daher sei mehr Vernetzung nötig.

Bedeutung für die Gesellschaft

Barbara Igl, Vorständin des Caritas-Fachverbands IN VIA München, sagte, "wir werden auch über Umverteilung reden müssen". Jeder sechste Münchner sei inzwischen armutsgefährdet. "Unsere Gesellschaft wird nicht friedvoller, wenn wenige immer reicher werden und viele fürchten, immer abhängiger von Hilfe zu werden."

Schauspielerin Uschi Glas sagte, nach wie vor kämen viele Kinder in Deutschland morgens hungrig zur Schule. Manche seien so unterzuckert, dass sie im Unterricht ohnmächtig würden. Mit ihrem vor zehn Jahren gegründeten Verein "brotZeit" versorgt sie inzwischen nach eigenen Angaben bundesweit mehr als 10.000 Kinder in Brennpunktschulen täglich mit einem kostenlosen Frühstück. Nachweislich verbesserten sich dadurch Lernleistungen, gebe es unter den Schülern keine Schlägereien mehr. Ihre Erfahrung aus diesem Engagement sei: "Wenn man etwas gibt, kriegt man das Doppelte zurück."

(KNA)

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