Engel auf einem Grab
Engel auf einem Grab
Grablichter auf dem Friedhof
Grablichter auf dem Friedhof

17.11.2019

Wie Friedhöfe um das Überleben kämpfen Totenacker wird zur Begegnungsstätte für Lebende

Rund die Hälfte aller Friedhofsflächen in Deutschland wird nicht mehr für Bestattungen benötigt. In Hamburg nutzt man den Platz unter anderem für Konzerte, Tagungen und Begegnung - und ist damit bundesweites Vorbild.

Auf Deutschlands Friedhöfen wird es immer leerer. Der Trend geht zu kleineren Urnengräbern sowie Beisetzungen in Bestattungswäldern oder auf See. Experten zufolge wird schon jetzt rund die Hälfte aller Friedhofsflächen nicht mehr für Bestattungen benötigt. Ein Verkauf birgt häufig Konfliktpotenzial, nicht zuletzt aus Gründen der Pietät. Was also tun mit den ungenutzten Flächen?

Der Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg, auf dem Größen wie Helmut Schmidt, Wolfgang Borchert und Heinz Erhardt ruhen, macht sich mit dem Programm "Ohlsdorf 2050" fit für die Zukunft. Die Planer gehen davon aus, dass langfristig nur noch ein Viertel des rund 400 Hektar großen Areals für Beisetzungen genutzt wird. Die freiwerdenden Flächen sollen vor allem als Park zur Freizeitgestaltung genutzt und damit zur "Begegnungsstätte für die Lebenden" werden, wie Friedhofssprecher Lutz Rehkopf erklärt. "Das Besondere des Friedhofs soll dabei selbstverständlich weiter im Blick bleiben."

Projekt "Ohlsdorf 2050"

Ideen für das im Jahr 2015 gestartete Projekt "Ohlsdorf 2050" entwickelte die städtische Betreibergesellschaft "Hamburger Friedhöfe" gemeinsam mit Bürgern. In Online-Befragungen und bei Veranstaltungen brachten sie ihre Vorschläge ein. Viele Punkte wurden inzwischen umgesetzt.

So kommt der Eingangsbereich des weltgrößten Parkfriedhofs inzwischen einladender daher. Einige Bäume sind zurückgeschnitten, wodurch das Eingangsgebäude besser zu sehen ist. Eine Neuordnung des Verkehrs zielt darauf, Konflikte zwischen Fußgängern, Radfahrern und Autofahrern zu entschärfen. Entstanden sind ein Duft- und ein Wildblumengarten; letzterer erfüllt den Wunsch vieler Bürger nach "naturnahen" Ruhestätten. In zwei Bereichen des Friedhofs pflanzten die Gärtner alte Apfelsorten an; die Früchte sollen in einigen Jahren an Aktionstagen zum Probieren angeboten werden.

Perspektivwechsel mit Lesetürmen

Jüngste Neuerung ist die Aufstellung sogenannter Lesetürme, die zum einen den Blick von oben auf den Friedhof erlauben und zum anderen Bildbände und Märchenbücher für die Besucher bereithalten. "Idee ist, einen Perspektivwechsel zu schaffen und mal eine andere Sicht auf den Friedhof zu ermöglichen", sagt Rehkopf.

Auch für 3 der insgesamt 13 Kapellen soll eine neue Nutzung her. Eine dient bereits als Veranstaltungsort für Tagungen und Seminare. In einer anderen finden Konzerte, Gespräche und andere Kultur-Events statt. Der ursprüngliche Plan, eines der ausgedienten Gotteshäuser in einen Kindergarten zu verwandeln, wurde jedoch wieder verworfen. "Dafür hätte die betroffene Fläche im Bebauungsplan zu einem Wohngebiet umgewidmet werden müssen, was einige Schwierigkeiten mit sich gebracht hätte", so Rehkopf.

Blaupause für andere Begräbnisstätten?

Insgesamt stehen für "Ohlsdorf 2050" drei Millionen Euro zur Verfügung, davon zwei Millionen Euro Fördermittel vom Bund. Ende des Jahres läuft die Förderung aus. "Doch der Prozess geht weiter", sagt Rehkopf. Sollten sich einzelne Projekte bewähren, würden sie auch in anderen Teilen des Friedhofs realisiert. Darüber hinaus sorge die neu geschaffene Stelle eines Parkmanagements für eine Verstetigung der angestoßenen Entwicklung.

Die Verbraucherinitiative für Bestattungskultur Aeternitas sieht im Ohlsdorfer Friedhof eine Blaupause für andere Begräbnisstätten. Besondere die Beteiligung der Bürger an der Neugestaltung findet sie vorbildlich. Daneben lobt sie etwa das Vorgehen in Köln, wo über die Hälfte der Flächen der 55 städtischen Friedhöfe nicht mehr benötigt wird. Dort werden unter dem Motto "Kulturraum Friedhof 2025" Wünsche zur Nutzung der Friedhofsflächen abgefragt.

Grundsätzlich fordert Aeternitas, beim Abbau von Friedhofsflächen planvoll vorzugehen. Unerlässlich seien eine Flächenermittlung und -bewertung sowie eine Bedarfsplanung. So könne beim Belegen von Grabstätten gezielt auf freiwerdende Areale hingewirkt werden, die einmal entwidmet werden könnten. Nicht mehr für Beerdigungen benötigte Bereiche ließen sich alternativ für Kultur und Sport, Anpflanzungen und Gärten, Landwirtschaft und Gartenbau sowie für die Bebauung nutzen.

Michael Althaus
(KNA)

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