Klaus, ein Bonner Obdachloser, sitzt in einer Straßenbahn in Bonn
Klaus, ein Bonner Obdachloser, sitzt in einer Straßenbahn in Bonn
Der Fotograf Harald Oppitz schlüpft in Bonn in die Rolle eines Bettlers und hält ein Pappschild.
Der Fotograf Harald Oppitz schlüpft in Bonn in die Rolle eines Bettlers und hält ein Pappschild.
Klaus, lange Zeit wohnsitzlos, sitzt in seinem Zimmer im Wohnheim für obdachlose Männer in Bonn.
Klaus, lange Zeit wohnsitzlos, sitzt in seinem Zimmer im Wohnheim für obdachlose Männer in Bonn.
Klaus sitzt an einer Fußgängerzone in Bonn. Einige Monate zuvor trägt Klaus noch einen anderen Bart.
Klaus sitzt an einer Fußgängerzone in Bonn. Einige Monate zuvor trägt Klaus noch einen anderen Bart.

10.10.2019

Aus dem Leben eines Obdachlosen Die Welt, wie Klaus sie sieht

Rund 48.000 Obdachlose leben derzeit in Deutschland. Einer von ihnen ist Klaus aus Bonn. Ein Reporter hat ihn über mehrere Monate begleitet. Seine Geschichte als Beispiel für Viele zum Welttag der Obdachlosen an diesem Donnerstag.

Zum ersten Mal begegnet bin ich Klaus bei einer Adventsfeier in der City Station der Caritas in Bonn. Obdachlose und Bedürftige kamen zusammen, sangen Weihnachtslieder, tranken Kaffee, redeten in der warmen Stube miteinander oder schwiegen ihre Tassen an. Klaus kam spät. Mit löchriger Strickmütze auf dem Kopf und eingepackt in zwei dicke Jacken, fragte er am Tresen nach einem Kaffee. Aus seinem Rucksack lugte der runde Bogen eines Regenschirms hinter einer Rolle aus braunem Schafsfell hervor. Der Mann ist vorbereitet auf alle Wetter, dachte ich. Mit seinem langen grauen Bart hätte er auch locker als Nikolaus arbeiten können - die sind gefragt in dieser Jahreszeit.

Klaus lebte auf der Straße, oder - besser gesagt - er schlief in der U-Bahn. Für eine warme Mahlzeit und eine Dusche kam er gerne bei der Caritas vorbei. Sein Lächeln wirkte freundlich und offen, also setzte ich mich zu ihm und wir plauderten, während "Oh, Du Fröhliche" vom Nachbartisch herüberschwappte. Rund 650.000 Menschen haben in Deutschland keine Wohnung, mehr als 48.000 leben ohne Unterkunft auf der Straße. Vor mir saß einer von ihnen. Die Statistik hatte plötzlich ein Gesicht, trank Kaffee und hatte mit 67 Jahren noch Träume.

"Nicht weit von Bonn entfernt habe ich einen Einachser - einen Traktor stehen: Den will ich reparieren und den Anhänger so als Wohnwagen ausbauen, dass ich alles mitnehmen kann, was ich brauche - und alles da lassen kann, was mir Sorgen bereitet", erzählte Klaus. Er war aus der DDR geflohen - und nach 50 Jahren Bundesrepublik wollte er auch hier weg. Er war also Flüchtling, hatte sein Zuhause verlassen, nur um 50 Jahre später wieder ohne Zuhause da zu stehen.

An seinem Geburtstag im Mai trafen wir uns wieder, nur wusste ich noch gar nicht, dass Klaus Geburtstag hat. Einmal im Jahr geht er zum Frisör und macht Tabula-Rasa - und ich durfte ihn begleiten und Fotos machen. Der Cut zum Geburtstag sei seit Jahrzehnten Tradition. Seine Tochter hätte ihn nach dem ersten Mal nicht erkannt und gesagt "Das Gesicht kenne ich nicht, die Stimme schon", lachte Klaus auf dem Weg zu dem ziemlich angesagten Haarstudio.

"Keine Angst", klärte er mich auf: "Ich hab schon oft mit Mitarbeitern hinterm Haus beim Rauchen gesprochen." Und so stapfte der Wohnsitzlose in den Salon, wurde am Tresen freundlich empfangen, jemand half ihm sogar aus dem Rucksack. Die Winterjacke wurde fein säuberlich zwischen all die Designermäntel der größtenteils weiblichen Kundschaft gehängt, Klaus bekam während des viertelstündigen Beratungsgesprächs einen Kaffee am Stuhl serviert.

Geburtstagsüberraschung

Viele Angestellte kamen vorbei und grüßten. Der Mittellose wurde für eine knappe Stunde behandelt wie der beste Stammkunde. Während die unterschiedlichsten Rasiergeräte über Kopf und Wangen huschten, warteten nebenan junge Frauen auf den Erfolg der Kolorierungen und überbrückten die Zeit mit ihren Smartphones. Als der kahle Klaus bezahlen wollte - "hab extra 40 Euro für heute angespart" , wünschte ihm eine Gruppe junger Haarabschneider nur alles Gute zum Geburtstag.

Beim Mittagessen erzählte Klaus von seiner Flucht: "Geboren bin ich in Grabow, Mecklenburg. Ich war in der Lehre als Maschinenbauer in Ludwigslust und fuhr eines Morgens nicht zur Arbeit, sondern mit meinem Moped nach Dömitz, das lag im Sperrgebiet." Von dort fuhr er elbabwärts entlang der Grenze, bis er irgendwann im Stacheldraht ein offenes Tor entdeckte: "Die Gelegenheit hab ich mir nicht entgehen lassen und schon war ich auf dem Elbdeich. Überall Wachtürme, aber keiner war besetzt. Nirgendwo waren Soldaten. Ich stellte mein Moped am Ufer ab, zog die Schuhe aus, sprang rein und schwamm."

Seit Wochen hatte es nicht geregnet, die Elbe hatte wenig Wasser, der Weg war dadurch kürzer als üblich, erinnerte er sich: "Ich war 17 Jahre und ein guter Schwimmer. Doch als ich mitten im Fluss war, kam ein Militärboot auf mich zu. An der Flagge erkannte ich, dass es Westdeutsche waren, aber ich schwamm weiter bis zum Ufer." Das erste, was er danach zu hören bekam, war die Frage: "Sind sie Spitzensportler?". Seine Antwort: "Nein, Angsthase". Nach einem Wochenende im Auffanglager und jeder Menge Befragungen konnte er dann nach Köln zu einem Onkel.

Nach dem Geburtstagskaffee zeigte Klaus mir seine Herberge in der Notunterkunft und erzählte, wie er dort landete: Erst verlor er die Wohnung, weil das Areal an einen Investor verkauft werden sollte, dann hatte er Ärger in der neuen WG: "Mein Mitbewohner hat mir gelinde gesagt die Fresse poliert. Dann doch lieber ein Leben in der U-Bahn. Ich will ja sowieso mit meinem Traktor los in den Süden."

Notunterkunft als Bleibe

Ein Jahr ist es her, dass Klaus seine letzte Wohnung aufgelöst hat. Zuerst schlief er unter einer Plane auf einem Grundstück der Caritas, aber das Ordnungsamt räumte von Zeit zu Zeit das Gelände: "Im Grunde war ich einer, der drohte, durch das soziale Netz durchzufallen - und dann kamen Leute, die einfach noch mal nachgetreten haben, damit ich auch wirklich durchfalle. Ich weiß, ich bin selbst schuld, aber Hilfe war rar." Die Caritas konnte ihm dann irgendwann eine Notunterkunft anbieten.

Es habe ihn viel Überwindung gekostet, aber jetzt teile er mit einem Mitbewohner das Zimmer, berichtet Klaus: "In der U-Bahn ging's mir besser, aber ich sehe ja ein, dass ich nur so wieder Fuß fassen kann." Als ich seine Bude sehe, verstehe ich, was er meint: Der Raum ist der Länge nach mittig aufgeteilt; wenig Platz, doch die Zimmerhälfte seines Kollegen gleicht einer einzigen Müllhalde. Reden könne er nicht mit dem Kerl, da habe er schon resigniert. Und so erträgt er das Chaos, das sich nun Wohnsitz nennt.

Klaus war nicht immer so tief unten. Er hat drei Berufe erlernt: Maschinenbauer, Energieanlagenelektroniker und Automatisierungstechniker/Robotiker. Den ersten Job bekam er direkt bei der Abschlussprüfung seiner Lehre angeboten. Dann kam die Bundeswehr dazwischen und eine Auszeit. Es gab viele Arbeitskräfte für wenige Jobs, und er war faktisch für vieles überqualifiziert. Sein Atem ging schwer, sein Blick aus dem vergilbten Fenster, als er weiter erzählte: "Deshalb ging ich zu einem Arbeitsverleiher, bei dem ich auch 25 Jahre arbeitete. Es war ja interessant, ich hatte nicht immer stupide die gleichen Tätigkeiten."

Wir trafen uns wieder an seinem jetzigen "Arbeitsplatz" in der Fußgängerzone, an einem Montagmorgen kurz nach acht. Klaus baute sein kleines Höckerchen in einer Hausnische auf, stellte sein Bastkörbchen davor, legte zwei, drei Münzen rein - "damit es nicht so leer aussieht" - und setzte sich hin: "Ich brauch das Betteln schon, ich hab eine Rente von 620 Euro: Was kann ich da schon machen?" Noch war die Einkaufsstraße fast menschenleer, als die Besitzerin des Optikerladens gegenüber auf den Bettler zukam: "Klaus, lange nicht gesehen! Wir haben uns schon Sorgen um Dich gemacht", rief sie und brachte einen Kaffee. Auch der Paketbote einige Minuten später erkundigte sich nach dem Wohlbefinden. "Hatte einen ziemlichen Durchhänger letzte Woche", flüsterte Klaus mir zu, als wir wieder alleine waren.

Falsche Entscheidungen

Ein paar Minuten blieben, bis die Geschäfte öffneten und der innerstädtische Shopping-Trubel begann. Zeit für Klaus, Bilanz zu ziehen: "Manchmal sag ich: Ich hab siebenmal im Leben die falsche Entscheidung getroffen. Die erste war: Nach meiner Flucht in Köln zu bleiben und nicht weiter nach Frankreich zu ziehen. Die zweite war, dass ich den Job sausen ließ als Technischer Zeichner nach der Bundeswehr. Aber ich konnte nicht anders: Ich musste einfach mal schauen, was in der Welt passiert. Ich kannte ja nur die DDR und die Ausbildung. Dann lernte ich meine Frau kennen, die wurde schwanger - und ich blieb. Damit war es vorbei mit Umherziehen, Straßenmusik, Steinmännchen bemalen: die dritte falsche Entscheidung. Ich will nicht schlecht über meine Frau reden, aber das hat mich aus dem Konzept gebracht. Da kann sie überhaupt nichts für, das war komplett meine eigene Schuld. Später hätte ich mal in eine Firma investieren und Aktien kaufen können, aber mein Schwiegervater wollte mir kein Geld leihen, und ich hatte zu wenig: Nach einem Jahr hätten wir das Achtfache gehabt. Wenn ich jetzt sehe, dass mein Sklaventreiber mich nie wirklich versichert hatte, dass für acht Jahre die Unterlagen ganz fehlen, war auch das eine falsche Entscheidung. Und so geht das immer weiter..."

Aber nicht alles lief schlecht in seinem Leben, betonte Klaus: "Meine Tochter zum Beispiel. Dass ich mich durchgesetzt hatte und sie nicht abgetrieben wurde. Ich hab auch viel von ihr gelernt, nicht nur sie von mir. Wir waren ein Herz und eine Seele." In all den Turbulenzen war eine Weile Funkstille, "aber seit einigen Jahren verstehen wir uns wieder richtig gut." Manchmal führen mehrere Wege zum Ziel.

Mittlerweile war Sommer, und ich wollte gerne einmal den Einachser sehen, mit dem Klaus auf Weltreise gehen will. Das Gefährt, in das der Rentner noch so viele Hoffnungen setzt: "Ich hab vielleicht noch zwölf Jahre: Sechs gute und dann sechs schlechte. Und die Jahre will ich nutzen. Losfahren und am besten gar nicht mehr zurückkommen, denn Sterben kann man überall." So sah Klaus seine Zukunft, als wir mit der Stadtbahn Bonn verließen.

Böse Überraschung

Der Traktor samt Anhänger stand auf einem freien Schotterparkplatz - und war frisch durchwühlt worden. Klaus war kreidebleich, als er den Schaden begutachtete. Die Plane kaputt, eine Leiter geklaut, etwas Werkzeug. Der linke Reifen platt, das Gummi gebrochen. Wieder ein Rückschlag: "Mir geht's ziemlich schlecht. Ziemlich arg schlecht", stöhnte Klaus: "Es sind so viele Ecken, an denen mir was fehlt zum Vorwärtskommen: Ich hab einen Handyvertrag, aber die Sim-Karte ist nicht frei geschaltet. Ich hab ein Zimmer, aber mein Zimmernachbar müllt alles zu. Ich will den Traktor reparieren, hab aber keinen Unterstand zum Arbeiten - und jetzt ist er auch noch demoliert. Morgens Betteln - und nachmittags durchhängen; ich weiß, dass das nicht so weiter gehen kann."

Klaus und ich - wir haben dann noch ein Experiment gemacht: Ich wollte wissen, wie das ist, so am Rande der Gesellschaft zu sitzen und nicht beachtet zu werden. Also tauschten wir für eine halbe Stunde die Rollen. Ich setzte mich also auf seinen Stuhl, er sollte shoppen gehen oder irgendwo einen Kaffee trinken.

Für mich folgte die längste halbe Stunde seit Jahren: So viele Blicke, die über mich hinweggingen, als wäre ich Luft. Ich spürte, wie sich mein Puls einfach nicht beruhigen wollte. Sollte ich die Menschen anschauen? Es mit einem Lächeln probieren? Oder sollte ich Blickkontakt meiden? Eine junge Frau sprach mich an. Sie hatte mal mit Punks in Berlin auf der Straße gesessen... Ich verdiente in der halben Stunde einen Euro und fünfzig Cent. Klaus kam zurück - und hatte keinen Cent ausgegeben.

Harald Oppitz
(KNA)

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