Mann mit einer AfD-Kappe
Mann mit einer AfD-Kappe

13.06.2019

Sollten kirchliche Großveranstaltungen AfD-Vertreter einladen? "Die AfD ist präsent – darauf muss man reagieren"

Im Vorfeld des Evangelischen Kirchentages wurde eine Frage heftig diskutiert: Soll man Vertretern der AfD eine Bühne geben oder nicht? Der Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland sieht durchaus Vorteile darin.

DOMRADIO.DE: Ihre Kollegen vom Evangelischen Kirchentag sagen, sie wollen keine Rassisten oder Rechtspopulisten auf der Bühne. Sie sehen das anders?

Johann Hinrich Claussen (Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland): Nein, natürlich nicht. Ich fand es nur nicht sinnvoll, einen solchen Entschluss in die Öffentlichkeit zu setzen. Der Kirchentag ist frei, Menschen nach Kompetenz und Erfahrung einzuladen. Man braucht auch beim Kirchentag ein breites Personen- und Positionsspektrum. Da kann man auch mal jemanden von der AfD oder einen nahestehenden konservativen Publizisten einladen.

Aber von vornherein zu sagen, die laden wir alle nicht ein, fand ich als Proklamation unnötig. Zudem verschafft es der AfD die Gelegenheit, mal wieder in die Opferrolle zu hüpfen – das tun sie ja besonders gerne. Einerseits sind sie immer frech und aggressiv, andererseits gehen sie sofort wehleidig in die Opferrolle. Das würde ich ihnen ungern zugestehen. Deshalb ziehe ich es vor, von Fall zu Fall zu entscheiden und sie mal einzuladen, dann aber kritisch miteinander zu diskutieren.

DOMRADIO.DE: Kirchentagspräsident Leyendecker hat gesagt: "Wir als evangelischer Kirchentag wollen niemandem eine Bühne bieten, der sich rassistisch äußert und sich in den letzten Jahren immer mehr radikalisiert." Ist da was dran?

Claussen: Das kann ich gut nachvollziehen, ja. Wir üben den Umgang mit der AfD, aber wir sind noch zu keinem Endergebnis gekommen. Das hat damit zu tun, dass die AfD in extremer Bewegung ist. Vor allem die Radikaleren kriegen eine immer stärkere Rolle. Ich höre aber zum Beispiel von Kollegen im Osten, dass die AfD schon längst eine Bühne hat.

Es geht gar nicht darum, dass wir jetzt als evangelische Kirche die großen Bühnen der Welt bestimmen und verwalten würden. Die AfD ist präsent und darauf muss man reagieren. Ob der Kirchentag ein geeigneter Ort ist, müsste man von Fall zu Fall prüfen. Wir probieren es aus, mal machen wir gute, mal schlechte Erfahrungen. Aber von vornherein zu sagen: Wir entziehen uns dem Gespräch, das finde ich kein gutes Signal an die Öffentlichkeit.

DOMRADIO.DE: Wie würden Sie denn mit damit umgehen, wenn Sie im Planungskomitee vom Kirchentag wären?

Claussen: Ich bin ja zum Teil in die Planung des Kulturprogramms involviert gewesen. Wir haben uns an diesen Beschluss der Nicht-Einaldung gehalten. Wir hatten auch gar keinen Anlass, jemanden von der AfD einzuladen. Ich finde es aber interessant und wichtig, dass wir auch Leute zum Gespräch bitten, die nicht immer zu uns passen oder mit uns assoziiert werden.

Ich halte immer Ausschau nach intelligenten und gesprächsfähigen Konservativen, aber natürlich nicht zu Leuten, die solche Bühnen nur nutzen, um ihre Provokationen abzulassen. Da habe ich auch keine Lust drauf. Es muss Gesprächfähigkeit vorhanden sein. Aber da würde ich einfach kreativ sein wollen und Ausschau halten.

DOMRADIO.DE: Sie haben gesagt, man muss von Fall zu Fall entscheiden. Es gibt aber noch eine andere Ebene der Diskussion. Es geht ja nicht bloß um die AfD-Politiker. Die große Frage ist, was ist mit den Wählern, den Sympathisanten? Man kann ja definitiv sagen, die AfD spricht Themen und Standpunkte an, die sonst in der Gesellschaft ungern abgedeckt werden. Wäre das nicht auch eine Möglichkeit zu sagen: Wir richten uns mit unseren Aussagen mehr an die potenziellen AfD-Wähler als an die Politiker?

Claussen: Das muss man beim Kirchentag sowieso, das gehört dazu. Da muss man auch aufpassen, dass man ein Beteiligungsformat hat. Und eine Bühne, wo sich Leute begegnen. Manchmal gibt es so eine Promi-Tendenz, damit die Hallen voll sind. Das fände ich aber eine Fehlentwicklung. Der Kirchentag ist da stark, wo er die Menschen miteinander ins Gespräch bringt. Ob sich AfD-Leute angesprochen fühlen, weiß ich nicht.

Es gibt aber andere Formate. Es gibt einen tollen Kollegen in Gera, der eine ganze Reihe von Gesprächsabenden mit AfD-Themen angeboten hat – mit einem Vertreter der AfD, einem Experten und einem Vertreter einer anderen Partei. Das finde ich richtig gut: Die AfD-Politiker nicht beim Pöbeln in Ruhe lassen, sondern sie bei ihren Themen packen – die beschäftigen ja viele, das muss man zugeben – und sie dann mit Expertise und anderen Einschätzungen konfrontieren, sodass man eben ins Gespräch gehen kann.

DOMRADIO.DE: Wie stehen Sie persönlich dazu? Sie waren ja auch schon mit AfD-Politikern auf Podien.

Claussen: Ja, da haben wir auch im Vorfeld lange darüber nachgedacht. Ich hatte an einer größeren Initiative vieler Kultureinrichtungen teilgenommen, wo wir Thesen zur kulturellen Integration aufgestellt haben. Was leistet Kultur für Integration? Dazu hat die AfD-Bundestagsfraktion ein Papier verfasst und hat uns dann eingeladen, um über Ihre Entgegnung zu diskutieren. Das war ein klares Setting. Wir hatten Thesen aufgestellt, darüber wollten wir diskutieren. Deshalb bin ich hingegangen, gemeinsam mit dem Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats, Olaf Zimmermann. Das war eine Erfahrung. Man lernt etwas fürs Leben.

Das Gespräch führte Renardo Schlegelmilch.

(DR)

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