17.03.2019

Ein New Yorker Pfarrer kämpft für Gedenken an Waisenkinder Squash-Plätze statt Erinnerung?

Eine Privatschule für Mädchen in New York will ihre Sportanlage für mehrere Millionen Dollar erneuern. Weil der Neubau die Überreste eines ehemaligen Waisenhauses verdecken würde, läuft der örtliche Pfarrer Sturm.

Absicht unterstellt der vornehmen Spence-School niemand. Es geht mehr um fehlende Sensibilität der Lehranstalt für Töchter wohlhabender New Yorker auf der schicken Upper East Side, die sich damit rühmt, ein Schüler-Lehrer-Verhältnis von 7:1 zu haben. Von einer solchen Betreuer-Rate hätten die armen Waisenkinder deutscher Einwanderer nur träumen können; sie lebten dort, wo heute eine Hightech-Sportanlage entstehen soll.

Das Problem, das einen wackeren Pastor auf den Plan gerufen hat, besteht darin, dass die Sportstätte für die höheren Töchter die Reste eines alten Waisenhauses aus dem 19. Jahrhundert verdecken würde. Das will der katholische Pfarrer Boniface Ramsey auf jeden Fall verhindern. Dem Gottesmann geht es darum, die Erinnerung an die Geschichte der Armen wach zu halten.

Originalbau jahrelang von Parkhaus verdeckt

"Lasst uns noch einen Moment über die Mauer des Waisenhauses sprechen", sagte Pfarrer Ramsey kürzlich in einer Sonntagsmesse in der Saint Joseph's Church - um dann an die Geschichte der Institution zu erinnern, die bis in das Jahr 1857 zurückreicht. Das Waisenhaus nahm bis 1920, dem letzten Jahr der Einrichtung, vor allem Kinder armer deutscher Einwanderer auf. Ramseys katholische Gemeinde hatte sich in der Vergangenheit um die Kinder in dem achtstöckigen Waisenhaus gekümmert.

Das Gebäude beherbergt heute Eigentumswohnungen. Die neoklassizistische Fassade ist alles, was von dem Originalbau übrig blieb. Und die war jahrelang durch ein Parkhaus verdeckt. Die Überreste des alten Waisenhauses kamen nur deshalb zum Vorschein, weil im Zuge der Bauarbeiten für die Sportanlage der Spence-School das Parkhaus abgerissen wurde.

Kontrast zur historischen Vergangenheit

Pfarrer Ramsey will verhindern, dass der Rest des historischen Hauses ein weiteres Mal durch einen Neubau verdeckt und damit die Erinnerung an diesen denkwürdigen Ort ausgeblendet wird. Doch genau das soll geschehen, wenn im kommenden Jahr der Sport-Gebäudekomplex der Eliteschule fertiggestellt ist.

Der Kontrast zur historischen Vergangenheit könnte dann nicht größer sein: Da, wo Tausende der ärmsten Kinder ohne Eltern heranwuchsen, stünden dann neun Squash-Plätze, ein Ökozentrum und ein Tanzsaal für Töchter reicher Väter und Mütter. Keine Spur von der traurigen Vergangenheit des Ortes.

52.000 Dollar Jahresgebühr pro Kind

"Mein Ziel ist es, ein wenig Aufhebens zu machen, und ich werde weiterhin Aufhebens machen", sagte Ramsey vor kurzem anlässlich eines Basketballspiels der katholischen Jugendliga. Der Pfarrer wirft der Schule vor, sich nicht mit der Nachbarschaft abgestimmt zu haben.

Die Spence-School, 1892 gegründet und nur einen Block vom Central Park entfernt, hat das Grundstück samt Waisenhaus-Fassade 2011 erworben. Den teuren Neubau kann sich die Schule bei 52.000 Dollar Jahresgebühr pro Kind locker leisten. Die Schauspielerinnen Gwyneth Paltrow und Kerry Washington gehörten ebenso zu den Absolventinnen wie die Tochter der US-Vogue-Chefin Anna Wintour.

Zusage für Gedenktafel

Dank Pfarrer Ramseys Kampagne ist die Waisenhaus-Mauer längst ein Lokalpolitikum. "Wenn die Mädchen, die zur Spence-Schule gehen, erwachsen werden, dürften sie enttäuscht sein, wenn sie erfahren, was ihre Eltern mit der Waisenhaus-Mauer gemacht haben", argumentiert die pensionierte Grundschullehrerin Zora Szemenyei Silber. Auch die Nutznießer des Neubauprojekts sollten ein Interesse daran haben, der Erinnerung an die Waisenkinder einen Platz zu geben.

Auch die Schule will nicht kaltherzig erscheinen und signalisiert Dialogbereitschaft. Ende Februar trafen gleich vier Spence-Vertreter - die Schulleitung, der Pressesprecher, der Architekt und der Anwalt - mit dem Pfarrer zusammen. Ramsey kam alleine und brachte ein zerfetztes Buch mit: Die Taufaufzeichnungen der Waisenkinder.

Inzwischen deutet sich ein Kompromiss an. Ob Ramseys Wunsch nach einer Dauerausstellung für die Waisenkinder Wirklichkeit wird, bleibt offen. Zugesagt hat die Schule aber schon eine Gedenktafel. "Jetzt muss ich nicht mehr mit einem Plakat um den Bauch auf der Baustelle auf- und abgehen", so Ramsey. "Aber wenn es notwendig ist, komme ich zurück."

Thomas Spang
(KNA)

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