Rar im Jemen: Frisches Wasser und Essen
Rar im Jemen: Frisches Wasser und Essen

05.12.2018

Welternährungsprogramm-Expertin zum Hungerleid im Jemen "Das bricht einem das Herz"

Seit mehr als drei Jahren herrscht im Jemen Krieg, Millionen Menschen leiden Not. Am Donnerstag könnten neue Zahlen zu der humanitären Krise in dem arabischen Land veröffentlicht werden. Das Welternährungsprogramm schlägt schon Alarm.

KNA: Auf der einen Seite kämpft die von Saudi-Arabien und einer internationalen Koalition unterstützte sunnitisch geprägte Regierung, auf der anderen Seite kämpfen die schiitischen Huthi-Rebellen, die vom Iran unterstützt werden. Wie ernst ist die Lage im Jemen?

Bettina Lüscher (Sprecherin des Welternährungsprogramms, World Food Programme, in Berlin): Es ist die schlimmste humanitäre Katastrophe, die sich gerade auf dieser Welt abspielt. Wir versorgen in diesem Monat zehn Millionen Menschen, wahrscheinlich werden wir im kommenden Jahr auf zwölf Millionen aufstocken müssen. Die Menschen im Jemen wissen nicht mehr, wie sie ihre Kinder am Leben halten sollen. Das ist tragisch, weil die Krise nur durch den Krieg verursacht wurde.

KNA: Aktuell gibt es durchaus positive Signale aus dem Jemen: eine Waffenruhe, den Gefangenenaustausch, Gesprächsbereitschaft. Rechnen Sie mit baldigen Friedensverhandlungen?

Lüscher: Wir hoffen, dass es diese Friedensgespräche geben wird, weil wirklich die Zukunft des Landes davon abhängt. Der UN-Vermittler Martin Griffiths hat viel versucht, um alle an einen Tisch zu bringen und Vertrauen aufzubauen. Es gab kleine Schritte in die richtige Richtung wie die Evakuierung und Versorgung von Huthi-Kämpfern. Wir als humanitäre Organisation hoffen natürlich, dass es jetzt zu weiteren positiven Schritten kommt. Die Menschen sind völlig verzweifelt.

KNA: Im September sind allerdings schon einmal Friedensgespräche gescheitert ...

Lüscher: Die Hoffnung geben wir trotzdem nie auf. Man muss aber realistisch bleiben, wie lange der Weg dauern wird, bevor es auf politischer Ebene Fortschritte geben wird.

KNA: Was erwarten Sie von der internationalen Gemeinschaft? Und von Deutschland?

Lüscher: Deutschland hat unsere Hilfe immer unterstützt und tut es noch. Wir sind sehr dankbar. Deutschland ist mittlerweile der zweitgrößte Geldgeber des World Food Programme, nach den USA. Die internationale Gemeinschaft muss Druck ausüben auf diejenigen, die Einfluss auf die Konfliktparteien haben, damit es zum Ende dieses furchtbaren Konflikts kommt.

KNA: Selbst wenn es einen Friedensschluss gäbe, wäre die humanitäre Krise aber noch längst nicht entschärft, oder?

Lüscher: Wir versuchen eine akute Hungerkatastrophe, wie man sie seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hat, zu vermeiden. Das haben wir bislang zwar geschafft. Eigentlich können wir das aber nur, wenn endlich der Krieg aufhört. Das Land wäre nicht am Rande einer Hungerkatastrophe, wenn es den Krieg nicht gäbe.

KNA: Welche konkreten Schritte sind für die humanitäre Hilfe nötig?

Lüscher: Unsere Leute müssen sicher und unbehelligt arbeiten können. Die ganze Bürokratie, die uns das Leben auch schwer macht, sollte wegfallen. Wir brauchen mehr Visa, damit wir mehr Helfer ins Land bringen können. Der überlebenswichtige Hafen von Hudeida muss weiter funktionieren. Über ihn versorgen wir Millionen Menschen im Nord- und Zentraljemen.

KNA: Wie schwierig ist die Arbeit für die Helfer?

Lüscher: Immer wieder kommt es zu Kampfhandlungen und Angriffen. In unseren Lagerhäusern wurden Landminen in den Weizenmühlen deponiert. Unsere Helfer werden nicht ins Land gelassen und warten monatelang auf Visa. Es ist humanitäre Arbeit unter schlimmsten Bedingungen.

KNA: Was brauchen die Menschen im Jemen am dringendsten?

Lüscher: Sie bekommen von uns Weizenmehl, Linsen, Erbsen und Speiseöl, das mit Vitaminen angereichert ist - Dinge, mit denen man überleben kann. Für Kinder unter fünf Jahren, Schwangere und stillende Frauen gibt es Spezialnahrung, damit sie mit Extra-Nährstoffen versorgt sind.

KNA: Die Jüngsten leiden in Konflikten stets am meisten ...

Lüscher: Wir versorgen jetzt schon eine Million kleine Kinder. Wenn man sieht, wie die Familien leiden: diese Mütter, die ihre kleinen Babys in die Krankenhäuser bringen, diese Babys, die völlig ausgemergelt sind und gar nicht mehr reagieren. Das bricht einem schon das Herz. Es ist eine Schande, dass so etwas im 21. Jahrhundert passiert.

Das Interview führte Alexander Riedel.

(KNA)

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