Entschuldigung für Missbrauch
Entschuldigung für Missbrauch

22.10.2018

Australiens Regierung entschuldigt sich bei Missbrauchsopfern "Wir haben über Jahrzehnte versagt"

Ungefähr 60.000 Kinder sollen in Australien Opfer von Missbrauch in Institutionen gewesen sein. Zu den Einrichtungen gehört auch die katholische Kirche. Die Regierung hat sich dafür jetzt stellvertretend entschuldigt. Opfer fordern mehr. 

Australiens Regierungschef Scott Morrison hat sich am Montag offiziell bei Opfern von sexuellem Kindesmissbrauch in Institutionen wie der katholischen Kirche entschuldigt. Das Land müsse die "verlorenen Schreie unserer Kinder" anerkennen und sich dafür entschuldigen.

"Heute steht Australien vor einem Trauma, einer Abscheulichkeit, die zu lange trotz ihrer Augenscheinlichkeit übersehen wurde", sagte Morrison vor dem Parlament, in dem sich auch hunderte von Opfern und deren Familien eingefunden hatten. Australien habe lange "nicht zugehört, nicht geglaubt und keine Gerechtigkeit geboten". Den Opfern, Eltern, Familien und auch nicht gehörten Informanten sprach er öffentlich eine Entschuldigung aus: "Sorry."

"Ein bedeutsamer Augenblick"

Der Vorsitzende der australischen Bischofskonferenz, Erzbischof Mark Coleridge, sprach von einem "bedeutsamen Augenblick in unseren andauernden Bemühungen, Australien zu einem sicheren Ort für alle Kinder und Jugendlichen zu machen". Schwester Monica Cavanagh erklärte im Namen der katholischen Orden, die Entschuldigung der Regierung sei "eine wichtige Bestätigung des Muts der Betroffenen von Missbrauch, Wahrheit, Gerechtigkeit und Heilung zu suchen."

Mit der offiziellen Entschuldigung kam die Politik einer Empfehlung aus dem Abschlussbericht der staatlichen Missbrauchskommission von Ende 2015 nach. Unter den zahlreichen Gästen bei der historischen Parlamentssitzung waren Missbrauchsopfer sowie die Labor-Politikerin Julia Gillard. Als Premierministerin hatte sie die Kommission 2013 zur Untersuchung des Umgangs mit Missbrauchsfällen in kirchlichen und weltlichen Institutionen eingesetzt.

Wie reagieren die Opfer?

Unter Missbrauchsopfern stieß das "Sorry" der Regierung auf geteiltes Echo. Betroffene aus dem katholischen Bistum Ballarat boykottierten die Parlamentssitzung. Die Entschuldigung sei "hohl", solange es keine landesweit einheitliche Gesetzgebung gebe, die jeden zur polizeilichen Anzeige von sexuellem Kindesmissbrauch verpflichte, sagten Vertreter von Missbrauchsopfern gegenüber australischen Medien. Ballarat ist einer der zentralen Orte im Missbrauchskandal in Australien.

Missbrauchsopfer Peter Gogarty zeigte sich skeptisch über den Wert der Entschuldigung. Es habe in den vergangenen Jahren schon viele «Sorrys» gegeben, ohne dass wirklich Taten gefolgt seien, sagte er dem Sender ABC. Gogarty war in den 1970er Jahren als Junge im Bistum Newcastle missbraucht werden. Sein Fall hatte in diesem Jahr zur Verurteilung von Erzbischof Philip Wilson wegen der Vertuschung von Missbrauchsfällen geführt.

Missbrauchsstudie in Australien

Eine Kommission hatte fünf Jahre lang Missbrauch sowie dessen Vertuschung untersucht und dabei Aussagen von über 15.000 Betroffenen dokumentiert. Dabei kam heraus, dass rund 60.000 Kinder Opfer von sexuellem Missbrauch in australischen Institutionen wurden. Sie haben deswegen Anspruch auf Entschädigung.

Zu den Einrichtungen gehört auch die katholische Kirche.  

(dpa)

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