Justizbeamter im Gerichtssaal
Justizbeamter im Gerichtssaal

11.10.2018

Prozess in Mannheim: Angeklagter Geistlicher legt Geständnis ab Zweifel an der Überzeugungskraft der Aussage

Ein Pfarrer soll diverse kirchliche Einrichtungen um viel Geld gebracht haben - am Donnerstag legte er vor dem Mannheimer Landgericht ein Geständnis ab. Gemeindemitglieder reagierten enttäuscht: "Das war flach und nichtssagend".

Eine kleine Gruppe ist extra angereist, um das Geständnis des ehemaligen Dekans und Pfarrers ihrer Gemeinde vor dem Mannheimer Landgericht zu hören. Doch sie sind enttäuscht. "Das war flach und nichtssagend", sagt eine Frau, die ihren Namen nicht nennen mag. Sie war lange Zeit ehrenamtliches Mitglied im Rat des örtlichen Caritasverbandes, den der Angeklagte um fast 200.000 Euro geschädigt haben soll. "Wir beten für ihn, damit er zur Einsicht kommt, doch das ist er nicht."

Gericht hat Zweifel

Nicht nur die Gemeindemitglieder sind mit dem Auftritt des Geistlichen nicht zufrieden. Auch das Gericht hat zunächst Zweifel, ob das fünfminütige Geständnis, das der 54-Jährige mit monotoner Stimme von einem Zettel abliest, ausreicht. Der Ex-Dekan spricht darin vom "Wunsch", finanziellen Nutzen aus seiner Tätigkeit beim Caritasverband zu ziehen; er räumt ein, Schwachstellen in der Organisation sowie das Vertrauen der Menschen in ihn ausgenutzt zu haben; er sagt, dass er "diesen durch mein Fehlverhalten entstandenen Schaden, auch den immateriellen" sehr bedaure und er hoffe, "dass mir die Personen, deren Vertrauen ich missbraucht habe, irgendwann verzeihen können".

Die Kammer unter Vorsitz von Oliver Ratzel hört schweigend zu und zieht sich dann zur Beratung zurück. Ergebnis: Es sind noch Fragen offen. Eigentlich hatten sich Verteidigung, Staatsanwaltschaft und Gericht am Montag auf eine verfahrensverkürzende Absprache verständigt, die zu erwartende Strafe: rund vier Jahre.

Voraussetzung für einen solchen Deal ist ein plausibles Geständnis. Laut Anklage hat der Geistliche den Caritasverband, die Pfarrgemeinde und den Ursulinenkonvent in Mannheim mit fingierten Rechnungen, falschen Belegen und nicht existierenden Projekten um insgesamt 228.000 Euro gebracht. Was das Gericht vom Ex-Dekan hören will, um Untreue und Betrug zu erkennen, ist: Hat er dies bewusst getan?

Bis nach der Mittagspause können der Angeklagte und sein Anwalt Edgar Gärtner über die Frage nachdenken. Am Ende bleibt der Deal bestehen, der Ex-Dekan räumt ein, "insgeheim" gewusst zu haben, dass seine Rechnungen "nicht rechtens" gewesen seien.

Seine finanziellen Verhältnisse seien außerdem so angespannt gewesen, dass er die Gelder, die er der Barkasse der Pfarrgemeinde entnommen und für ein Pilgerprojekt eingefordert habe, niemals rechtzeitig hätte zurückzahlen können. Ratzel zeigt sich damit zufrieden. In einer Woche soll als voraussichtlich letzter Zeuge ein Polizeibeamter gehört werden. Danach könnten Verteidigung und Staatsanwaltschaft ihre Plädoyers halten - und dann könnte ein Urteil fallen.

Ein Stück Vergangenheitsbewältigung

Vor dem Gericht findet derweil ein Stück Vergangenheitsbewältigung statt. Wie konnten sich Caritas und Gemeinde so viele Jahre betrügen und belügen lassen? Schließlich saßen, so erzählen es die angereisten Gemeindemitglieder, im Caritasrat, dem Kontrollgremium des Verbandes, dessen Vorsitzender der Angeklagte war, ein Ex-Stadtkämmerer, ein Ex-Bürgermeister, ein Ex-Sozialamtschef, ein Bänker. Leute, die schon von Berufs wegen gewusst haben müssten, dass da etwas nicht stimmte.

Denen sei die Sache irgendwann zu heiß geworden, sagt eine Frau. Oder sie hätten schlicht kapituliert: vor den ständigen Streitereien mit dem Geistlichen, vor dem immer wieder vorgebrachten Argument, das habe die Erzdiözese Freiburg so abgesegnet, vor Drohungen mit beruflichen Konsequenzen. Schließlich hätten kaum noch Ratssitzungen stattgefunden. Begründung: Es gäbe keine Themen. Ähnliche Verhältnisse hätten im Stiftungsrat der Pfarrgemeinde geherrscht.

"Hier ging es nur um Rechnungen: anweisen und bezahlen." Manchmal habe der Geistliche 100 Rechnungen mitgebracht, mit Summen jeweils unter 100 Euro. "Das hat die Stiftungsratsvorsitzende dann so unterschrieben."

Er sei vom rechten Wege abgekommen, sind die letzten Worte des Ex-Dekans. Das nehmen ihm seine ehemaligen Gemeindemitglieder nicht ab. Eine Frau meint: "Er sagt das ohne Emotionen. Ich bin entsetzt."

Stefanie Ball
(KNA)

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