Religionsunterricht
Religionsunterricht in der Schule
Rolf Faymonville
Rolf Faymonville

09.10.2018

Religionsunterricht als Bildungsauftrag Raum für die Auseinandersetzung mit Gott

Ethik und Praktische Philosophie statt bekenntnisorientierter Religionsunterricht? Immer wieder gerät dieses Schulfach in die Diskussion. Rolf Faymonville ist einer von über 5.000 aktiven Religionslehrern im Erzbistum Köln – und bezieht Position.

DOMRADIO.DE: Unter der "missio canonica", die der Erzbischof jährlich etwa 250 Religionslehrern erteilt, versteht man die kirchliche Bevollmächtigung zur Lehrerlaubnis durch den Bischof. Was bedeutet es für Sie konkret, den Verkündigungsauftrag des Bischofs wahrzunehmen?

Rolf Faymonville (Schulleiter eines Gymnasiums und Diakon mit Zivilberuf): Zunächst einmal muss man klar unterscheiden: Der Religionsunterricht ist keine Katechese. Er hat vor allem einen Bildungsauftrag und soll Kindern und Jugendlichen wissenschaftspropädeutisch ermöglichen, sich kritisch mit den Kernaussagen des Glaubens zu beschäftigen. Darüber hinaus hat er die Aufgabe, junge Menschen auch bei der persönlichen Auseinandersetzung mit Gott zu begleiten und ihnen Zugänge zu religiösen Erfahrungsräumen zu erschließen.

Von daher steht Religionsunterricht zwischen Religionsphilosophie/Theologie und einer gemeindlich-kirchlichen Religionspraxis. Er ist also Bindeglied zwischen Bildung und Kirche. Der Verkündigungsauftrag liegt für mich vor allem darin, diesen Auftrag anzunehmen, meinen Schülern die Lehre und Haltung der katholischen Kirche verständlich nahe zu bringen und ihnen eine eigene kritisch-rationale Stellungnahme zu ermöglichen. Ich habe damit nicht den Auftrag – um das klar zu stellen – manipulativ auf Jugendliche einzuwirken. Ich verkündige, evangelisiere als Religionslehrer, indem ich den kritischen Geist schule und die Frohe Botschaft mitteile. Das ist ein großer Unterschied.

Als Religionslehrer bin ich vom Bischof zu meinem Dienst beauftragt. Damit gehe ich die freiwillige Verpflichtung ein, mich loyal und kritisch mit Kirche auseinanderzusetzen und in diesem Spannungsfeld Unterricht zu gestalten. Und ich verstehe mich bewusst als Teil meiner Kirche. Insofern unterscheidet sich der Religionsunterricht von der Katechese in einer Gemeinde.

DOMRADIO.DE: Vermutlich bedeutet das auch, dass Sie nichts an Vorbildung voraussetzen können und auf eine sehr heterogene Schülerklientel treffen…

Faymonville: Natürlich gibt es die katholisch sozialisierten Schüler, mit denen man eine Frühschicht im Advent oder einen Abi-Gottesdienst gestalten kann. Das aber ist meistens nur eine Handvoll. Das Gros der jungen Leute hat oft keinen Kontakt zur Kirche und zum Glauben, da es nicht im konkreten Sinne christlich erzogen wurde, sondern in einem säkularen Umfeld aufwächst.

Das heißt, es nehmen auch eine ganze Reihe von Nicht-Getauften am Religionsunterricht teil, weil die Eltern argumentieren: Wir wollen für unser Kind dennoch einen werteorientierten Religionsunterricht. Es soll sich mit den Traditionen und Vorstellungen, die unser christliches Abendland geprägt haben, intellektuell auseinandersetzen und ein Verständnis für die Wurzeln unserer Kultur entwickeln. Daher entscheiden sich manche Eltern und Schüler sehr bewusst für eine Teilnahme am Religionsunterricht, auch wenn sie keiner Konfession angehören. Das ist schon sehr bemerkenswert.

DOMRADIO.DE: Wie stehen Sie zum konfessionellen Religionsunterricht?

Faymonville: Das Christentum existiert nur in verschiedenen Konfessionen, und daher hat auch der konfessionelle Religionsunterricht, auch wenn er immer mal wieder auf dem Prüfstand steht, unumstritten seine Berechtigung und Wichtigkeit – gerade weil er das Verständnis für die jeweilige Konfession vermittelt oder dieses sogar noch vertiefen kann.

Auch eine ökumenische Kooperation kann beim Thema Religionsunterricht sinnvoll sein, weil es zum Teil um deckungsgleiche Aussagen und Inhalte geht. Ökumene ist zudem ein wichtiges kirchliches Anliegen. Und sie ist ein bleibender Auftrag Jesu, der sagt: "Alle sollen eins sein..." Einheit ist aber nicht religiöse "Einerleiheit". Deshalb bleibt es genauso wichtig, Unterschiede wertschätzend zu benennen.

DOMRADIO.DE: Sie unterrichten Latein, Musik und Religion. Welchen Stellenwert hat für Sie die Religion innerhalb dieses Fächertrios? Und: Haben Sie als kirchlicher Mitarbeiter nicht automatisch in jeder Rolle Vorbildcharakter?

Faymonville: Da ich als Religionslehrer in der Tat auch in allen anderen Fächern als Vertreter der Kirche wahrgenommen werde, geht es mir darum, auch in allen drei Fächern ein authentisches und glaubwürdiges Zeugnis von der Menschenfreundlichkeit Gottes zu geben und mich am christlichen Wertekodex messen zu lassen. Insofern spielt Religion in allen meinen Fächern als persönliche Grundhaltung eine wesentliche Rolle.

Trotzdem ist es nicht mein Anspruch, die Schüler dazu zu bringen, selbst gläubig zu werden. Bei der Notengebung kann ich auch nicht einfach mal "ein Auge zudrücken", sondern muss nach fairen und transparenten Kriterien Leistung beurteilen und den einzelnen Schüler mit seiner Lebenssituation und seinen Möglichkeiten im Blick haben. Da geht es nicht um "Gefälligkeiten", sondern um gerechte Leistungsbewertung. In der Position des Schulleiters habe ich darüber hinausgehend die Pflicht – und das nehme ich sehr ernst – jedem weltanschaulich neutral und unvoreingenommen zu begegnen.

DOMRADIO.DE: Wie erleben Sie denn Ihre Schüler im Religionsunterricht?

Faymonville: In den unteren Klassen sind sie sehr wissbegierig, neugierig und von einer kindlichen Offenheit, mit der sie sich dem Thema "Jesus" nähern. In der Mittelstufe, wenn die Abgrenzung zu Autoritäten wächst, erlebe ich sie manchmal als kritisch, ablehnend oder gleichgültig dem Thema "Gott" gegenüber, weil sich primär andere Themen in den Mittelpunkt drängen. Dann spielt Selbstfindung eine wesentliche Rolle, zum Beispiel mit der Frage "Wer bin ich?". Auch die Themen "Freundschaft", "Erwachsenwerden" oder "Gerechtigkeit" werden zunehmend wichtig.

In der Oberstufe schließlich beobachte ich ein reflektiertes Nachfragen und die Auseinandersetzung mit religiösen, moralischen und politischen Fragen. Daraus leitet sich für diejenigen, die im privaten Umfeld gute Erfahrungen mit Glaube und Kirche machen, oft auch ein bewusstes Engagement für soziale Projekte und gottesdienstliche Feiern ab. Hier spürt man, dass diese Schüler auf eine unaufdringliche Weise ihre katholische Sozialisation mit einfließen lassen.

DOMRADIO.DE: Um welche Fragen geht es für die Kinder und Jugendlichen? Spielt Gott in ihrem Alltag eine Rolle?

Faymonville: Im Religionsunterricht geschieht Wissensvermittlung. Das ist curricular von Kirche und Staat so festgelegt. Noch einmal: Daher ist Religionsunterricht nicht katechetische Verkündigung. Vielmehr müssen sich die Schüler mit Fragen nach Gott, mit denen sie auf einer sachlichen Ebene konfrontiert werden, vernünftig und denkend auseinandersetzen. Zum Beispiel: Wo stehe ich? Inwiefern berührt mich diese oder jene Aussage des Glaubens in meinem Leben? Wie finde ich eine begründete Haltung dazu?

Aber die Jugendlichen bieten auch immer wieder selbst Anknüpfungspunkte, um Glauben mit ihrem persönlichen Alltag in Bezug zu setzen. Manche erzählen von ihren Erfahrungen als Messdiener oder Mitglied in der Katholischen Jugend. Andere bringen Fragen aus der Firmvorbereitung ein und wollen kritische Stellungnahmen diskutieren. Aber so vielschichtig unsere Gesellschaft ist, so vielschichtig sind auch die Gedanken und persönlichen Bezüge der Jugendlichen zum Glauben. Das zeigt sich auch im Religionsunterricht. Jedenfalls ist er keine Gruppenstunde als verlängerter Arm der kirchlichen Jugendarbeit. Er ist auch keine Therapiestunde oder Selbsthilfegruppe. Trotzdem kann es selbstverständlich hier einen Raum geben, der auch für persönliche Themen offen ist. Hier gilt es für mich, meine Rolle als Lehrer von der des Diakons deutlich genug zu trennen.

DOMRADIO.DE: Sie sprechen es an: Sie sind ja nicht nur Religionslehrer, sondern auch Diakon mit Zivilberuf. Seelsorger zu sein gehört also zu Ihrem Selbstverständnis. Kommt Ihnen das manchmal auch im Umgang mit Ihren Schülern zugute?

Faymonville: Aufgrund meiner Haltung, die natürlich grundgelegt ist in meiner Ausbildung zum Seelsorger, kann ich mit Schülern und Kollegen ganz gut kommunizieren. Da kann es geschehen, dass mich Schüler manchmal unbewusst als Diakon ansprechen und sich etwas von der Seele reden, was sie dem Direktor ihrer Schule so nicht sagen würden. Hier bin ich in der Verantwortung, eine Rollenklarheit in Beziehungen zu haben und sensibel genug für die jeweilige Abgrenzung zu sein. Nur wenn man Grenzen bewusst wahrnimmt, kann man sie situativ auch mal überschreiten.

DOMRADIO.DE: Immer wieder wird angeregt, die großen Menschheitsfragen statt im Fach Religion im Philosophie-Unterricht zu behandeln. Im vergangenen Jahr wurde im Landtag sogar über eine Alternative zum bekenntnisorientierten Religionsunterricht für Grundschüler diskutiert. Wo liegt für Sie der Mehrwert von Religionsunterricht?

Faymonville: Das Fach Philosophie wird von vielen bevorzugt, weil es scheinbar neutral ist. Doch ist auch Philosophie weltanschaulich geprägt. Zudem ist der Religionsunterricht nicht voreingenommen und das Christentum nicht "un-vernünftig". Auch die Philosophie geht von einem reflektierten Menschenbild aus: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Was soll ich tun? Philosophie versucht, diese Fragen mit Hilfe der Vernunft zu beantworten. Damit kommt sie in einen Grenzbereich zur Religion, die dieselben Fragen beantwortet.

Die Religion zieht dazu allerdings sowohl die Vernunft als auch die Offenbarung zu Rate: die Offenbarung in der Natur, im menschlichen Denken und in der Geschichte. Insofern bezieht die Religion zusätzliche Erkenntnisquellen mit ein. Sie bietet, was die Philosophie und die Ethik anbieten. Zugleich aber geht sie über dieses Angebot hinaus, ergänzt eine weitere Perspektive. Entscheidend für Schüler ist dabei der Angebotscharakter. Insofern würden wir den Kindern etwas vorenthalten, wenn wir ihnen "nur" Philosophie an Stelle von Religion anbieten würden.

Das Interview führte Beatrice Tomasetti.

(DR)

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