Polizisten seilen im Hambacher Forst einen Aktivisten aus einem Baumhaus ab.
Polizisten seilen im Hambacher Forst einen Aktivisten aus einem Baumhaus ab.
Polizisten beginnen mit Räumung im Hambacher Forst
Polizisten beginnen mit Räumung im Hambacher Forst
Proteste gegen die Rodung des Hambacher Forst
Proteste gegen die Rodung des Hambacher Forst
Polizei am Tagebau Hambach
Polizei am Tagebau Hambach
Massenprotest am Hambacher Forst
Massenprotest am Hambacher Forst

13.09.2018

Drohende Eskalation im Hambacher Forst "Wir sehen den sozialen Frieden gefährdet"

Der Konflikt um die Rodung des Hambacher Forts droht zu eskalieren. Der Katholikenrat in Düren will mit dem Aachener Friedenskreuz gewaltlos protestieren und hofft, dass die juristischen Mittel RWE Einhalt gebieten.

DOMRADIO.DE: Die nordrhein-westfälische Bauministerin Scharrenbach hat angeordnet, die 60 Baumhäuser zu entfernen weil, sie eigentlich auch Gebäude sind und der Brandschutzverordnung unterliegen, diese aber nicht erfüllt wird. Die Braunkohle-Gegner sehen hierin eher ein vorgeschobenes Argument. Wie sehen Sie das?

Irene Mörsch (Vorsitzende des Katholikenrats in Düren) : Das sehe ich genauso. Denn diese Baumhäuser bestehen seit bis zu sechs Jahren, in denen nie die Rede von Brandschutz war. In unserem Rechtsstaat ist es eigentlich so, wenn so eine Anordnung erlassen wird, dass dann nicht sofort geräumt werden kann. Da gibt es immer noch ein paar Hürden oder eine Widerspruchsfrist. Ich glaube nicht, dass das vor Gericht standhalten kann.

DOMRADIO.DE: Darüber sollen heute noch Verwaltungsgerichte in Köln und Aachen bis 22 Uhr entscheiden. Denn es sind Eilanträge gegen diese Räumung der Baumhäuser gestellt worden. Wie schätzen Sie denn die Chancen ein?

Mörsch: Ich bin kein Jurist. Sie kennen den Spruch: Vor Gericht und auf offener See ist man nur in Gottes Hand. Ich weiß es nicht, aber ich setze trotz allem immer noch Hoffnung in unseren Rechtsstaat und in die Jurisdiktion.

DOMRADIO.DE: Heute findet wohl einer der größten Polizeieinsätze statt – ungefähr zwölf Kilometer entfernt von Ihrem eigenen Zuhause. Es gab aber auch immer wieder Berichterstattung über gewalttätige Proteste von Seiten der Umweltaktivisten. Steine sind geflogen. Beide Seiten sind angespannt. Heute gab es noch eine Menschenkette mit katholischen und evangelischen Pfarrern. Sind denn in diesem Konflikt, der sich zuspitzt, besonders Christen gefragt?

Mörsch: Auf jeden Fall sind dabei Christen gefragt. Denn wir haben ja als Christen auch eine Mitverantwortung für diese Welt oder wie schon im Alten Testament gesagt wird, für die Pflege und das Hegen dieses Garten Edens, der Gott den Menschen gesetzt hat. Ganz konkret ist das jetzt hier eine sehr wichtige Aufgabe für uns.

Wir vom Katholikenrat haben 2016 einen Vortrag gehört über die Enzyklika "Laudato si" von Papst Franziskus. Seitdem ich die gelesen habe, steht für mich außer Frage, dass wir Christen uns dort engagieren müssen. Auch wenn es da Aktivisten gibt, die anders handeln, als wir es für richtig halten, die zu einem kleinen Teil gewalttätig sind. Ich kenne sehr viele andere, die ganz friedlich den Protest mit dem Einsatz ihres Körpers betreiben, denn etwas anderes haben sie dem nicht entgegenzusetzen.

DOMRADIO.DE: Es geht beim Hambacher Forst nicht nur um ein bundesweites Symbol, sondern auch um den Protest gegen einen Energiekonzern, der sich gegen die international beschlossenen Klimaziele stellt, indem er den Kohleabbau weiter fortsetzt. Will man die Klimaziele noch erreichen, müsste man aus der Braunkohle aussteigen. Wie ist das für Sie persönlich? Können Sie das nachvollziehen?

Mörsch: Das kann ich sehr gut nachvollziehen. RWE beruft sich auf Gesetze und Erlasse, die vor 40 Jahren getroffen wurden; Vereinbarungen, dass sie bis 2040 abbaggern dürfen. Aber zu der Zeit, als das beschlossen wurde, war mir Photovoltaik, Windenergie und Alternativen wenig bekannt. RWE beharrt auf den Vereinbarungen, und ich habe den Eindruck, dass das Unternehmen die Politiker ziemlich fest im Griff hat.

DOMRADIO.DE: Sie protestieren gewaltfrei gegen diese Rodung. Was kann man denn tun?

Mörsch: Einfach Präsenz zeigen und versuchen, die Argumenten der Wissenschaftler und der Untersuchung des Fraunhofer-Instituts verbreiten, dass die Lichter in dem Industrieland NRW auch ohne die Braunkohle nicht ausgehen.

DOMRADIO.DE: Sie haben auch zum Protest aufgerufen. Zum Beispiel soll es am 23. September einen Pilgerweg geben. Was ist da geplant?

Mörsch: Geplant ist, dass wir mit dem Aachener Friedenskreuz dorthin pilgern. Das ist ein Kreuz, das Kriegsheimkehrer 1947 in Aachen errichteten. Seitdem wird es durchs Bistum und auch durch andere Gegenden getragen, wo der Friede in Gefahr ist. Den sozialen Frieden sehen wir sehr stark in Gefahr, weil auch die heutige Aktion zu einer Eskalation beiträg. 

Der ein oder andere, der sonst eher friedlich ist, könnte dadurch verleitet werden, seine Taktik zu ändern. Das halte ich für sehr gefährlich. Deswegen wollen wir ein ganz friedliches Zeichen mit diesem Kreuz setzen. Wir werden von einer Kirche im Erzbistum Köln aus bis an den Wald gehen. RWE sperrt ja täglich neue Wege. Und von der anderen Seite vom Ort Morschenich aus, der im Bistum Aachen liegt, bis in die Nähe des Waldes pilgern.

Das Interview führte Beatrice Steineke.

(DR)

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