Thilo Sarrazin stellt sein Buch "Feindliche Übernahme" vor
Thilo Sarrazin stellt sein Buch "Feindliche Übernahme" vor
Halbmond auf einer Moschee
Moschee in Frankfurt a.M.

31.08.2018

Kritik an Thilo Sarrazins "Feindliche Übernahme" "Sarrazin nimmt ganze Religion in Sippenhaft"

Der Islambeauftrage des Erzbistums Köln bezeichnet Thilo Sarrazin neues Buch "Feindliche Übernahme" als Unsinn und wissenschaftlich nicht haltbar. "Er macht sich die Dinge sehr einfach", analysiert Thomas Lemmen im Interview.

DOMRADIO.DE: Das sind gewagte Linie, die Sarrazin zieht. Von Mohammed direkt zum IS-Terrorissismus. Ist das theologisch legitim?

Thomas Lemmen (Islambeauftragter des Erzbistums Köln): Es ist wissenschaftlich nicht haltbar. Die Thesen von Thilo Sarrazin entbehren jeder wissenschaftlichen Grundlage. Er macht sich die Dinge sehr einfach, indem er Texte wortwörtlich liest. Das ist eine Herangehensweise, die Fundamentalisten jedweder Couleur gemeinsam ist.

Gerade der Koran aber auch andere heilige Schriften müssen im Kontext verstanden werden. Das heißt, der Text bedarf immer des Kontexts, der Entstehungsgeschichte und der Umstände, um ihn wirklich zu verstehen.

DOMRADIO.DE: Das hat er bei seinem ersten Buch schon gemacht oder?

Lemmen: Er greift viele Thesen des ersten Buches auf und führt sie unbesehen weiter. Auch wenn diese Thesen nachträglich von anderen widerlegt worden sind, hindert ihn das nicht daran, das Gleiche nochmal zu behaupten.

DOMRADIO.DE: Sarrazin kommt zu dem Schluss: Der Islam sei aggressiv, ungeordnet, emotional und wenig abstrakt. Den Islam so zusammenzufassen, ist das nicht völlig falsch und gefährlich?

Lemmen: Mit Blick auf die Muslime, die er damit anspricht, verstößt er gegen das Diskriminierungsverbot des Grundgesetzes Artikel 3 Absatz 3, in dem es klar heißt, dass niemand wegen seines Glaubens, seiner Herkunft, seiner Abstammung, seiner religiösen Überzeugung diskriminiert werden darf. Das tut er letztlich in diesem Buch.

Er nimmt im Grunde eine ganze Religion in Sippenhaft. Es gibt Phänomene und Gewaltpotenziale im Islam wie in jeder Religion. Die müssen als solche gesehen und verstanden werden. Aber sie zu generalisieren, ist sehr gefährlich, und gibt all denen recht, die gerade im Moment dieses Land aufwühlen und die Schuld für alles in den Zuwanderern sehen.

DOMRADIO.DE: Gießt das Buch im interreligiösen Dialog nicht zusätzlich Öl ins Feuer?

Lemmen: Selbstverständlich. Es verunsichert viele Menschen, die auf der Suche nach Antworten sind. Es bestätigt diejenigen, die immer schon wussten, wo die Antwort ist, und dass es nur eine Wahrheit gibt. Und man muss auch sehen, dass er sozusagen diese kämpferische Natur des Islam heraufbeschwört.

Genau das hatten wir in Deutschland schon mal - nämlich im Dritten Reich. Damals hat man den Islam für eine kämpferische Ideologie gehalten, die geradezu für den gemeinsamen Kampf mit Deutschland gegen die Feinde geeignet ist. Und das ist letztlich wie damals eine Instrumentalisierung des Islams für politische Zwecke.

DOMRADIO.DE: Kann man sagen, die Koranauslegung von Sarrazin steckt voller Fehler?

Lemmen: Ich würde nicht von Koranauslegung sprechen. Sarrazin ist niemand, der auch nur im Entferntesten in der Lage wäre, den Koran auszulegen. Er liest ihn, ohne ihn zu verstehen, und gibt seine Meinung der Dinge wieder. Das ist keine Auslegung, das ist im Grunde so, wie wenn ich ein Buch über den Finanzmarkt schreiben würde, dann würde genau ein solcher Unsinn herauskommen wie das Buch, das er nun vorgelegt hat.

DOMRADIO.DE: Wie gehen wir damit um? Das Buch bekommt viel Aufmerksamkeit. Ist zu befürchten, dass es wieder ein Bestseller wird?

Lemmen: Wir müssen an dem festhalten, was die tragenden Säulen unserer Gesellschaft sind. Das Grundgesetz, die Achtung vor der Würde des Menschen und der Religionsfreiheit. Das, was die katholische Kirche auch in den Texten des Zweiten Vatikanischen Konzils gesagt hat, dass es keine Alternative zum Dialog der Religionen gibt.

All das müssen wir in diesen schwierigen Zeiten umso tiefer und überzeugter vertreten, weil es keine Alternative zum Miteinander und zum Dialog gibt. Die Alternative wäre nur das, was wir leider in diesen Tagen in Chemnitz und anderswo erlebt haben, die Konfrontation. Und das ist nicht im Sinne des Grundgesetzes und auch nicht im Sinne des Zweiten Vatikanischen Konzils.

(DR)

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