Verständigungsprobleme klären sich mit Händen und Füßen
Pflege in Deutschland

19.06.2018

Studie: Viele pflegende Angehörige sind überlastet und zornig Überforderung - Wut - Gewalt

Bei der Pflege von Angehörigen stoßen viele an ihre Grenzen. Es droht eine Eskalationsspirale bis hin zur Gewalt. Eine Studie zeigt, wie viele Angehörige sich überfordert und nicht anerkannt fühlen.

Aus Überforderung wird Wut. Aus Wut wird Gewalt. Den Ehepartner, den Vater oder die Mutter zu pflegen, kann zur Zerreißprobe werden. Am Anfang steht ein Sturz, ein Herzinfarkt, ein Schlaganfall oder auch eine schleichende Demenz. Plötzlich müssen Angehörige ihr Leben völlig neu ausrichten. Hildegard Menger (Name geändert) hat das am eigenen Leib erfahren: Mehr als zehn Jahre lang hat die 60-Jährige ihren an Demenz leidenden Mann zu Hause gepflegt - bis zum Tod. Ein Abstieg vom erfolgreichen Wissenschaftler zum hilflosen Patienten, der aggressiv um sich schlagen konnte, seinen Kot im Haus verschmierte und niemanden mehr erkannte. Mutlosigkeit, Verzweiflung, Isolation: Fast drei Viertel der rund 3 Millionen pflegebedürftigen Menschen in Deutschland werden zu Hause versorgt - davon 1,4 Millionen ausschließlich durch Angehörige. Für viele von ihnen, vor allem Ehefrauen, Töchter und Schwiegertöchter, ist das ein Kraftakt.

Pflegebedürftige als Opfer, Pflegebedürftige als Täter

Aggressionen gibt es auf beiden Seiten. Gebrechliche Menschen müssen ihre Unabhängigkeit aufgeben, sind bisweilen frustriert und aggressiv. Umgekehrt sind auch viele der Pflegenden überlastet, lassen Schutzbefohlene ihre Macht spüren. Angehörige sind hin- und hergerissen zwischen Mitleid und Wut, Schuldgefühlen und Überforderung. Zum Ausmaß gibt es nur wenige Studien. Das Thema gilt als Tabu, die Dunkelziffer ist hoch. Gewalt in der Pflege ist oft subtil: Verletzung des Schamgefühls, Mängel in der Ernährung, Verwahrlosung, verbale Attacken und körperliche Angriffe gehören dazu. Der Übergang zwischen ruppigem Verhalten und körperlicher oder psychischer Gewalt ist dabei oft fließend.

Studie warnt vor Eskalationsspirale

Eine am Montag in Berlin veröffentlichte Studie des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP) mit 1.006 pflegenden Angehörigen zwischen 40 und 85 Jahren warnt vor einer Eskalationsspirale und fordert mehr Hilfen. Über ein Drittel der befragten pflegenden Angehörigen (36 Prozent) fühlt sich danach häufig niedergeschlagen, 29 Prozent sind oft verärgert. Zudem hatte über die Hälfte (52 Prozent) in den vergangenen sechs Monaten teilweise den Eindruck, dass die pflegebedürftige Person ihre Hilfe nicht zu schätzen weiß. 25 Prozent hätten den Pflegebedürftigen bereits "vor Wut schütteln können". 45 Prozent gaben an, mit psychischer Gewalt wie Anschreien, Beleidigen oder Einschüchtern konfrontiert worden zu sein. 11 Prozent haben körperliche Übergriffe wie grobes Anfassen, Kratzen, Kneifen oder Schlagen erlebt.

Auch pflegende Angehörige können gewalttätig sein

Aber auch pflegende Angehörige können gewaltsam handeln: Insgesamt 40 Prozent der Befragten räumten ein, dies innerhalb der letzten sechs Monate mindestens einmal absichtlich getan zu haben. Am häufigsten wurden mit 32 Prozent Formen psychischer Gewalt berichtet. 12 Prozent machten Angaben zu körperlicher Gewalt, 11 Prozent zu Vernachlässigung. Sechs Prozent nannten freiheitsentziehende Maßnahmen. Der Vorstandsvorsitzende des ZQP, Ralf Suhr, forderte deshalb gezielte Unterstützungsangebote sowie mehr Aufklärung über Gewaltprävention. "Gewalt in der Pflege ist keine Ausnahme. Sie hat viele Gesichter und fängt nicht erst beim Schlagen an", sagt er. Sie müsse nicht einmal böswillig geschehen. "Pflege kann schwierig sein und auch mit negativen Emotionen einhergehen", so Suhr. Es sei bedeutsam, solche Gefühle zu erkennen und zu lernen, wie man damit umgehen kann. Wer Gewalt in der Pflege verharmlose, verkenne die möglichen Schäden bei Betroffenen und das Risiko einer Eskalationsspirale, fügte der Experte hinzu. "Skandalisierung oder Stigmatisierung behindern eher wirksame Gewaltprävention."

Kostenloser Rechtsanspruch

Fakt ist, dass viele pflegende Angehörige nicht wissen, wo sie Hilfe finden. Dabei haben sie einen kostenlosen Rechtsanspruch auf Beratung und Schulung, so Suhr. Zum Beispiel bei Pflegeschulungen oder Pflegeberatungen. Erst im Januar hat das ZQP das Internetportal www.pflege-gewalt.de vorgestellt, das Rat und Hilfe bieten soll. Nutzer finden dort auch Telefonkontakte zu Beratungsangeboten deutschlandweit, die Betroffenen weiterhelfen können.

Christoph Arens
(KNA)

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