Erste Friedensnobelpreisträgerin: Vor 175 Jahren wurde Bertha von Suttner geboren

Radikal für den Frieden

Sie war die erste Ikone einer europäischen Friedensbewegung: Bertha von Suttner, deren Kampf gegen den Krieg 1905 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Ihr Roman "Die Waffen nieder!" war ein Bestseller.

Bertha von Suttner  (KNA)
Bertha von Suttner / ( KNA )

Die Pazifistin und Schriftstellerin warnte mit eindringlichen Worten: "Der nächste Krieg wird von einer Furchtbarkeit sein, wie noch keiner seiner Vorgänger. Jede Stadt ein Trümmerhaufen, jedes Feld ein Leichenfeld. (...) Und aus tausend Meter Höhe schneien verstümmelte Krieger als blutende Flocken herab."

Bertha von Suttner sollte recht behalten. Doch den von ihr prophezeiten Ersten Weltkrieg (1914-1918) erlebte die Friedensnobelpreisträgerin nicht mehr, sie starb am 21. Juni 1914. Vor 175 Jahren, am 9. Juni 1843, wurde sie in Prag geboren.

Die Hauslehrerin verliebt sich in ihren Schüler

"Der Mut dieser Frau ist zu bewundern, die allem Spott und Gelächter zum Trotz ihr Ideal des Weltfriedens aufrecht erhält und verficht in einer Zeit, die wie ein wahrer Hohn auf den Frieden erscheint", schrieb 1904 das "Leipziger Tagblatt". Wer war diese Adlige, die sich mit Haut und Haaren dem Kampf gegen das irrsinnige Wettrüsten verschrieb?

Geboren wurde sie als Gräfin Kinsky von Chinic und Tettau in Prag – Sproß eines der angesehensten Adelsgeschlechter in Böhmen. Ihr Vater Franz Joseph Kinsky war Feldmarschall, starb mit 75 Jahren kurz vor ihrer Geburt. Seine zweite Ehe mit der fast 50 Jahre jüngeren Sophie Wilhelmine von Körner, Berthas Mutter, war in den Augen der Kinsky-Familie alles andere standesgemäß.

Nachdem ihre verwitwete Mutter beim Roulette das Familienvermögen verspielt hatte, suchte sich die 30-jährige Bertha 1873 eine bezahlte Anstellung. Die belesene Frau wird Lehrerin für Musik und Sprachen im Haus des Industriellen Freiherr Karl von Suttner in Wien - und verliebt sich in den jüngsten Sohn, den sieben Jahre jüngeren Arthur.

Entschiedener Kampf gegen den Krieg

Das "unschickliche" Verhältnis fliegt auf, die Hauslehrerin wird entlassen und soll als Privatsekretärin dem superreichen Sprengstofffabrikanten Alfred Nobel in Paris dienen. Bertha bleibt nur acht Tage dort, sie flieht zurück nach Wien zu Arthur. Doch die Begegnung mit Alfred Nobel wird zum Grundstein einer engen Freundschaft. Auf ihre Anregung hin stiftet er später den Friedensnobelpreis – den Bertha von Suttner 1905 als erste Frau erhält.

Zurück in Wien heiraten Bertha und Arthur heimlich und brennen ins heutige Georgien durch. Die Suttners, die kinderlos bleiben, ringen schwer um ihre Existenz. Nur spärliche Einnahmen bringt die Schriftstellerei: Arthur schreibt Berichte aus dem russisch-türkischen Krieg und Texte über den Alltag im Kaukasus. Bertha, die Englisch, Französisch und Italienisch spricht, verfasst Erzählungen, Kurzgeschichten für Zeitungen, Romane und Glossen, seichte Herz- und Schmerz-Geschichten.

Doch sie beschäftigt sich auch mit der Literatur des Realismus und der Philosophie, studiert soziologische Schriften und das Völkerrecht. Bertha von Suttner wandelt sich zur politischen Journalistin und führt alsbald einen entschiedenen Kampf gegen den Krieg – in einer Zeit, die durch wachsenden Nationalismus und Militarismus gekennzeichnet ist.

Verlage wollten ihren Roman "Die Waffen nieder!" nicht drucken

Der Autor Stefan Zweig schrieb später: "Sie wusste ja selbst besser als jeder andere um die tiefe Tragik der Idee, die sie vertrat, um die fast vernichtende Tragik des Pazifismus, dass er nie zeitgemäß erscheint, im Frieden überflüssig, im Kriege wahnwitzig, im Frieden kraftlos ist und in der Kriegszeit hilflos."

Im Winter 1886/87 treffen sich die Suttners in Paris mit Alfred Nobel. Auch er sucht nach Wegen zur Überwindung von Kriegen: "Ich möchte einen Stoff oder eine Maschine schaffen können von so fürchterlicher, massenhaft verheerender Wirkung, dass dadurch Kriege überhaupt unmöglich würden", schreibt er später an Bertha von Suttner. 1889 erscheint ihr berühmter pazifistischer Roman "Die Waffen nieder!". Mehrere Verlage hatten sich zunächst geweigert, ihn zu drucken, auch wegen der drastischen Schilderung von Kriegsgräueln.

Die Geschichte der Gräfin Martha Althaus macht sie auf einen Schlag berühmt. Der in der Ich-Perspektive verfasste Bericht erzählt vom Leben einer österreichischen Adligen aus der Zeit der Kriege zwischen 1859 und 1870/71. Das Buch wird zum Plädoyer gegen die Militärpolitik des preußischen Obrigkeitsstaates, die allgemeine Wehrpflicht und den aufblühenden nationalen Chauvinismus. Und es dient als Blaupause für die in Europa zaghaft entstehende pazifistische Bewegung. Bis 1917 erscheint es in Übersetzungen in 16 Sprachen.

Mit Geschick und Diplomatie

Suttner, nun nicht mehr mittellos, gewinnt mit Geschick und Diplomatie europaweit Politiker und Angehörige der höheren Schichten für ihre Sache: die Einrichtung eines internationalen Schiedsgerichts zur nichtkriegerischen Lösung zwischenstaatlicher Konflikte. Die Aktivistin gründet die Österreichische Friedensgesellschaft und wird Vizepräsidentin des Internationalen Friedensbüros. Sie ist überzeugt, "dass es verkehrt ist, den einzelnen Mord zu bestrafen und den Massenmord im Kriege zu befehlen und zu belohnen".

"Aus dieser Erkenntnis leitet Suttner ihre Forderung ab, radikal umzudenken und den Einsatz eines Krieges als politisches Mittel fallenzulassen", schreibt ihre Biografin Brigitte Hamman, "denn kein politisches Ziel rechtfertige die Vernichtung der Menschheit". Ihre letzten Lebensjahre waren von Krankheit und, nach dem Tod ihres Mannes, von zunehmender Einsamkeit geprägt. Während sie in der europäischen Friedensbewegung allmählich ins Abseits geriet und immer weniger Gehör fand, wurde sie während einer Vortragsreise durch die Vereinigten Staaten begeistert gefeiert.

Zum Weltfriedenskongress 1914 in Wien ist die Premiere der Verfilmung ihres Romans "Die Waffen nieder!" angekündigt. Doch der Erste Weltkrieg verhindert das Treffen. Dass all ihre Anstrengungen tragisch scheitern würden, hat sie nicht mehr miterlebt. Am 21. Juni 1914 starb sie – eine Woche vor den Schüssen in Sarajevo, die den Ersten Weltkrieg auslösten.


Quelle:
KNA , epd
Mehr zum Thema