Paul Zulehner, Pastoraltheologe
Paul Zulehner, Pastoraltheologe

08.03.2018

Pastoraltheologe Zulehner über die Bedeutung von engen Vertrauten Die Freundschaft als Zelt

Kein Mensch kann für sich allein Mensch sein - davon ist der Pastoraltheologe Paul Zulehner überzeugt. Die wichtigste Eigenschaft eines Freundes ist aus Zulehners Sicht Verlässlichkeit. Und: Ein Freund müsse sich auch kritisch äußern.

DOMRADIO.DE: "Ein treuer Freund ist wie ein festes Zelt; wer einen solchen findet, hat einen Schatz gefunden." Dieses Zitat stammt aus dem Buch Jesus Sirach im Alten Testament - und Sie greifen diesen Ausspruch auf in Ihrer Autobiografie "Mitgift". Was ist für Sie ein guter Freund?

Paul Zulehner (Pastoraltheologe und Religionssoziologe): Ein guter Freund ist mit Sicherheit einer, auf den ich mich verlassen kann. Ich glaube, das ist eine der wichtigsten Eigenschaften eines Freundes, dass er ein verlässlicher Mensch ist. Einer, der es ehrlich meint mit mir, der nicht nur ein Lobhudler ist, sondern einer, der gegebenenfalls auch eine kritische Aussage über etwas von mir macht. Einer, mit dem es verbindlich zugeht und mit dem ich auch über persönliche Dinge reden kann; obwohl ich aus meiner Forschung weiß, dass das von Männerfreundschaften eher nicht erwartet wird.

DOMRADIO.DE: Als katholischer Priester haben Sie Ehelosigkeit versprochen. Kommt vor diesem Hintergrund der Freundschaft eine noch größere Bedeutung zu?

Zulehner: Grundsätzlich bin ich der festen Überzeugung - und da stimme ich auch den großen Theoretikern wie etwa Martin Buber zu - dass alles wirkliche Leben der Begegnung entstammt und dass kein Mensch für sich allein Mensch sein kann. Das heißt, wir brauchen immer Beziehungen und Begegnungen. Am Anfang des Lebens findet das mit den Eltern statt, aber irgendwann, wenn man abgenabelt ist vom Elternhaus, kann man nicht für sich ganz alleine leben, sondern es braucht immer ein Geflecht von Beziehungen, einen Menschen, mit dem man in einem intensiveren Austausch lebt. Auch jene Leute, die nicht heiraten, brauchen das. Und es gibt ja auch sehr viele alleinlebende Menschen, die nicht zur Ehe gefunden haben oder auch die Ehe nicht wollten. Bei denen gilt dasselbe wie bei mir als einem ehelosen Priester: Ehelosigkeit heißt nicht Beziehungslosigkeit, das heißt, man kann auch als Priester nicht völlig allein leben, sondern man braucht Menschen, mit denen man gut zusammen sein kann.

DOMRADIO.DE: In Ihrer Autobiografie schreiben Sie "Ich kann mir mein Leben ohne starke Männerfreundschaften nicht vorstellen." Was haben Ihnen diese Männerfreundschaften gegeben - was geben Sie Ihnen bis heute?

Zulehner: Ich bin mit solchen Männerfreundschaften groß geworden, ohne dass ich mir das groß aussuchen musste. Ich war schon als Kind in einem Knabenchor, später im Priesterseminar war ich dann auch immer eingebunden in eine Gemeinschaft, die rein männlich war. Frauen kamen da nicht vor. Das war das Netzwerk, in dem das Leben stattgefunden hat- und wie ich rückblickend sagen muss: gar nicht schlecht stattgefunden hat. Wir haben viel miteinander gemacht, studiert, wir sind Ski fahren gegangen, wir haben sehr viel Spaß gehabt miteinander. Das finde ich auch eine wichtige Herausforderung von Beziehungen und Freundschaften, dass es nicht nur traurig, sondern auch lustig zugeht. 

DOMRADIO.DE: Sie unterscheiden ja ganz klar zwischen Männer- und Frauenfreundschaften. Sind möglicherweise Freundschaften zu Frauen für einen zölibatär Lebenden von vorneherein komplizierter?

Zulehner: Ich glaube, das gilt generell für Männer. Wir haben in Männerstudien in Deutschland und Österreich auch dieses Thema mit untersucht. Das Ergebnis war: Dass, wenn jemand heterosexuell ist, seine Beziehung zum anderen Geschlecht meistens auch von einer Dimension des Erotisch-Sexuellen aufgeladen ist; das schwingt unmittelbar mit, ohne dass man das hervorrufen oder abwehren muss. Ich glaube, das ist eine Realität, die gegeben ist. Während, wenn ich als heterosexueller Mann einen anderen Mann als Freund habe, diese erotisch-sexuelle Dimension nicht vorhanden ist. Bei Männerfreundschaften, das hat ein Mann einmal im Rahmen unserer Forschung gesagt, fällt das ganze Erwartungszirkular weg, was so intime Beziehungen ja auch häufig mit sich bringen. Insofern haben mich meine Freundschaften mit Frauen immer weitaus mehr herausgefordert mit der Frage, wie ich sie gestalten und kultivieren soll. Wir haben in der Erziehung vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil zunächst gelernt, dass das Einfachste ist, keine Freundschaften mit Frauen zu haben. Aber ich glaube, dass auch Männer-und-Frauen-Freundschaften zu jedem menschlichen Leben dazu gehören, weil man sonst auch selber nicht als Mann heranreift.        

DOMRADIO.DE: Sie würden dann, wenn ich Sie richtig verstehe, nicht so weit gehen wie es in diesem schönen Film "Harry und Sally" ist, wo behauptet wird, es kann keine Freundschaft zwischen Männern und Frauen geben?

Zulehner: Ich gehe sogar einen Schritt weiter. Ich habe sehr viel über Ehe, Ehepsychologie und Entwicklung der Ehephasen studiert, weil das auch zu meinem pastoraltheologischen Fachbereich gehört hat. Ich habe dort gelernt, dass man, auch wenn man in der Ehe sehr stark auf einen Menschen fokussiert ist, auf die Dauer nicht mit diesem einen Menschen allein die reiche Entfaltung der eigenen Persönlichkeit erleben kann. Deshalb sagen alle Weisen, dass das Leben auch nach und nach eng werden kann, wenn es sich nur um einen einzigen Menschen dreht. So gut es auch ist, einen Ehepartner zu haben, viele Bereiche meines eigenen Fühlens, Denkens, Forschens bleiben dann vielleicht brach liegen. Und so ist es doch auch für Eheleute sehr gut, wenn sie daneben auch Freunde und Freundinnen haben, weil das ihr Leben bereichert. Wobei, wenn ich als Mann eine Freundschaft zu irgendeiner Frau habe, das immer auch eine andere Herausforderung darstellt als in einer Freundschaft zu einem anderen Mann.   

DOMRADIO.DE: In Ihrem Buch bezeichnen Sie Freundschaften auch als "Gottesgeschenk". Hängt das Band der Freundschaft denn nicht viel mehr an den beiden Befreundeten selbst?

Zulehner: Das sehe ich nicht als Widerspruch. Ich glaube nicht, dass dieses Dreiecksdenken einen Sinn macht. Wenn ich etwa in einer Ehe meinen Partner liebe, dann liebe ich doch auch immer das Göttliche in ihm. Es ist immer identisch, weil diese Trennung von Gott und Mensch theologisch ja gar nicht so einfach möglich ist. Wenn mir ein Freund geschenkt wird, wie das Buch Sirach im 6. Kapitel so wunderbar beschrieben hat, dann ist es eben ein Geschenk Gottes an mich. Oder dass es in einer Ehe ein großes Staunen gibt über das, was über einen anderen Menschen in mein Leben hereingespielt wird von einem, den ich Gott nenne.

Das Gespräch führte Heike Sicconi.

(DR)

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