Obdachloser im Winter
Obdachloser im Winter

27.02.2018

Wie ein "gutenachtbus" Obdachlose versorgt Hilfe gegen tödliche Minustemperaturen

Die derzeitigen Minustemperaturen können auf der Straße zur tödlichen Gefahr werden. Dennoch suchen viele Obdachlose ungern ein Übernachtungsquartier auf. Eine franziskanische Initiative hilft ihnen durch die Nacht.

Michael Abraham drückt aufs Tempo. "Wir haben nur noch eine Viertelstunde", treibt er das Team an. Der "gutenachtbus" ist noch nicht fertig beladen. Mehrere Thermoskannen mit heißem Wasser und Plastikkörbe mit Teilchen und belegten Brötchen sind schon verstaut. Aber den Hausflur der Geschäftsstelle von "vision:teilen" blockieren Kisten mit Schuhen und Kleidung, die noch im Wagen vor der Tür unterzubringen sind.

Die Helfer legen einen Zahn zu, damit ihr Nachteinsatz pünktlich beginnen kann. Die Temperaturen liegen heute unangenehm unter Null - und sicherheitshalber finden mehr Schlafsäcke und dicke Jacken als sonst im vollgestopften Laderaum Platz. Endlich lässt Michael Abraham den Motor an. Denn sie werden erwartet. Um Punkt 22.00 Uhr hält der Kleinbus an seinem angestammten Platz zwischen Andreaskirche und Kom(m)ödchen in der Düsseldorfer Altstadt. Und ruckzuck drängt sich eine Traube von Menschen vor die Seitentür.

Seit 2011 steuert der "gutenachtbus" vier Mal in der Woche diese Stelle im Herzen der Landeshauptstadt an, um Obdachlose, Drogenabhängige und andere Bedürftige mit einem heißen Getränk, einer warmen Suppe, Brot oder Gebäck zu versorgen, "um die Nacht gut zu überstehen".

Kleidung und warme Suppe

Weil es so eiskalt ist, kommt es diesmal besonders auf "Lemmy" an. Er macht hinten die Hecktüren auf, markiert mit einem Kreidestrich eine imaginäre Ladentheke und eröffnet damit die mobile Kleiderkammer. "Die könnte vielleicht passen", bietet er einem Mann eine Hose an. "Bitte diese Decke", bekundet ein anderer "Gast" mit polnischem Akzent seinen Wunsch. "Und Schuhe". Lemmy stutzt - "Hatten Sie nicht letztes Mal neue Schuhe?" - und fragt dann aber doch nach der Größe. Immerhin sind sie heute gut bestückt, weil ein Spender einfach mal 18 Paare zum Verteilen vorbeigebracht hat.

Die franziskanische Initiative "vision:teilen", die das Projekt trägt, lebt von solchen Unterstützern und einem Hilfe-Patchwork, um niedrigschwellig unterstützen zu können. So kocht eine Frau einmal in der Woche Erbsensuppe, und an diesem Donnerstagabend gibt es eine Mahlzeit aus der Terrine eines Altstadt-Restaurants. Bei allem geht es aber nicht nur ums Essen, wie der Leiter von "vision:teilen", Bruder Peter Amendt, betont. Im Mittelpunkt stünden Gastfreundschaft und menschliche Begegnung. Die Obdachlosen sollen spüren, dass sich jemand Zeit für sie nimmt, ihre Nöte sieht und "ihnen Würde wiedergibt".

Und natürlich ist da die Hoffnung, "dass der eine oder andere Obdachlose doch mal seine Misere hinter sich lassen kann", so Bruder Peter. "Aber aus dieser Sackgasse kommen sie schwer heraus", weiß der 70-Jährige, der sich seit Jahrzehnten für die Menschen auf der Straße engagiert. Denn bei aller Hilfe müsse "jeder Betroffene diesen Weg selbst gehen". Und das bedeutet vor allem: sich der Brüche im eigenen Leben zu stellen, die Konflikte mit sich und seiner Familie wahrzuhaben, dabei auch anzuerkennen, ein Alkoholiker zu sein.

Bruder Peter berichtet von Markus, dem die Rückkehr in ein "normales" Leben gelungen ist. Lange Zeit nächtigte der frühere Buchhalter unter Brücken und sammelte Flaschen, um Hochprozentiges zu finanzieren.

Auch er suchte den "gutenachtbus" auf - und fand Vertrauen zu den Helfern. Und Vertrauen, das sichere Gefühl, als Mensch geschätzt zu werden, ist für Bruder Peter der Schlüssel für einen Neuanfang. Markus lebt inzwischen in einem Übergangsheim und hat auch wieder einen Draht zu seiner Familie.

Kaum Schlaf in den Nächten

So weit ist die 30-Jährige, die sich den Namen Annemarie gibt, noch nicht. "Ich bin jeden Abend hier", sagt sie, während sie aus einem Plastikteller Linsensuppe löffelt. Sie hat für die eisige Nacht einen Platz in einem Übergangsheim sicher - und über den "gutenachtbus" ein Paket Kaffee bekommen, "meine Rettung fürs Wochenende". Wie es in ihren jungen Jahren zum Leben als Obdachlose kam, darüber redet Annemarie kaum. Sie sagt etwas von der Trennung vom Ex-Mann und psychischen Problemen - und ist dann schnell bei den Problemen auf der Straße, wo sie als Frau aufpassen müsse, nicht vergewaltigt zu werden.

Derweil holt sich Barto aus Belgien noch einen "Coffie". Wo und wie er die Nacht verbringt, ist von ihm nicht zu erfahren. Viele Obdachlose meiden trotz bitterer Kälte die angebotenen Asyle, weil sie die Zwangsnähe nicht aushalten. Sollte Barto die Nacht draußen verbringen, wird auch er zu den gängigen Strategien greifen: sich in mehrere Hosen, Jacken und Schlafsäcke einpacken und sein Lager in einem dunklen Winkel auf Isomatte und Luftmatratze einrichten.

"Man schläft nicht richtig fest", berichtet ein 60-Jähriger, der inzwischen eine Wohnung gefunden hat und sich an der zweiten Haltestation des "gutnachtbusses" beim Hauptbahnhof eingefunden hat. Schon aus Angst, beklaut zu werden, bleibe man stets mit einem halben Auge wach. Und um dem Frieren etwas entgegenzusetzen, heißt es nach zwei Stunden: aufstehen und bewegen.

Manch einer, der zu viel Alkohol getrunken hat, spürt die Kälte nicht mehr und bringt sich in tödliche Gefahr, berichtet Bruder Peter. Über eine Notrufnummer haben die Helfer auch an diesem Abend von einem viel zu leicht bekleideten Obdachlosen erfahren, der sich auf einer Sperrmüll-Matratze niedergelassen hat. Die Mitarbeiter suchen ihn auf und bewegen ihn, sich in eine Notschlafstelle bringen zu lassen.

"Platte machen" stellt die Betroffenen mitunter vor Überlebenskämpfe. Das weiß nicht zuletzt Annemarie. Sie nimmt es mit Ironie: "Das Leben ist zwar schön, aber von einfach war nie die Rede."

Andreas Otto
(KNA)

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