Altersarmut treibt viele Menschen zu den Tafeln
Altersarmut treibt viele Menschen zu den Tafeln

22.02.2018

Vor 25 Jahren wurde die erste Tafel gegründet Zwischen Armut und Überfluss

Tonnenweise gute Lebensmittel landen in Deutschland regelmäßig im Müll, zugleich leben Menschen in Armut. Tafeln geben seit 25 Jahren Lebensmittel an Bedürftige weiter. Ihr soziales Engagement wird aber nicht nur positiv bewertet.

Ein Dienstagvormittag: Im kalten Nieselregen in Köln-Kalk stehen rund 50 bunte Einkaufstrolleys in einer Reihe. Die ersten wurden bereits morgens um 7 Uhr dort abgestellt; sie reservieren ihrem Besitzer einen Platz ganz vorne in der Warteschlange. Was dann folgt: Stunden des Wartens auf dem grauen Vorplatz der Pfarrkirche Sankt Theodor.

Umso geschäftiger geht es drinnen zu - in der für soziale Arbeit angelegten Unterkirche. Einer der Räume platzt aus allen Nähten: Dort türmen sich Kisten mit Salat, Joghurt und Bananen. An der Hintertür fährt ein Lieferwagen vor; er bringt Obst und Gemüse für bedürftige Menschen. In Kalk versorgt eine von bundesweit 934 Tafeln arme Menschen mit Lebensmitteln. Seit genau 25 Jahren sammeln Hilfsorganisationen überschüssige Lebensmittel bei Supermärkten und Bäckereien ein und verteilen sie über 2.100 Ausgabestellen an Bedürftige.

Ausgabe nach Nummern

Das Ein- und Ausladen muss zügig gehen, denn der Transporter der Kölner Tafel fährt an diesem Tag weitere 21 Stationen an. "Einmal Tomaten, wem darf ich die Kiste geben?", ruft Norbert. Mit acht weiteren Helfern unterstützt er jede Woche die Ausgabe in Kalk. Viele Worte fallen nicht während der Arbeit. Kiste um Kiste wandert durch den Raum. Bis zum Mittag arbeiten die Ehrenamtlichen vier Lieferungen ab, packen Ware aus, sortieren und portionieren sie.

Punkt 13 Uhr kommt draußen Leben auf den Vorplatz. Die Besitzer der Einkaufstrolleys erscheinen. Norbert vergibt Nummern, die anzeigen, wer wann zur Lebensmittelausgabe darf. Viele Kunden haben die Wartezeit in kleinen Gruppen rund um den Platz verbracht. Für sie ist die Essensausgabe zu einem sozialen Treffpunkt geworden - ein Plus, denn Menschen in ihrer Situation fehlt gesellschaftliche Teilhabe meist genau so wie gesunde Nahrungsmittel.

"Räume der Exklusion"

Die Tafel, ein Ort der Gemeinschaft? "Nein, das sind Räume der Exklusion", kritisiert Soziologe Stefan Selke. Die Gesellschaft lasse zu, dass Menschen in Parallelwelten abdriften. Im Einzelfall sei die gegenseitige Hilfe gut. Dennoch gelte: "Diese Menschen sind dann gemeinsam ausgeschlossen."

Beim Verteilen der Nummern gibt es Ärger. Der Vorwurf: Eine Person habe ihren Trolley nachträglich in die Reihe geschoben. "Wollen wir mal sehen", ruft Norbert und zückt sein Handy. Wenn er morgens kommt, fotografiert er als erstes die Reihe der Einkaufswagen - als Nachweis, um solche Konflikte zu vermeiden. Denn wer vorne steht, kann früher zur Lebensmittelausgabe und bekommt das frischere Obst und Gemüse.

Viele Bedürftige sind Senioren

"Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben", kommentiert eine Seniorin. Mütze, Schal, sorgfältig geschminkt. Offen erzählt sie, dass sie seit Jahren Kundin der Tafel ist. Die meisten Wartenden sind Senioren, darunter viele Frauen. Einige stehen zusätzlich für die Familien ihrer Kinder an. Gerade bei Alleinerziehenden reicht das Geld trotz Job oft vorne und hinten nicht. 1,5 Millionen Menschen nutzen bundesweit regelmäßig Lebensmittelspenden - Tendenz steigend.

Lebensmittel bekommt nur, wer bei der Ausgabe registriert ist und staatliche Transferleistungen bezieht - folglich unterhalb der Armutsgrenze lebt und weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Nettoeinkommens zur Verfügung hat. Unter den Beziehern sind etwa die Hälfte Erwachsene im berufsfähigen Alter, rund ein Viertel Kinder und Jugendliche und ein weiteres Viertel Rentner. Allein die Zahl bedürftiger Senioren habe sich in den vergangenen Jahren verdoppelt, "und wir gehen davon aus, dass es in Zukunft noch mehr werden", heißt es vom Verband "Tafel Deutschland".

Tafel als "sozialer Platzanweiser"

Den Tafel-Kunden sollen die Spenden einen kleinen finanziellen Spielraum verschaffen, um dann auch mal fünf oder zehn Euro für einen Kinobesuch oder andere soziale Aktivitäten übrig zu haben. "Aber so einfach funktioniert das nicht", kritisiert Selke. Diese Rechnung sei unrealistisch. "Erst wenn Menschen keine Wahl mehr haben, gehen sie zur Tafel", so der Soziologe. Diese Menschen machten die Negativerfahrung, dass ihr eigener Konsum fremdbestimmt werde. Das beschädige ihr Selbstbild und ihre Identität. Tafeln wirkten so als "soziale Platzanweiser" und zeigten an, wohin jemand gehöre.

Dennoch stehen die Menschen in Köln Schlange. Die Essensausgabe beginnt um 15.30 Uhr. Die ersten Kunden betreten den Raum und bezahlen einen symbolischen Beitrag für die Lebensmittel: 30 Cent pro Familie. Davon kaufen die Ehrenamtlichen Konserven, die ausgegeben werden, wenn nicht genug frisches Obst und Gemüse zur Verfügung steht. An diesem Dienstag können die Helfer jeder Familie einen Salat, Trauben, zwei Bananen, Orangen oder Kiwis, zwei Päckchen Quark, Joghurt, Milch, etwas Wurst und zwei Brote weitergeben.

Selke beobachtet die Hilfe mit großer Skepsis. "Tafeln tragen dazu bei, dass wir uns an Armut gewöhnen", gibt er zu bedenken. Politik und Gesellschaft müssten Armut nachhaltig bekämpfen, wozu leider der Wille fehle. "Armut muss zum Skandalthema werden, wütend machen", fordert der Soziologe. Tafeln zementierten dagegen das aktuelle System und etablierten eine neue Armutsökonomie.

"Armut der Menschen nicht vergrößern"

"Tafel Deutschland" weist diese Kritik zurück: "Nicht wir sind das Problem, sondern die lückenhafte Form des Sozialstaats." Viele Kunden seien trotz mehrerer Jobs auf Zuschüsse angewiesen oder aber zu jung oder zu alt zum Arbeiten. "Hier geht es eher darum, die Armut der Menschen nicht zu vergrößern", meint auch Norbert.

Was am Morgen nach viel Essen ausgesehen hat, ist am Abend alles verteilt. Rund 180 Familien hat die Ausgabe in Kalk an diesem Tag mit Lebensmitteln versorgt. Bis etwa 19 Uhr räumen Norbert und seine Kollegen auf, zerkleinern Kartons, stapeln Kisten. Ein ganzer Arbeitstag - unbezahlt. Die meisten Kunden werden sie in den nächsten Wochen wiedersehen.

Anna Fries
(KNA)

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