Steyler Missionare kümmern sich in Mexiko um Migranten

Immer ein Platz in der Herberge

In der Weihnachtsgeschichte waren Jesus, Maria und Josef auf der Flucht. In einer Herberge im Süden Mexikos würden sie immer Platz finden. Auch wenn Platz und finanzielle Mittel knapp sind: Die Türen einer kleinen Kapelle dort stehen immer offen.

Autor/in:
Ina Rottscheidt
Herberge in Mexiko  / © Matthias Hoch (Adveniat)
Herberge in Mexiko / © Matthias Hoch ( Adveniat )

Speckige Matratzen liegen auf dem nackten Boden der kleinen Kapelle Santa Marta: Auf ihnen dösen Männer, viele in abgewetzten Kleidern. Die wenigen Habseligkeiten, die sie besitzen, liegen in Bündeln neben ihnen. Der eigentliche Altarraum ist nur notdürftig mit einigen Sperrholzplatten abgetrennt: Eher zufällig wurde die kleine Kirche in dem Dorf Salto de Agua im Süden Mexikos zur Migrantenherberge. Das war vor rund fünf Jahren, als immer mehr Menschen vorbei kamen, manchmal bis zu 100 Männer, Frauen und Kinder, erzählt Joachim Mnich. Der Steyler Missionar stammt ursprünglich aus Duisburg, seit 27 Jahren lebt er jedoch in Mexiko. Ihn nennen sie hier alle nur "Padre Joaquín".

Er führt aus der Kapelle, auf der anderen Straßenseite verläuft eine Bahntrasse. Sie ist der Grund dafür, dass immer mehr Migranten in den kleinen Ort kommen: Über 11.000 seien es allein im vergangenen Jahr gewesen, so der Padre, die meisten aus Honduras, Guatemala und El Salvador. Denn in Salto de Agua, nicht weit entfernt von der Grenze zu Guatemala, fährt der Güterzug vorbei, den sie in Mexiko "La Bestia" – "die Bestie" nennen: Wenn er fährt, klammern sich hunderte Migranten auf dem Dach der Waggons fest und reisen mit als blinde Passagiere Richtung Norden bis zur US-amerikanischen Grenze. Doch die Fahrt ist gefährlich, nicht nur, weil viele Migranten dabei verunglücken. Jeder versuche, sich auf ihre Kosten zu bereichern, sagt Padre Joachim: "Viele werden überfallen oder entführt, Frauen werden vergewaltigt. Und die Polizei, die Migrationsbehörde und die kriminellen Banden verlangen Geld von ihnen, damit sie weiterfahren dürfen. Alle nutzen sie aus!"

Warmes Essen und Sicherheit

Walter Galán hat das erlebt: Er kommt aus Honduras, auch er wollte mit dem Zug in die USA.  Zwei Wochen war er schon unterwegs, als er überfallen wurde. Mit Stöcken und Messern gingen Männer auf ihn los, "ich dachte wirklich, es sei zu Ende mit mir", erzählt er. Jetzt sitzt er auf einer Schaumstoffmatratze in der kleinen Kapelle, sein Gesicht ist geschwollen. Er zieht sein T-Shirt hoch und deutet auf die großen dunklen Blutergüsse am Körper. Das bisschen Geld, was er besaß, ist auch weg. In der Kapelle kommt er nun zur Ruhe. 

Fünf Steyler Missionare leben in Salto de Agua, mit Unterstützung von Freiwilligen und Spenden organisieren sie dort die Hilfe für Migranten. Ihre Mittel sind begrenzt, Geld vom Staat bekommen sie nicht. Aber für eine warme Mahlzeit, einige Nächte in Sicherheit, saubere Kleidung und ein paar freundliche Worte reicht es immer. "Wir wollen helfen, wie Jesus gesagt hat: Kommt alle zu mir, die schwere Lasten zu tragen haben, die müde und erschöpft sind, hier könnt Ihr ruhen!", sagt Padre Joachim. Dabei spiele es keine Rolle, ob die Migranten katholisch seien, die Tür der Kapelle stehe für alle offen.

Bau einer Herberge

Das Provisorium dort soll bald ein Ende haben: Wenige hundert Meter entfernt bauen die Steyler Missionare gerade eine Unterkunft, eine richtige Herberge soll es werden, mit Schlafräumen, Küche und Waschgelegenheiten. "Wir wollen den Migranten eine würdige Unterkunft bieten, sie sollen spüren, es gibt hier auch Menschlichkeit", erklärt Joachim Mnich.

Hilfe dafür kommt auch aus Deutschland vom katholischen Lateinamerikahilfswerk Adveniat, das in diesem Jahr faire Arbeitsbedingungen und gerechte Entwicklungschancen in den Mittelpunkt seiner Weihnachtsaktion stellt. Unter dem Motto: "Faire Arbeit. Würde. Helfen." will man auf Bedingungen aufmerksam machen, die zu Flucht und Migration führen, denn es sind Armut, Perspektivlosigkeit und Gewalt in den Heimatländern der Menschen, die sie in die Migration treiben und sie von einem  besseren Leben in den USA träumen lassen. 

Aber seit Donald Trump in den USA die Einwanderungsgesetze verschärft und Abschiebungen immer rigider durchgesetzt mehr werden, herrscht Ratlosigkeit unter den Migranten. Auch dem 24-jährigen Walter Galán sind Zweifel an seinem amerikanischen Traum gekommen. Ob er immer noch in die USA will? Er weiß es nicht. Ewig kann er in der kleinen Kapelle Santa Marta nicht bleiben, die Migranten müssen nach einigen Tagen weiterziehen, das ist die Regel. Aber wenigstens für ein paar Tage hat er in der Kapelle ein Zuhause fern der Heimat gefunden.


Auf der Flucht: Walter Galán / © Matthias Hoch (Adveniat)
Auf der Flucht: Walter Galán / © Matthias Hoch ( Adveniat )

Padre Joachim (l.) und sein Mitbruder / © Matthias Hoch (Adveniat)
Padre Joachim (l.) und sein Mitbruder / © Matthias Hoch ( Adveniat )
Quelle:
DR