Kerzen und eine weiße Rose neben Stolpersteinen
Kerzen und eine weiße Rose neben Stolpersteinen
Aktionskünstler Gunter Demnig mit einem Stolperstein
Aktionskünstler Gunter Demnig mit einem Stolperstein

16.12.2017

Gegen das Vergessen: 25 Jahre "Stolpersteine" "Das größte dezentrale Denkmal"

Vor genau 25 Jahren verlegte der Kölner Künstler Gunter Demnig seinen ersten "Stolperstein" in Köln. Mittlerweile sind es 63.000 Steine in 21 Ländern Europas, die an Opfer des Nationalsozialismus erinnern.

Am 16. Dezember 1992 stemmte Gunter Demnig zum allerersten Mal einen Gehweg auf, um einen mit einer beschrifteten Messingplatte versehenen Stein in das Pflaster einzulassen. Das Datum war kein Zufall: Genau 50 Jahre zuvor hatte der "Reichsführer SS" Heinrich Himmler im sogenannten Auschwitz-Erlass die Ermordung aller in Deutschland lebenden Sinti und Roma angeordnet. Auf Demnigs Stein vor dem Historischen Rathaus in Köln waren die Anfangszeilen von Himmlers Erlass zu lesen, im Hohlkörper des Steines war der gesamte Text enthalten.

Der Kölner Künstler, der im Oktober seinen 70. Geburtstag feierte, hat seitdem rund 63.000 Stolpersteine verlegt, bis zu 500 im Monat. Die "Steine" sind kleine Würfel aus Beton, auf denen oben die Messingtafel eingelassen ist, zehn mal zehn Zentimeter groß. Auf diesen Tafeln erinnert Demnig an Menschen, die dem Nationalsozialismus zum Opfer fielen.

Ein Stein erzählt ein Stück Lebensgeschichte

 "Die Grundidee, die dahintersteckt, ist die, dass wir überall da aktiv werden, wo die SS ihr Unwesen getrieben hat", erläutert der gebürtige Berliner. Deshalb liegen die Steine nicht nur in Deutschland, sondern auch in all jenen Ländern, die von den Deutschen besetzt wurden. 21 sind es insgesamt. Die Menschen, deren Namen die Steine tragen, waren Juden, Sinti und Roma, hatten Behinderungen oder waren politische Gegner des Regimes.

 "Am häufigsten werden wir von Heimat- und Geschichtsvereinen kontaktiert, aber auch von Angehörigen oder Schülergruppen, die wollen, dass wir bei ihnen auch einen Stein verlegen." Das geschieht immer auf dem Gehweg vor dem Gebäude, in dem der Betreffende zuletzt freiwillig gewohnt hat. 120 Euro kostet ein Stein. "Darin ist alles enthalten, der Stein, unsere Anreise und die Verlegung", erläutert Demnig. Neun Leute gehören mittlerweile zu Demnigs Team.

"In die Gemütlichkeit einbrechen"

"Mit der Verlegung bricht der Künstler geradezu anarchisch, man könnte nach über 20 Jahren sagen: noch immer, in die Gemütlichkeit und Ordnung eines Wohnviertels oder einer Geschäftsstraße ein", schreibt der Historiker Hans Hesse in seinem gerade erschienenen Buch über das Stolperstein-Projekt. Denn längst nicht alle Anwohner seien mit den Steinen einverstanden. Aber da die Gehwege Eigentum der Stadt sind, kann Demnig sie mit Genehmigung der Kommune trotzdem verlegen.

Der erste Stolperstein zum Auschwitz-Erlass wurde im Jahr 2010 aus dem Pflaster in der Kölner Altstadt von Unbekannten herausgebrochen und entwendet. Das passiere leider manchmal, sagt Demnig, aber glücklicherweise ziemlich selten. Im März 2013 ersetzte ihn Demnig durch einen neuen, der denselben Text trägt. Doch auch dieser Stein findet sich derzeit nicht an seinem Platz und musste bis auf weiteres weichen: in der Kölner Altstadt dauern die archäologischen Grabungen im mittelalterlichen jüdischen Viertel und der Bau des Jüdischen Museums im sogenannten Archäologischen Quartier voraussichtlich bis 2019.

Keine Steine in München

Demnig nennt seine Stolpersteine "das größte dezentrale Mahnmal der Welt". Dem stimmt auch Elke Purpus zu, die Direktorin der Kölner Kunst- und Museumsbibliothek, die sich in einer Ausstellung mit den Stolpersteinen befasst hatte: "Die Stolpersteine sind nicht mit dem üblichen Mahnmalbegriff zu fassen." Sie ruhten auf zwei Säulen: auf dem Künstler und auf der Bevölkerung. "Nirgendwo sonst machen so viele Privatpersonen mit, die in ihren Heimatkommunen aktiv werden und dort eine Verlegung durchsetzen." Das sei absolut einmalig.

Demnig, der neben zahlreichen Auszeichnungen auch das Bundesverdienstkreuz bekommen hat, sagt, dass seine Stolpersteine eigentlich überall gut angenommen würden, "mit Ausnahme von München". Dort darf er keine Steine auf öffentlichen Wegen verlegen. Seine prominenteste Kritikerin ist Charlotte Knobloch, Holocaust-Überlebende und Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Sie wirft ihm vor, dass damit das Andenken der Menschen sprichwörtlich mit Füßen getreten werde.

Doch lang nicht alle Juden sind dieser Meinung. Julia W. aus Köln etwa findet die Steine sehr gelungen. Zu einem Stolperstein in der Kölner Südstadt hat sie eine besondere Beziehung: Er trägt den Namen einer Verwandten, die 1941 im Alter von 22 Jahren von den Nazis verschleppt und ermordet wurde. Sie hat keine Ahnung, wer den Stein in Auftrag gegeben hat. "Aber ich bin sehr froh, dass es ihn und alle anderen gibt."

(epd)

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