"Arbeiterstrich" in Köln
"Arbeiterstrich" in Köln
Ankunft in Deutschland
Ankunft in Deutschland

21.10.2017

Auch in Köln gibt es moderne Sklaverei Billigware Mensch

Sie kommen mit ein paar Habseligkeiten und suchen nur eins: einen Job. Ohne Vertrag, egal zu welchem Lohn. In vielen deutschen Großstädten gehören Tagelöhner inzwischen zum Stadtbild. Auch in Köln. Kritiker sprechen von "moderner Sklaverei".

Es ist noch früh am Morgen, eine Handvoll Männer stehen an der Hansemannstraße im Kölner Stadtteil Ehrenfeld. Sie haben die Hände tief in den Hosentaschen vergraben. Es ist kalt, in der Nacht hat es geregnet. Ab und zu fahren Kleintransporter im Schritttempo vorbei, die Regeln sind einfach: Wer einmal hupt, braucht einen Arbeiter, zweimal Hupen bedeutet zwei Personen. Dann scharen sich die jungen Männer um den Wagen, am offenen Autofenster wird verhandelt. Wer den billigsten Preis macht, darf einsteigen. 

Die Hansemannstraße ist in Köln bekannt als so genannter "Arbeiterstrich" – Baufirmen und Handwerker suchen sich hier billige Arbeiter: Männer die für weniger als 50 Euro am Tag den Garten umgraben, Terrassen fliesen, Wände streichen oder Häuser abreißen. Sie arbeiten in der Fleischindustrie oder im Sommer auf den Spargelfeldern. Da, wo kein Deutscher arbeiten will. 

Schlechte Startbedingungen

Die Männer an der Hansemannstraße stammen fast ausschließlich aus Bulgarien, sagt Lale Konuk, Projektkoordinatorin für Armutszuwanderer aus Bulgarien und Rumänien in Köln-Ehrenfeld. "Das sind Menschen, die aus bitterer Armut hierher kommen, die in ihrer Heimat keine Arbeit finden und irgendwie ihre Familien ernähren müssen", erklärt sie. Armutszuwanderer hätten die schlechtesten Startbedingungen, die man sich nur vorstellen kann. Einige von ihnen könnten weder lesen noch schreiben, von Deutschkenntnissen ganz zu schweigen. Chancen auf dem regulären Arbeitsmarkt hätten sie so gut wie nie, meint Konuk.

Bei Anwohnern und Ladenbesitzern sorgt das für Unmut, regelmäßig gehen bei Bezirksbürgermeister Josef Wirges (SPD) Beschwerden ein: Darüber, dass die Männer sich auch abends an der Hansemannstraße treffen, Bier trinken, Lärm machen. "Zum Teil schlafen die in Erdlöchern oder auf Spielplätzen und verunreinigen die dann", sagt er. Geld für eine reguläre Wohnung fehlt, oftmals übernachten die Männer im Auto oder teilen sich mit fünfzehn Personen eine kleine Wohnung. Auch das hat Wirges schon beobachtet. 

"Das ist Ausbeutung!"

Doch der Bezirksmeister kann nicht viel tun. Zum einen, weil im Zuge der europäischen Arbeitnehmerfreizügigkeit Rumänen und Bulgaren seit 2014 in Deutschland offiziell arbeiten dürfen. Und zum anderen, weil es die Aufgabe des Zolls ist, die Einhaltung des Mindestlohnes zu kontrollieren und die Schwarzarbeit einzudämmen. Aber der Aufwand für den Zoll sei zu groß, sagt Wirges und von ein paar Razzien im Jahr lasse sich niemand abschrecken. Seine Kritik richtet sich aber vor allem an diejenigen, die die Arbeiter zu Dumpinglöhnen und ohne rechtliche Absicherung anheuern: "Die nutzen ja diese Situation aus, das ist Ausbeutung!“, empört er sich. 

Kein Vertrag. Kein Arbeitsschutz. Kein Recht auf Urlaub. Löhne deutlich unter dem Mindestlohn: Das Problem kennt auch Tim Westerholt, der bei der Kölner Caritas den Fachdienst Integration und Migration leitet. Er spricht von einer "Rechtelosigkeit", die verhindere, dass die Tagelöhner ihre Ansprüche geltend machen können. Er und seine Mitarbeiter bieten ihnen Beratung und Unterstützung an. Oftmals würden die Männer sogar noch um ihre mickrigen Löhne betrogen, erzählt er. 

Arbeiterstriche an vielen Orten

Die Beratungsstelle der Caritas ist im Kölner Stadtteil Kalk, auch dort gibt es Tagelöhnermärkte, nur sind sie dort nicht so zentral und so offensichtlich wie in Ehrenfeld: "Auf dem Weg zur Arbeit fahre ich vorbei an einem Hinterhof, wo man dann auch den klassischen Kleinbus wegfahren sieht", erzählt Westerholt. "In der Nähe von unserer Arbeit ist auch ein Kiosk, wo sehr früh morgens "Kaffee getrunken" wird und das auch sehr regelmäßig. Also, man weiß es und die wissen auch von uns."

Die Hilfe der Caritas ist vielfältig: Papiere in Ordnung bringen und die Menschen so aus der Illegalität herausholen. Das gilt vor allem für Flüchtlinge und Nicht-EU-Bürger. Und: Weiterbildung, Deutschkurse und berufliche Qualifikation – nur so haben die Menschen irgendwann die Chance auf einen regulären Job. Aber das sei nicht so einfach, sagt Westerholt, denn ein Anrecht auf Sozialleistungen haben diese Menschen nicht. 

Kein Recht auf Sozialleistungen

Erst im Herbst vergangenen Jahres beschloss die Bundesregierung, dass bedürftige EU-Bürger erst dann Sozialleistungen bekommen können, wenn sie fünf Jahre in Deutschland gearbeitet haben. "Das ist ein Teufelskreis, der nur schwer zu durchbrechen ist", sagt Westerholt. Denn wer arbeiten muss, um zu überleben, hat keine Zeit einen Deutschkurs zu besuchen oder sich beruflich zu qualifizieren. 

Diese Erfahrung macht auch Lale Konuk, die zusammen mit dem Ehrenfelder Verein für Arbeit und Qualifizierung ähnliche Hilfen vermittelt. "Wir haben Deutschkurse angeboten, aber die Männer sind einfach nicht gekommen“, sagt sie. "Wir müssen diese Menschen so gut es geht qualifizieren und in den ersten Arbeitsmarkt bringen. Und wir müssen dafür sorgen, dass ihre Kinder zur Schule gehen und eine möglichst gute Bildung erhalten. Es gibt zu diesem Weg keine Alternative."

Köln ist kein Einzelfall. In vielen deutschen Großstädten und Ballungszentren gibt es Märkte für Tagelöhner. In Ehrenfeld verlagert sich der so genannte Arbeiterstrich gerade von der Hansemannstraße in andere Ecken des Viertels, aber das Problem wird bestehen bleiben, solange die Männer keine Alternative haben, sich ihr Leben zu verdienen. Und so lange es Profiteure gibt, die die Not der Menschen ausnutzen. Davon ist Lale Konuk überzeugt.

Ina Rottscheidt
(DR)

Kölner Ministrantenwallfahrt 2018

Rund 2.400 Messdienerinnen und Messdiener aus dem Erzbistum Köln haben unter dem Motto "Felsenfest" bei einer großen Wallfahrt in Rom ihren Glauben gestärkt.

DOMRADIO.DE auch auf Alexa

Gottesdienste, Nachrichten und das Evangelium – jetzt täglich auch auf Ihrem Echo und Echo Show!

DOMRADIO in Berlin und Brandenburg

Ab sofort auf DAB+ auch in Berlin und Brandenburg: Das Kölner DOMRADIO!

Wort des Bischofs

Der geistliche Impuls von Kardinal Woelki. Jeden Sonntag neu.

Mit Willibert in die Heilige Stadt

Im November 2019 ist es soweit: Erkunden Sie das ehrwürdige Rom auf dieser Pilgereise mit dem Rom-Kenner Willibert Pauels, Karnevalsfreunden und DOMRADIO.DE Besuchern auch bekannt als "ne Bergische Jung"!

Der gute Draht nach oben!

Tageskalender

Radioprogramm

  • Tageskalender
  • 23.10.
06:00 - 06:30 Uhr

DOMRADIO Morgenimpuls

06:30 - 10:00 Uhr

DOMRADIO Der Morgen

  • Papst Franziskus trifft heute Jugendliche und Senioren
  • 70.000. Stolperstein wird in Frankfurt verlegt
  • Ex-Vatikandiplomat Viganò attackiert wiederholt den Vatikan
10:00 - 15:00 Uhr

DOMRADIO Der Tag

  • Künstler Demnig verlegt 70.000. Stolperstein
  • Neuer kalter Krieg? Pax Christi zum atomaren Säbelrasseln zwischen Russland und den USA
  • Sagrada Familia darf in Barcelona fertig gebaut werden
10:00 - 15:00 Uhr

DOMRADIO Der Tag

  • Künstler Demnig verlegt 70.000. Stolperstein
  • Neuer kalter Krieg? Pax Christi zum atomaren Säbelrasseln zwischen Russland und den USA
  • Sagrada Familia darf in Barcelona fertig gebaut werden
15:00 - 19:00 Uhr

DOMRADIO Der Tag

  • Modell für andere? Ein Blick auf die Anti-Missbrauchs-Offensiven aus Freiburg und Hildesheim
  • Hambach-Konflikt: Kirchen zwischen den Fronten
  • Die Nonne und der Grufti - Ungewöhnliches Buchprojekt
15:00 - 19:00 Uhr

DOMRADIO Der Tag

  • Modell für andere? Ein Blick auf die Anti-Missbrauchs-Offensiven aus Freiburg und Hildesheim
  • Hambach-Konflikt: Kirchen zwischen den Fronten
  • Die Nonne und der Grufti - Ungewöhnliches Buchprojekt
19:00 - 22:00 Uhr

DOMRADIO Der Abend

  • Modell für andere? Ein Blick auf die Anti-Missbrauchs-Offensiven aus Freiburg und Hildesheim
  • 70.000. Stolperstein wird in Frankfurt verlegt
  • Hambach-Konflikt: Kirchen zwischen den Fronten
22:00 - 22:30 Uhr

DOMRADIO Nachtgebet

Heutiges Evangelium:
In dieser Woche zu Gast:
In dieser Woche zu Gast:

Wochenkommentar

Der DOMRADIO.DE Chefredakteur blickt auf die Woche.

Programmtipps

  • United Nations Emblem der Vereinten Nationen am Eingang zum Hauptquartier der UNO am Platz der Nationen in Genf
    24.10.2018 07:14
    Anno Domini

    Happy Birthday, Vereinte Natio...

  • Lukasevangelium
    24.10.2018 07:50
    Evangelium

    Lk 12,39–48

  • Aus Thurmairs Feder stammen 38 Texte im Gotteslob
    24.10.2018 09:10
    Anno Domini

    Maria Luise Thurmair

Kostenlose Radio-App für iPhone und Android

Nehmen Sie Ihr DOMRADIO.DE mit wohin Sie wollen und wann immer Sie Lust haben. Funktionen: Nachrichten, Podcasts, Mediathek, Wecker, Sleep-Timer, Bluetooth, Chromecast, AirPlay, CarPlay, Android Wear…

Empfangsanleitung zum Ausdrucken

Gemeinsam für das Mehr im Menschen

Berufungspastoral im Erzbistum Köln: Dein Platz in Kirche und Welt.

Das ganze Leben

Hilfsangebote der Kirche im Erzbistum Köln.

Der tägliche Impuls von Weihbischof Puff

Weihbischof Schwaderlapp beantwortet Glaubensfragen