Armut in Deutschland
Armut in Deutschland

17.10.2017

Caritas über Armut in Deutschland "Die Gesellschaft hat ihre Haltung zum Betteln verloren"

Armut ist auch in Deutschland sichtbar: Menschen sitzen auf der Straße und betteln. Im Gespräch mit domradio.de erklärt das Kölner Caritas-Vorstandsmitglied Peter Krücker, warum die Gesellschaft ihre Haltung zum Betteln verändern muss. 

domradio.de: Warum gibt es denn eine hohe Armutsrate in so einem reichen Land wie Deutschland, dessen Regierung nicht müde wird zu betonen, dass die Beschäftigungszahlen immer besser werden?

Peter Krücker (Vorstand des Caritasverbands in Köln): Es gibt eine vielfältige Kette von Ursachen, warum es in Armut in unserem Land gibt. Einerseits war im Wahlkampf und danach immer das Thema, dass es uns allen gut geht. Auf der anderen Seite nehmen die Bürger wahr, dass es eine zunehmende Zahl von Bettlern und Menschen gibt, die arm sind. Wir möchten mit unserer Broschüre dazu verhelfen, damit umzugehen und zu verstehen, was die Ursachen von Armut sind und aus welchen Gründen Menschen auf der Straße sind und betteln.

domradio.de: An wen richtet sich diese Broschüre?

Krücker: Wir verteilen diese Broschüre an alle Kölner Kirchengemeinden, in allen katholischen Institutionen und Bürgerämtern. Sie richtet sich an jeden, der sich damit beschäftigt, der sich davon angesprochen fühlt und sich informieren möchte.

domradio.de: Sie haben eben kritisiert, dass die Kirche ihre Haltung zum Betteln verloren hat. Was meinen Sie damit?

Krücker: In der Vergangenheit war Betteln immer präsenter in den Städten. Es war normal, dass vor den Kirchen Menschen saßen und gebettelt haben. Wir haben in unserer Gesellschaft die Haltung zum Betteln verloren, weil wir auch eine Phase von Reichtum hatten, in dem kaum noch Bettler sichtbar waren. Erst nach den 1980er Jahren, als Wohnungslosigkeit ein Thema wurde und es zum ersten Mal eine offene Drogenszene gab, zuletzt mit den Armutsmigranten aus Osteuropa, die nach Deutschland kamen, hat Armut wieder eine deutliche Sichtbarkeit in unserem Land. Jetzt geht es darum, zu den armen Menschen und Bettlern eine spezifische Haltung zu entwickeln und zu sehen, das ist ein Teil der Gesellschaft, das sind Menschen, die zu uns gehören.

domradio.de: Das heißt, sie wollen für das Thema sensibilisieren, die Augen der Menschen öffnen. Was steht denn in dem Leitfaden?

Krücker: Es steht darin, welche Ursachen Armut hat. Es gibt Fallbeispiele, die zeigen, unter welchen Konstellationen ein Mensch in Armut geraten kann. Wir geben Fakten an und beantworten häufig gestellte Fragen, etwa wie "Darf man denn betteln?" oder "Soll ich Geld geben oder ein Brötchen?" sowie "Was ist aggressives Betteln?" und "Wogegen kann ich mich zur Wehr setzen?"

domradio.de: Gibt es viele Vorurteile zur Armut in Deutschland?

Krücker: Ja, es gibt viele Vorurteile. Oft hört man, dass es eine Bettel-Mafia gibt und dass alle Bettler organisiert sind. Das ist nach unserer Erfahrung nicht der Fall. Es gibt einzelne Bettler, die geschickt werden, aber das sind absolute Einzelfälle.

domradio.de: Sie machen eine steigende Tendenz des Phänomens Armut aus. Diese Woche finden Sondierungsgespräche statt. Wir werden vielleicht eine Jamaika-Koalition bekommen. Was sind Ihre Forderungen an die Politik?

Krücker: Die Caritas stellt sehr konkrete Forderungen an die Politik, um Armut zu bekämpfen. Da geht es zum einen um Altersarmut und die Forderung, dass Renten armutssicher gemacht werden. Da geht es um das Thema Einkommensarmut, dass Menschen von ihrem Arbeitseinkommen ohne aufstockende Leistungen leben müssen. Es geht um ausreichende Angebote für Wohnungslose und Drogenabhängige. Schließlich geht es darum, dass wir in der europäischen Arbeitspolitik dafür sorgen, dass das Armutsgefälle zwischen Osteuropa und Westeuropa nicht so groß ist, um eine große Sogwirkung und Migrationsströme auszulösen, weil Menschen in Osteuropa nicht mehr leben können und glauben, hier läge das Glück auf der Straße.

Der Leitfaden gibt Antworten auf zahlreiche Fragen rund um das Thema Armut und ist ab sofort in allen Kirchgemeinden, katholischen Einrichtungen, Bürgerämtern und auch im Internet verfügbar.

Das Gespräch führte Ina Rottscheidt.

(DR)

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