Behinderte Menschen mit nicht-behinderten Künstlern in der Manege des "Circus Roncalli"
Behinderte Menschen mit nicht-behinderten Künstlern in der Manege des "Circus Roncalli"
Bernhard Paul
Roncalli-Chef Bernhard Paul

05.09.2017

Circus Roncalli tritt erstmals mit behinderten Menschen auf Poesie trifft Lebensfreude

Manege frei für eine besondere Roncalli-Show: Der Zirkus und die Stiftungen Bethel laden an diesem Dienstag zu einer einmaligen Vorstellung mit behinderten und nicht-behinderten Künstlern aus ganz Deutschland in Hannover ein.

Karnevalsstimmung im Zelt des Circus Roncalli in Hannover: Clown Reinhard schunkelt Arm in Arm mit Sänger Henning Krautmacher von der Kölner Band "Höhner". Zum Abschluss der Generalprobe für die große Aufführung am Dienstagabend stimmt Krautmacher sein "Viva Colonia" an. Erstmals treten in der Show behinderte Menschen gemeinsam mit nicht-behinderten Künstlern im Circus Roncalli auf. Die Aufführung ist restlos ausverkauft.

Die Vorstellung ist Teil der Jubiläumsfeiern, mit denen die von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel das 150. Jubiläum der evangelischen Stiftungen mit Sitz in Bielefeld feiern. Sie gehören zu den größten diakonischen Einrichtungen Europas und betreuen unter anderem behinderte, pflegebedürftige und wohnungslose Menschen.

Gruppen aus großen Bethel-Standorten

Ins Roncalli-Zelt auf den Waterlooplatz sind neben einem Team aus Hannover auch Gruppen aus den großen Bethel-Standorten Bielefeld, Dortmund und Berlin-Lobetal gekommen. Insgesamt sind es mehr als 80 Behinderte zwischen 13 und 70 Jahren, die dort ihr Können zeigen.

Farbenfroh und fröhlich ziehen die Gruppen am Montag bei der Generalprobe zu bekannter Zirkusmusik nacheinander in die Manege. Stolz präsentieren sie, was sie in verschiedenen Workshops über das vergangene Jahr hinweg von Roncalli-Zirkuspädagogen gelernt haben.

Große Herausforderung

Für einige waren die Trainings-Workshops eine sehr große Herausforderung, erläutert Johann Vollmer, der bei Bethel mit der Organisation der Feierlichkeiten befasst ist. Das gilt auch für die Roncalli-Trainer, die sich auf ganz verschiedene Einschränkungen der Teilnehmer einstellen mussten. Einige sitzen im Rollstuhl, andere haben das Down-Syndrom, Epilepsie oder eine psychische Erkrankung.

Jugendliche einer Bethel-Schule aus Hannover balancieren auf rollenden Fässern und posieren als "menschliche Pyramide". Clown Reinhard aus Dortmund legt einen witzigen Auftritt mit einer Luftpumpe hin. Der stumme Artist Andreas Reimer aus Bielefeld steigt als Fakir auf ein Nagelbrett mit 15 Zentimeter langen Metallnägeln - und lächelt dabei.

Andere jonglieren mit Plastiktellern auf langen, dünnen Holzstäben. Ganz vorn steht Günter Balke und fängt die Teller gekonnt mit der Hand. Der 66-Jährige aus Eberswalde hat Schizophrenie. "Ich bin doch kein Artist", dachte sich Balke, als er vor einem Jahr von den Workshops hörte. Doch der Brandenburger probierte es: "Nach 15 Minuten konnte ich schon einen Teller balancieren." Nur das Andrehen zu Beginn ist ihm noch zu schwer. Dabei helfen die Betreuer. Zu jeder Gruppe gehören Bethel-Mitarbeiter, die ihre Klienten in der Manege unterstützen. "Wir alle mussten die Teller-Nummer auch privat trainieren", erläutert Betreuerin Jessica.

Spaß an der Zirkuskunst

Die Gruppen lernten sich in Hannover erstmals zur Generalprobe am Tag vor dem Auftritt kennen. "Das Staunen war bei vielen natürlich groß, als sie hier ins Zelt kamen", sagt Bethel-Sprecher Vollmer. Die ganz eigene Poesie, die die Roncalli-Profis verbreiten, trifft auf die ungefilterte Lebensfreude der behinderten Artistinnen und Artisten.

"Machen Sie ihnen Mut", forderte Sänger Krautmacher zuvor das Publikum auf. Der Musiker gibt den Ansager der Vorstellung - er ist einer von 150 prominenten Bethel-Botschaftern, die die Einrichtung für ihr Jubiläum gewonnen hat. "Es geht nicht um Höchstleistungen", ruft er ins Mikrofon. "Es geht um den Spaß an der Zirkuskunst." "Dass wir heute hier stehen, ist Wahnsinn", freut sich Vollmer.

Tatsächlich funktioniert nicht jedes Kunststück der Gruppen, doch das spielt keine Rolle. Am Ende ist sowieso alles eine Jubeltraube und singt "Viva Colonia".

Stefan Korinth
(epd)

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