Einsamkeit im Alter muss nicht sein
Einsamkeit im Alter muss nicht sein
Ria Oswald vom Verein "Freunde alter Menschen"
Ria Oswald vom Verein "Freunde alter Menschen"

30.07.2017

Wer sind die "Freunde alter Menschen"? "Wir wollen Einsamkeit lindern"

Der internationale Tag der Freundschaft, den die Vereinten Nationen ausgerufen haben, ist für Ria Ostwald vom Verein "Freunde alter Menschen" sehr wichtig. Warum - das hat sie im Interview erzählt.

domradio.de: Was steckt hinter dem Verein "Freunde alter Menschen"?

Ria Ostwald (Verein "Freunde alter Menschen"): Unsere Freiwilligen besuchen ältere oder alte Menschen, die wenig Außenkontakte haben, die aufgrund des Alters auch nur noch wenig Freunde und Bekannte haben; denn: Freunde sterben weg, Ehepartner sterben. Auch Krankheit ist ein Thema, durch das man sehr ans Haus gebunden ist. Und in solchen Fällen fehlt es an menschlicher Ansprache. Diese kann nicht durch ein Telefonat oder Fernsehen ersetzt werden. Unser Anliegen ist es, Einsamkeit zu lindern, etwa durch zwischenmenschlichen Kontakt. Nun nennen wir uns "Freunde alter Menschen“ und darum ist es auch ein Ziel unserer Hinwendung, dass sich über eine Bekanntschaft auch möglicherweise eine Freundschaft entwickelt, wenn das möglich ist.

domradio.de: Wie kann man sich das konkret vorstellen?

Ostwald: Die Freiwilligen melden sich bei uns, dann gibt es eine erste Kontaktaufnahme. Mein Anliegen ist es, herauszufinden, was sie motiviert, bei uns mitzumachen. Meistens ist es so, dass sie das Thema Einsamkeit sehr anspricht oder dass sie mehr auf die Situation älterer Menschen achten. Dann schauen wir, wo die Betreffenden wohnen. Köln ist eine große Stadt; weite Wege sollten vermieden werden, denn das geht alles von der Besuchszeit ab. Danach schaue ich, ob ich den Freiwilligen und einen Senioren in der Nähe zusammenbringe. Den Senioren habe ich natürlich vorher kennengelernt. Alles geht über den persönlichen Kontakt, das ist wichtig.

domradio.de: Wie sprechen Sie die älteren Menschen denn an?

Ostwald: Also wir gehen nicht direkt auf Senioren zu, sondern meistens wurde bereits über eine Seniorenberatung Kontakt aufgenommen. In diesem Beratungsgespräch äußern die alten Menschen auch mal, dass ihnen ein Stück Kontakt fehlt und dass sie sich einsam fühlen. Dann werden wir informiert. Manchmal ist es auch so, dass sich Verwandte bei uns melden, denn nicht immer wohnt die Familie in der Nähe. Daraufhin werde ich aktiv und höre zuerst nach, ob die Senioren das auch wollen. Es ist ja so, dass Einsamkeit kein gesellschaftsfähiges Thema ist. Es geht keiner raus und sagt offen: "Hallo, ich bin einsam. Wer ist bereit, mich zu besuchen?“ Stattdessen heißt es oft noch: "Ne, so einsam bin ich ja vielleicht doch nicht.“

domradio.de: Sie selbst sind seit eineinhalb Jahren im Verein "Freunde alter Menschen". Sie haben auch ältere Menschen besucht. Gibt es ein Erlebnis, das Ihnen in Erinnerung geblieben ist?

Ostwald: Ja, zuletzt habe ich jeine Dame besucht. Sie war sehr freundlich und es war einfach so schön, weil sie sich so gefreut hat, dass ich da war. Sie war ganz begeistert von meiner bunten Bluse und hat gesagt: "Schön, dass Sie das so ausstrahlen!“

Es gibt aber auch sehr berührende Momente. Zum Beispiel als neulich eine alte Dame, die gar nicht mehr daran gewöhnt ist, ein Gespräch zu führen, sagte, dass ihr die Worte fehlen würden, oder sie fielen ihr nicht mehr direkt ein, weil sie so wenig spricht. Sie hat sich einfach schon gefreut, dass ich in der ersten Kontaktaufnahme da war. Das sind berührende Momente.

domradio.de: Sie betonen, dass es sich nicht um Patenschaften handelt, sondern dass es Partnerschaften sein sollen. Wo liegt der Unterschied?

Ostwald: Bei einer Patenschaft gibt es ja eher dieses Gefälle, in dem einer versierter und erfahrener ist und mehr weiß. In einer Partnerschaft gibt es das nicht. Es gibt immer unterschiedliche Gebiete, die der eine besser kann als der andere. Aber der alte Mensch hat ja auch ein Füllhorn an Lebenserfahrung und an Wissen - auch wenn er das vielleicht nicht mehr so aktiv nutzt. Nur weil ich aber jünger bin, heißt das nicht, dass ich auch besser bin, fitter oder belesener. Wir haben sogar sehr belesene alte Menschen, denen man gut zuhören kann und einem noch viel Know-how vermitteln. Es geht einfach darum, sich auf Augenhöhe zu begegnen. Ich glaube, für Senioren gibt es nichts Schlimmeres als wenn sie wie "ein Ömchen" oder so behandelt werden. Sie sind Menschen - wenn auch alte Menschen und sie haben genauso das Recht, mit Respekt und Würde behandelt zu werden wie alle anderen auch.

domradio.de: Wenn nun die Altersdifferenz des Freiwilligen und des Senioren größer ist, wenn sich zum Beispiel ein Student bei Ihnen engagiert und dann zu einer älteren Dame nach Hause geht: Ist Freundschaft da möglich?

Ostwald: Ich glaube, dass es sich am Anfang wahrscheinlich mehr so anfühlt wie "Enkel und Oma“. Die Wertschätzung ist dann aber wohl trotzdem da, denn die Freiwilligen, die auf uns zukommen, sind sich im Klaren darüber, dass es sich um einen älteren Menschen handelt, der genauso seine Bedürfnisse, Wünsche und Anliegen hat.

domradio.de: Was passiert denn, wenn die Chemie so gar nicht stimmt?

Ostwald: Es passiert, es ist auch schon passiert. Das ist wie im normalen Alltag auch. Für mich als Koordinatorin ist es wichtig, dass mir mitgeteilt wird, wie sich das Verhältnis entwickelt. Ich frage auch nach, wie es läuft und wie sich die Beteiligten fühlen und ob sie gerne weiterhin gemeinsam Zeit verbringen möchten. Dabei handelt es sich um einen Prozess der Entscheidungsfindung, in den unbedingt beide Parteien involviert sind. Sollte die Konstellation nicht passen, dann stellen wir das offen fest und ich suche einen neuen Freiwilligen und einen neuen Senioren. Aber das darf sein, das ist Leben.

domradio.de: Sie selbst besuchen auch eine ältere Dame. Sind Sie befreundet?

Ostwald: Jetzt, nach gut anderthalb Jahren, hat es sich dahin entwickelt. Wir sind auch schon mal unterschiedlicher Meinung und es gibt auch Reibungen, aber ich erzähle von dem, was mich bewegt und was meine Sorgen sind und das macht sie genauso. Das ist es, was Freundschaft oder eine freundschaftliche Beziehung ausmacht.

domradio.de: Wie viel Zeit muss ich denn mitbringen, wenn ich mitmachen möchte?

Ostwald: Ich sage immer: Es ist so, als würde man einen Freund besuchen. Wenn ich nur sage: „Ich springe mal für eine halbe Stunde rein“, entwickelt sich wenig. Wir haben zwar keine Vorschriften, aber anderthalb oder zwei Stunden sind sinnvoll, um überhaupt in den Kontakt zu kommen und damit das Gegenüber auch spüren kann, dass sich der Freiwillige Zeit nimmt und sich dafür bewusst entschieden hat. Ansonsten gibt es wöchentliche oder 14-tägige Besuchsrhythmen. Manche gehen auch zwei Mal pro Woche hin.

domradio.de: Ihr Verein finanziert sich aus Spenden. Wie setzen Sie die Gelder ein?

Ostwald: Wir setzen gespendetes Geld für kleine Ausflüge ein und finanzieren damit Kaffee und Kuchen. Wenn zum Beispiel einer alten Dame ein Wohnzimmertisch fehlt, schaue ich mich um, ob ich da nicht etwas Passendes finde. Das Geld wird aber auch für Flyer ausgegeben. Wir leben nicht nur von Spenden, sondern auch von der Marga-und-Walter-Boll-Stiftung unterstützt werden.

Das Interview führte Verena Tröster.

(DR)

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