Seniorin in einem Altenheim
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20.07.2017

Stiftung legt Vorschläge für Neustart des Pflege-TÜV vor Auskunft auch über Lebensqualität

Wenn Angehörige plötzlich pflegebedürftig werden, ist die Hilflosigkeit oft groß. Der 2009 eingeführte Pflege-TÜV mit seinen Schulnoten für Heime und Pflegedienste hat kaum Orientierung gebracht. Das soll sich ändern.

"Nötig ist ein Neustart, keine Behelfslösung." Wenn es um die Bewertung von Pflegeheimen und ambulanten Pflegediensten in Deutschland geht, verlangt nicht nur Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) eine grundlegende Reform.

Das Ziel: Angehörige sollen so schnell und unkompliziert wie möglich ein gutes Heim oder eine ambulante Pflegestation für pflegebedürftige Familienmitglieder finden können. Politik, Verbraucherschützer, Pflegekassen und Heimbetreiber sind sich außerdem weithin einig: Der 2009 eingeführte Pflege-TÜV mit seinen Schulnoten leistet genau das nicht.

Heime sollen mehr Auskünfte geben

An diesem Donnerstag hat die Bertelsmann Stiftung in Gütersloh Bausteine für eine Reform vorgestellt. Sie fordert eine stärkere Orientierung an der Lebensqualität der Pflegebedürftigen und spricht sich dafür aus, dass Heime und Pflegedienste nicht nur ihre gesundheitliche Pflegequalität dokumentieren, sondern auch Auskunft über die Ausstattung, die Zahl und Qualifizierung der Mitarbeiter sowie über Angebote zu Spiritualität, Selbstbestimmung und Mitwirkungsmöglichkeiten geben müssen.

Der von Gröhe geforderte Neustart ist schwierig. Schließlich prallen bei der Bewertung von Heimen und Pflegediensten Interessen der Verbraucher, Politik, der Anbieter von Pflegeleistungen und der Pflegekassen aufeinander. Deshalb galten die Pflegenoten 2009 schon als großer Fortschritt: Alle Einrichtungen werden jährlich vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen überprüft und anhand von rund 70 Kriterien mit Schulnoten bewertet. Der gewünschte Nebeneffekt: Der Pflege-TÜV soll auch den Wettbewerb zwischen den Einrichtungen befeuern.

Ernüchternde Bilanz

Doch die Bilanz ist ernüchternd: "Es werden bewusst Schwachstellen vertuscht, damit keine Pflegeeinrichtung schlechter dasteht als andere", kritisierte der vormalige Pflegebeauftragte der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann (CDU). Alle Heime erhielten im Bundesdurchschnitt die Note 1,2 - für Kritiker ein Hohn angesichts der Zustände in den Einrichtungen. Kritik entzündete sich insbesondere daran, dass keine K.O.-Kriterien aufgestellt wurden.

"Singen eins, Mathe sechs - in der Schule bleiben Sie damit hängen, im Bereich der Pflege erhalten Sie die Durchschnittsnote drei", kritisiert etwa die Deutsche Stiftung Patientenschutz. Ein guter Speiseplan könne schlechte Pflege ausgleichen.

Im Sommer 2016 nahm deshalb der von der Bundesregierung eingesetzte Pflege-Qualitätsausschuss seine Arbeit auf. Bis Ende 2017 sollten Pflegekassen und Einrichtungsträger in Abstimmung mit Vertretern der Pflegebedürftigen und der Pflegeberufe ein wissenschaftliches Verfahren zur Qualitätsmessung vorlegen. Doch dieser Fahrplan wird vermutlich nicht eingehalten.

Baukastensystem

Nach dem jetzt vorgelegten Konzept der Bertelsmann Stiftung würde es künftig ein Baukastensystem geben, das weit mehr Informationen bereitstellt als bisher. Wenn es um die Bewertung der medizinischen Pflegequalität geht, sollen die jährlichen Prüfungen des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen, Berichte der Heimaufsicht und die Selbstangaben der jeweiligen Heime zusammenfließen. Für letztere hat der Bielefelder Pflegewissenschaftler Klaus Wingenfeld im Auftrag mehrerer Caritasverbände ein Konzept entwickelt. Bei der internen Prüfung wird dabei jeder Bewohner begutachtet; in Zeitreihen können Veränderungen im Pflegezustand aller Bewohner festgestellt werden.

Statt durch Noten sollen diese Informationen in den Kategorien "überdurchschnittlich", "durchschnittlich" oder "unterdurchschnittlich" zusammengefasst und etwa durch ein rotes Warndreieck für besonders schlechte und einen grünen Daumen für besonders gute Qualität bildlich dargestellt werden.

Das neue Bewertungssystem soll den Verbrauchern aber auch konkrete Informationen über die Lebensqualität in der jeweiligen Einrichtung liefern. So sollen die Einrichtungen Auskunft geben, wie viele Pflegebedürftige ein Pflegender betreut und wie das Personal qualifiziert ist. Pflegebedürftige, Angehörige und Mitarbeiter sollen ihre Erfahrungen veröffentlichen und darüber hinaus regelmäßig befragt werden. Das alles soll gut zugänglich im Internet veröffentlicht und jeweils zeitnah aktualisiert werden.

Christoph Arens
(KNA)

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