Br. Paulus Terwitte OFMCap
Bruder Paulus Terwitte
Teilnehmer der Sat.1-Show
Teilnehmer der Sat.1-Show

10.07.2017

Bruder Paulus zur TV-Vergebungs-Show "Versöhnung braucht viel Zeit und Stille"

Das klingt zunächst sehr christlich: In der Sendung "Der Augenblick - Verzeihen ohne Worte" auf Sat.1 werden zerstrittene Menschen wieder zusammengebracht. Bruder Paulus zieht dennoch gemischte Bilanz zur TV-Show.

domradio.de: In der Sat.1-TV-Show "Der Augenblick - Verzeihen ohne Worte" sitzen sich zerstrittene Menschen zehn Minuten gegenüber - schweigend. Die Theorie zur Sendung lautet, dass dadurch das Verständnis füreinander wachsen soll. Was halten Sie als Medienexperte von diesem Fernsehformat?

Bruder Paulus Terwitte (katholischer Medienexperte und Kapuziner-Mönch): Ich finde es zunächst einmal schön, dass sich das Fernsehen dem Thema "Versöhnung" widmet. Und als zweites wird deutlich, Versöhnung braucht Zeit. Das passt eigentlich gar nicht ins Privatfernsehen, dass man dort jemandem lange Zeit gibt. Und es braucht für die Versöhnung tatsächlich viel Zeit.

Und drittens braucht Versöhnung vielleicht nicht zuerst viele Worte, sondern zunächst einmal die Zeit, um zu überlegen, was der andere einem bedeutet hat. Auch was derjenige einem heute noch bedeutet, spielt eine Rolle. Und welche Geschichten gemeinsam erlebt wurden. So kann man zu einer Quelle finden, die die Kraft hat, das Schlimme, das man sich angetan hat, zu überwinden.

domradio.de: Versöhnung ist doch ein sehr christliches Ziel. Könnte das nicht ein Thema für die Kirchensparte bei den Privatsendern sein?

Bruder Paulus: Ja, das wäre vielleicht auch etwas für die Kirchensparte. Aber da wird auch schon deutlich, was diesem Format fehlt. Denn die Versöhnung braucht den Dritten im Bunde. Man sieht die beiden Menschen, wie sie sich gegenüber sitzen. Sie sind da sozusagen mutterseelenallein.

Wir sagen als Christen, dass die Versöhnung letztlich ein Geschenk ist, das man nicht herbeizwingen kann. Die ganze Situation sieht sehr gezwungen aus. Versöhnung ist jedoch eine Gnade, ist ein Geschenk von Gott.

Es braucht auch eine Erinnerung daran, dass wir von Gott geschaffen sind als Schwestern und Brüder, als Menschen füreinander. Da ist dann auch der spirituelle Impuls wichtig, glaube ich, der diesem Format fehlt.

domradio.de: Sie bewerten positiv, dass man sich Zeit nimmt. Was, glauben Sie, ist daran, dass das Verständnis füreinander wächst, wenn man sich schweigend gegenüber sitzt?

Bruder Paulus: Ich glaube schon, dass Versöhnung oft deswegen nicht geschieht, weil man dem anderen nicht das Geschenk der Zeit gibt. Man verabredet sich nicht, um einmal ohne alle Streitpunkte zusammen zu sein. Würde man das tun, könnte man voneinander spüren, was man sich in seiner Lebensgeschichte bedeutet, was einem durch den anderen geschenkt worden ist und warum die Wunde so tief ist.

Viele sagen dann: "Weil ich dich so geliebt habe, weil ich dich so wertvoll finde, habe ich dir meine offene Flanke gezeigt, du hast mich darin tief getroffen." Doch oft wird man dann erkennen, dass die Wunde, die der andere einem geschlagen hat, an Wunden rührt, die ganz woanders herkommen. Der andere ist nur der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat.

Wenn man das erkannt hat, ist man auch zum Verzeihen bereit. Man hat verstanden, dass der andere nicht der Einzige ist, der dem eigenen Leben Wunden zugefügt hat. Es waren noch weitere da. Und deswegen will man dem anderen verzeihen und einen Neuanfang wagen. Das geht, man muss sich aber oft mehr Zeit zum Schweigen nehmen als zum Reden.

domradio.de: In der Ankündigung der Sendung wurde sogar das Wort "Schweigegebot" verwendet - passend oder unpassend?

Bruder Paulus: Ich finde das schon sehr passend, weil in vielen Streitpunkten erst einmal Ruhe einkehren muss. Die aufgeregten Gemüter müssen zu einer Art "Seestille" kommen.

Ich denke an eine spezielle Passage im Markus-Evangelium: Während eines großen Sturms auf dem See Genezareth geraten die Jünger alle in Angst. Angst ist oft das größte Motiv, dass man Versöhnung nicht anfängt. Man hat Angst, zu kurz zu kommen, unterzugehen und von dem anderen wieder neu verletzt zu werden. Mitten in dieser Angst schreien die Jünger Jesus an, der trotz des Sturms schläft. Doch dann steht er plötzlich auf und gebietet dem See Stille.

In der Stille erwächst ein neues Vertrauen. Deswegen glaube ich, ist dieses Format ein wichtiger Hinweis.

Das Interview führte Tobias Fricke.

(DR)

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