Zeitungstitel zur Erschießung von Benno Ohnesorg
Zeitungstitel zur Erschießung von Benno Ohnesorg

02.06.2017

Vor 50 Jahren tötete ein Polizist den Studenten Benno Ohnesorg "Bitte, bitte, nicht schießen"

2. Juni 1967. Das Datum wurde zur Zäsur in der Geschichte der Bundesrepublik und ein stiller Student zum ersten Märtyrer der 68er-Bewegung: Benno Ohnesorg wurde erschossen. Die junge Demokratie hatte ihre Unschuld verloren.

Am Abend machte die Nachricht von einer Bluttat die Runde: Ein Student sollte bei den Protesten gegen den Schah-Besuch in West-Berlin einen Polizisten erstochen haben. Noch bevor sich das als Falschmeldung entpuppte, zeigte ein Schuss in der Krummen Straße das wahre Verbrechen an. In seinem Blut lag der 26 Jahre alte Student Benno Ohnesorg, vom Zivilpolizisten Karl-Heinz Kurras in den Kopf geschossen. Das Opfer starb noch auf dem Weg ins Krankenhaus.

Es war der 2. Juni 1967. Die 18 Jahre alte Republik erlebte ihren Sündenfall. Er wurde zum Fanal für die 68er-Revolte. Wenige hundert Meter entfernt, in der Deutschen Oper, lauschte der Herrscher von Persien flankiert von Bundespräsident Heinrich Lübke dem Beginn der "Zauberflöte".

Ohnesorg war kaum politisch aktiv

Ausgerechnet Ohnesorg. Ein Pazifist und Gedichteschreiber, den Freunde als zurückhaltend und ungemein belesen beschrieben haben. An der Freien Universität studierte er Romanistik und Germanistik, einen Monat zuvor hatte er seine schwangere Freundin geheiratet. Die Proteste gegen autoritären Uni-Muff und Vietnamkrieg, die Ausbeutung der Dritten Welt und Altnazis in Amt und Würden teilte Ohnesorg zwar, politisch war er jedoch kaum aktiv. Die Berichte über das Folterregime des Schah, den die Bundesregierung nun hofierte, brachten auch ihn auf die Straße, auf Sandalen hinein in einen Tag voller Gewalt.

Und die ging an diesem 2. Juni vor allem vom Staat aus. Die Studenten warfen beim Empfang Reza Pahlavis mit Mehltüten und Farbbeuteln, die Polizei prügelte brutal und eingeflogene "Jubelperser" - ungehindert von den Beamten - noch brutaler. "Weiche Welle" nannte man das. Die Nerven lagen blank in der ummauerten Teilstadt und "linke Gammler" verstanden da aus Sicht des Staates offenbar nur eine Sprache: "Knüppel frei!"

Von der Tat eines kleinen Polizisten zur großen Justizskandal

Abends vor der Oper in Charlottenburg trieben die Polizisten die Menge dann in die Seitenstraßen. Uniformierte umringten auch Ohnesorg, schlugen auf ihn ein. Bis Kurras dazukam und ihn aus nächster Distanz erschoss, grundlos und vorsätzlich. "Bitte, bitte, nicht schießen", rief Ohnesorg noch, so berichten es Zeugen.

Was als kaltblütige Tat eines kleinen Polizisten begann, wurde zum größten Justizskandal der jungen Bundesrepublik, viele sagten: zum Staatsverbrechen. Beweise und Indizien wurden vertuscht und manipuliert wie im schlechten Thriller, der Todeszeitpunkt zunächst nach hinten verlegt, das Einschussloch zugenäht. Doch um einen Prozess gegen Kurras kam der Staat nicht herum.

Skandalöser Freispruch für den Polizisten

Der Polizist berief sich auf "Notwehr", da Studenten ihn bedroht hätten, der Schuss habe sich gelöst. Die Lüge war absurd genug für einen Freispruch. Dass Kurras insgeheim SED-Mitglied und Stasi-Informant war, kam erst 2009 ans Licht. Allerdings ergaben alle Untersuchungen, dass er nicht in deren Auftrag tötete, um die Lage in der "Frontstadt" zu eskalieren.

Dafür sorgte nun vor allem der skandalöse Freispruch. Bei der Überführung des Toten nach Westdeutschland folgten Hunderte Autos dem Leichenwagen. Die Studentenproteste schlugen nun auch auf die Bundesrepublik über. Tausende demonstrierten gegen das Vorgehen des Staates, es begannen die wildesten Monate in der Geschichte des Landes, mit gesellschaftlicher Breitenwirkung bis heute.

Die Revolte der 68er radikalisierte sich

Auch ohne den Tod Ohnesorgs wäre die Gärung der studentischen Jugend fortgeschritten. Stoff für Empörung gab es genug in der verkrusteten Bundesrepublik. Doch der Schuss auf einen friedlichen Demonstranten und das Versagen der Justiz gaben der Radikalisierung der Revolte erst Auftrieb. Der "Bullenstaat" hatte zuerst geschossen, während die "Springerpresse" die Tat herunterspielte und lieber gegen "Krawallmacher" und ihre angeblichen "SA-Methoden" zu Felde zog.

Im April 1968 lag mit Rudi Dutschke wieder ein angeschossener Student auf dem Berliner Pflaster. Diesmal war der Schütze ein junger Rechtsradikaler. Die Studenten machten Hetze der "Bild"-Zeitung dafür mitverantwortlich. Die Terrorgruppe "Bewegung 2. Juni" wurde in den 1970er Jahren die kleine, blutige Schwester der RAF. Immer wieder bezogen sich Terroristen und Sympathisanten auf den "Staatsmord". Inzwischen ist auch das Vergangenheit. Selbst die Berliner Polizei hat Benno Ohnesorg schon einen Kranz gewidmet.

Christoph Schmidt
(KNA)

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