Pflegereform
Wie geht es weiter mit der Pflegereform?
Andreas Westerfellhaus
Andreas Westerfellhaus

23.03.2017

Andreas Westerfellhaus ist Gastgeber des Deutschen Pflegetags "Es lohnt sich, für diesen Beruf zu kämpfen"

Pflege ist ein Wachstumsmarkt. Und doch fehlen die Fachkräfte für die Arbeit in Krankenhäusern und Heimen. Andreas Westerfellhaus kämpft für bessere Arbeitsbedingungen - und lädt zum Deutschen Pflegetag ab diesem Donnerstag ein.

Er sitzt entweder im Flieger nach Berlin oder im Auto oder ICE in irgendeine andere deutsche Stadt. Wer Andreas Westerfellhaus erreichen will, hat es schwer. Der 60-Jährige ist unermüdlich auf Achse in Sachen Pflege. Seit 2009 ist der gelernte Krankenpfleger aus dem westfälischen Rheda-Wiedenbrück Präsident des Deutschen Pflegerats und damit Interessenvertreter von geschätzten 1 Million Pflegekräften und Hebammen.

Ein Ehrenamt, das 30 bis 40 Wochenstunden beansprucht. Und das der Vater von drei Kindern zusätzlich zu seinem Beruf als Geschäftsführer der Zentralen Akademie für Berufe im Gesundheitswesen in Gütersloh ausfüllt. "Ich wäre gerne ein Meister der Überzeugung", hat er einmal gesagt. Der begeisterte Bergwanderer bezeichnet sich als Optimisten - der allerdings im Haifischbecken Gesundheitssystem mit Widerständen rechnen muss.

"Man redet nicht mit, sondern über uns"

"Es lohnt sich, für diesen Beruf zu kämpfen", versichert er. Und das nimmt man ihm, der als 18-Jähriger - nach Ehrenamt beim Malteser Hilfsdienst - den Beruf von der Pike auf lernte, ab. Westerfellhaus' Mission: der größten Berufsgruppe im Gesundheitswesen eine stärkere Stimme und mehr Selbstbestimmung zu verschaffen. "Man redet nicht mit uns, sondern über uns", hat er lange mit Blick auf Ärzte und Politik geklagt. Das ändert sich: "Pflege ist das wichtigste gesundheitspolitische Thema in diesem Jahrzehnt", sagt Westerfellhaus heute. "Wir haben eine Aufmerksamkeit wie noch nie."

Von Donnerstag bis Samstag lädt Westerfellhaus Gesundheitspolitiker und die Pflegebranche zum 4. Deutschen Pflegetag nach Berlin ein - ein bundesweites Branchentreffen, das rechtzeitig vor der Bundestagswahl Pflöcke einschlagen soll. Denn in Krankenhäusern und Altenheimen ist vom drohenden Pflegenotstand die Rede. Mehr als 2,8 Millionen Bundesbürger sind derzeit auf Pflege angewiesen. Schätzungen zufolge könnten es bis 2050 rund 4,5 Millionen sein.

"Die zentrale Frage ist doch: Wer soll die dringend notwendigen Leistungen erbringen?", beschreibt Westerfellhaus das Problem. Die Reformen der Pflegeversicherung liefen angesichts des Fachkräftemangels ins Leere: "Die Pflegenden stehen vor dem Kollaps. Die Politik hat die Leistungsträger vergessen."

Widerstand in der Union

Attraktivere Bezahlung, Aufstiegsmöglichkeiten und Mindestpersonalgrenzen, so lauten die Forderungen des Pflegerats. Ein wichtiger Hebel sollte auch die Ausbildungsreform der Pflegeberufe sein. Doch der Gesetzentwurf der Bundesregierung, der eine gemeinsame Ausbildung in Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflege vorsieht, stockt. Vor allem innerhalb der Union gibt es Widerstand. Es ist höchst ungewiss, ob die Reform noch vor der Bundestagswahl verabschiedet werden kann.

Doch Westerfellhaus will mehr. Er fordert ein gesamtes Bildungskonzept für die Pflege. Dazu gehören für ihn eine zweijährige bundeseinheitliche Ausbildung zum Pflegeassistenten ebenso wie eine Möglichkeit der Akademisierung. Die Pflege brauche mehr wissenschaftliche Fundierung, argumentiert er.

Mehr Rechtssicherheit verlangt

Festzulegen wäre außerdem, welche Aufgaben Pflegekräfte übernehmen dürfen, verlangt der Pflegeratspräsident im Hinblick auf mehr Rechtssicherheit. Westerfellhaus nennt die Versorgung chronischer Wunden als Beispiel: Pfleger besäßen heute die Qualifikation, zu entscheiden, welche Wundauflage anzuwenden ist - "aber sie dürfen es nicht. Stattdessen müssen sie den Patienten an den Hausarzt verweisen, der womöglich gar keine Ahnung hat."

Dicke Bretter bohrt der 60-Jährige auch bei der Gründung von Pflegekammern. "Eine Berufsgruppe, die nach größerer Autonomie strebt, muss in die Lage versetzt werden, sich selbst zu verwalten", erklärt er und verweist darauf, dass es nicht mal eine verlässliche Zahl der professionell Pflegenden in Deutschland gibt. In Rheinland-Pfalz hat 2016 die bundesweit erste Landespflegekammer ihre Arbeit aufgenommen. In anderen Ländern allerdings ist das Projekt hoch umstritten.

Westerfellhaus zeigt sich unbeeindruckt. Mit der Rolle der Nervensäge hat er kein Problem. Ab September allerdings muss er den Kampf seinem Nachfolger überlassen. Denn endet die zweite Amtszeit als Pflegeratspräsident - und kandidieren darf er nicht erneut.

Christoph Arens
(KNA)

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