Sehnsucht kann als persönlicher Wegweiser dienen.
Sehnsucht kann als persönlicher Wegweiser dienen.

22.03.2017

Die psychologische Seite der Sehnsucht "Wichtige Wegweiser"

Psychologie-Professorin Alexandra Freund ist eine der wenigen Sehnsuchts-Forscherinnen in Deutschland. Sehnsüchte zeigen an, was im Leben wirklich wichtig ist, sagt sie im domradio.de-Interview. Sie dienen außerdem als Reflexion.

domradio.de: Können Sie "Sehnsucht" definieren?

Prof. Alexandra Freund (Psychologie-Professorin an der Universität Zürich): Sehnsucht ist dieses bittersüße Gefühl, der drängende Wunsch, ein anderes und vollkommeneres Leben zu haben. Es geht um etwas, was  im gegenwärtigen Leben fehlt. Was man nicht mehr hat, vielleicht verloren hat, vielleicht noch nie hatte, vielleicht auch nie erreichen wird und nur ganz schwer erreichen kann. Man hat eine ganz geringe Hoffnung, dieses erwünschte Gefühl jemals zu befriedigen. 

domradio.de: Die Sehnsucht ist ein kompliziertes und komplexes Gefühl. Ist sie aus psychologischer Sicht auch schwer zu erforschen?

Freund: Das ist sehr schwer zu erforschen, denn es ist nicht nur ein Gefühl, sondern etwas, was wir in der Psychologie ein kognitives Phänomen nennen: Es geht hier um gedankliche Konstruktionen, die zum Teil selbst schon sehr komplex sein können. Von etwas, was man nicht hat, was aber auch kein Ziel ist. Es ist nicht so dass man denkt, wenn man Schritt A geht, dann kommt man am Ziel B an. Sondern es ist schwieriger, und auch insofern komplex, als dass es eine Utopie von diesem vollkommenen Leben ist.

Man ist sich häufig dessen bewusst, dass das Ersehnte, wenn man es erlangen würde, niemals so wunderbar wäre, wie in unserer Vorstellung von Sehnsucht. Sehnsüchte sind immer Symbole. Man ersehnt sich die perfekte Liebe, die beispielsweise durch George Clooney symbolisiert wird. Die perfekte Liebe gibt es aber auch mit George Clooney nicht. Selbst in unserer Utopie dessen, was für uns die perfekte Liebe symbolisiert, sind wir uns häufig dessen bewusst, dass sie eigentlich gar nicht so perfekt ist. Und das spielt in das Phänomen mit hinein, dass es diese leichte Dimension der Unerreichbarkeit gibt. Das ist äußerst komplex und daher wenig untersucht.

domradio.de: Worum drehen sich die Sehnsüchte der meisten Menschen? Geht es da eher ums Alltägliche, Banale - oder ums ganz Große? 

Freund: Es gibt beides, das Große, das Kleine und das Banale. Es gibt Ruhe, die banal sein kann, und der Wunsch danach, in Ruhe gelassen zu werden, gerade von denen, die sehr beschäftigt sind. Aber es kann auch etwas Größeres sein, zum Beispiel eine Form der Ausgeglichenheit und der Balance im Leben, die einem fehlt. Selbst wenn es die Sehnsucht nach einem Auto ist, was ich auch als recht banal bezeichnen würde, dann steht das Auto als Symbol für unterschiedliche Dinge. Das kann Freiheit, Männlichkeit und Sportlichkeit symbolisieren.

Sehnsuchtssymbole können für unterschiedliche Dinge stehen. Auch banale Dinge sind große Dinge. Sehr viele Menschen in unseren Studien geben an, dass sie sich nach Dingen sehnen, die mit der Familie und der Partnerschaft verbunden sind. In einem bestimmten Alter gibt es dann auch die Sehnsucht nach Kindern. Aber auch selbstbezogene Sehnsüchte gibt es, wenn man ein anderer, ruhigerer, herzensguter Mensch sein möchte. Weniger häufig gibt es auch Sehnsüchte, die sich auf Utopien der Gesellschaft beziehen. Die meisten Sehnsüchte sind mehr auf das eigene Leben und sich selbst gerichtet.

domradio.de: Wenn Sehnsüchte Utopien sind, und man weiß, dass sie unerreichbar sind, welchen Nutzen haben sie aus psychologischer Sicht?

Freund: Sehnsüchte haben unterschiedliche Funktionen. Eine wichtige davon ist, dass sie anzeigen, was im Leben wirklich wichtig ist. Sie helfen dabei, viel konkretere Ziele und die Schritte bis dahin formulieren zu können. Dabei geht es darum, wohin es gehen soll. Dabei dienen Sehnsüchte als wichtiger Wegweiser. Das ist nicht nur für die Zukunft gedacht, sondern auch in der Reflexion. Man denkt darüber nach, wie der Weg bisher war und ob ich bisher den richtigen Weg gegangen bin, und ob das überhaupt meinen Sehnsüchten entspricht.

Man stellt fest, dass man ständig an seinen Sehnsüchten vorbeilebt, und ganz woanders ist als dort, wo die eigenen Sehnsüchte einen hintragen. Dabei kann es helfen, die Vergangenheit zu bewerten und zu sehen, ob es gut wäre, eine Richtungsänderung vorzunehmen. Man kann sich die Frage stellen, warum man sich eigentlich nach der perfekten Liebe sehnt und was in der Partnerschaft fehlt. Diese Reflexion sowohl in die Zukunft, als auch in die Vergangenheit, ist durchaus wichtig. Sehnsüchte geben dem Leben einen bestimmten Sinn. 

Das Gespräch führte Heike Sicconi.

(DR)

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