Zwangsprostitution findet immer noch statt - mitten in Europa
Prostitution
Lea Ackermann
Lea Ackermann

08.02.2017

Schwester Ackermann zum Gebetstag gegen Menschenhandel "Prostitution ist moderner Sklavenhandel"

An diesem Mittwoch begeht die katholische Kirche den Gebetstag gegen Menschenhandel. Für die Solwodi-Gründerin Schwester Lea Ackermann ein Anlass, einen verstärkten Kampf gegen die Prostitution zu fordern.

domradio.de: Sie engagieren sich seit 1985 für Frauen, die als Opfer von Menschenhändlern, Sextouristen und Heiratsvermittlern nach Deutschland kommen. Sind das die Sklavinnen von heute?

Schwester Lea Ackermann (Solwodi-Gründerin): Ja, ganz sicher. Der Ordensgründer, Kardinal Lavigerie, ist schon im 18. Jahrhundert durch die Lande gezogen, um gegen den Sklavenhandel vorzugehen. Damals hat man gesagt, man könne doch um Gottes Willen den Sklavenhandel nicht abschaffen. Wer soll denn dann die Arbeit machen?

Heute argumentiert man ähnlich. Heute sagt man, Prostitution habe es schon immer gegeben und gehöre zum Menschsein dazu. Mord hat es auch schon immer gegeben. Wir haben Gesetze, die das verbieten. Diebstahl hat es auch schon immer gegeben und es wird heute immer noch geklaut. Es wird niemandem einfallen zu sagen, dass man dafür kein Gesetz brauche.

Der moderne Sklavenhandel ist heutzutage die Prostitution. Davon sind hauptsächlich Frauen betroffen. Es ist ungeheuerlich, dass wir es nicht fertigbringen, das zu durchschauen und diese Vermarktung und Entwürdigung der Frau zu beenden.

domradio.de: Sie sind Anlaufstelle und Ansprechpartner für diese Frauen in großer Not. Welche Erfahrungen machen die Frauen, die zu Ihnen kommen?

Ackermann: Die Frauen, die von Prostitution betroffen sind und zu uns kommen, sind wirklich von dem, was ihnen alles zugestoßen ist, traumatisiert. Es gibt heute viele Frauen, die ausgestiegen sind und denen es gelungen ist, aus der Spirale zu entkommen. Die nennen sich häufig selber "Überlebende". Das wird alles gar nicht ernst genommen.

domradio.de: Was machen diese Erfahrungen, die sie als Prostituierte - als moderne Sklavinnen - machen müssen, mit den Frauen?

Ackermann: Es entwürdigt sie. Sie sind geschädigt. Sie fühlen sich nicht mehr dazugehörig. Das ist das Schlimme. Mir sagte eine junge Frau als ich das letzte Mal in Afrika war, dass sie mir dank Solwodi jetzt in die Augen schauen könne. Sie habe immer nur runter geschaut. Die Kerle kamen zu ihr und haben ihr zugerufen: "Komm her, du Schlampe." Sie haben sie dann überall angepackt. Dank Solwodi sei sie nun Rebecca, die Geschäftsfrau, geworden. Ich finde das so toll.

Ich habe das Buch "Was vom Menschen übrigbleibt" von Rachel Moran gelesen. Sie erzählt solche Begebenheiten ebenfalls. Ich konnte das fast gar nicht lesen, so sehr hat mich das Buch betroffen gemacht. Sie ist in einer Familie aufgewachsen, in der der Vater manisch depressiv und die Mutter schizophren war. Sie habe sich so geschämt, mit dreckiger Kleidung oder den Strümpfen des Vaters in die Schule zu gehen. Die Nachbarn haben mit Fingern auf sie gezeigt statt hilfsbereit einzuschreiten und die Kinder aus dieser Situation herauszuholen.

Ich denke, wir müssen wesentlich aufmerksamer für das sein, was um uns herum an Leid und Übergriffen geschieht.

domradio.de: Offiziell sind sich alle einig: Menschenhandel gehört geächtet. De facto werden Frauen weiter als Sexsklavinnen verkauft. Wie kann das sein? Fehlt es an politischem Engagement?

Ackermann: Es wird immer gesagt, die Frauen würden das freiwillig machen und man könne nichts gegen die Freiwilligkeit tun. Seit 30 Jahren beschäftige ich mich jetzt schon mit diesen Frauen. Anfangs hätte ich das vielleicht auch noch anders gesehen. Aber heute sage ich, dass keine einzige Frau freiwillig ihren Körper zur Verfügung stellt, um überleben zu können.

domradio.de: Was wäre Ihre dringendste Forderung an die deutsche Politik vor diesem Hintergrund?

Ackermann: Es muss ein Sexkauf-Verbot bei uns geben. Das gibt es in Schweden, Frankreich oder Norwegen. Man schaut nicht mehr auf die Frau, die ewig die Verführerin ist, sondern man schaut auf den Sex-Käufer und sagt: "Denk mal über dein Tun nach." Er macht seine Familie kaputt, wird selber krank, sexsüchtig. Über diese Konsequenzen wird nie nachgedacht.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

(DR)

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