Baumwolle in Indien
Baumwolle in Indien
Dieter Overath
Dieter Overath

23.11.2016

Zwischenfazit nach zwei Jahren Textilbündnis Mutlose Unternehmen

Vor zwei Jahren ist das Textilbündnis in Deutschland angetreten, um die Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern nachhaltig zu verbessern. Der Erfolg bisher? Null komma null, sagt TransFair-Vorsitzender Dieter Overath.

domradio.de: TransFair e.V. ist der Verein, der hinter Fairtrade Deutschland steht. Welche Rolle spielen Sie im Textilbündnis?

Dieter Overath (Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins TransFair e.V.): Wir waren von Anfang an Mitglied, um auch die verschiedenen Interessen einbringen zu können. Es gibt neben der Textilbranche in Asien noch eine Gruppe von 30 Millionen Kleinbauern im Baumwollanbau in Westafrika, Indien und anderen Ländern, die auch unter den schlechten Bedingungen auf dem Weltmarkt leidet. Das ist ein Aspekt, der uns wichtig war. In dem Textilbündnis wollen wir die gesamte Lieferkette im Blick haben. Es gab in diesem Bündnis eigentlich keine Lobby für die Baumwollbauern. Das war ein Stück weit unser Anliegen, in dem Bündnis aktiv mitzuwirken.

domradio.de: Die allermeisten Mitglieder im Textilbündnis sind Konzerne der Textilindustrie und des Handels. Kann man diesen Unternehmen ein Engagement für nachhaltige und fair-produzierte Kleidung abkaufen?

Overath: Das wird sich zeigen. Natürlich steht nicht nur die Politik, sondern auch die Branche unter Druck, die unhaltbaren Zustände, die durch Vorfälle wie den Einsturz des "Rana Plaza" oder Brände und Arbeitsunfälle in Pakistan und anderen Ländern hervorgerufen werden, zu verbessern. Hier ist ein jahrzehntelanger Missstand ignoriert worden. Der Druck ist da, nun etwas zu tun. Ob sich Unternehmen hinter dem Bündnis nach dem Motto "Problem erkannt - Gefahr gebannt" verstecken und glauben, unter dem Radar der Öffentlichkeit hindurchfliegen zu können, wird sich zeigen.

Man wird sehen, ob sie nur sagen, dass sie sich im Textilbündnis engagieren und das gleiche Engagement wie die anderen Akteure des Textilhandels zeigen. Diese Probe wird  in den nächsten ein bis zwei Jahren hoffentlich einer scharfen Betrachtung oder einer Zertifizierung standhalten müssen, ob man sich hier in Sachen Lohn- und Arbeitsbedingungen konkret voran bewegt. Das Urteil, ob das Textilbündnis wirkt oder nicht, treffen nicht wir, sondern die Arbeiter vor Ort.

domradio.de: Zwei Jahre gibt es das Bündnis bereits. Jetzt kann man ein Zwischenfazit ziehen. Gibt es denn schon spürbare Veränderungen auf dem deutschen Textilmarkt?

Overath: Nein, null komma null. Man merkt ein verstärktes Problembewusstsein. Erst im nächsten Jahr sollen die Unternehmen ja die sogenannte "Roadmap" vorlegen, in dem sie ihre Bemühungen beispielweise im Umweltbereich vorstellen. Diesbezüglich hatte man im Vorfeld eine Reihe von Kriterien aufgestellt. Ich glaube, dass man im Umweltbereich sogar am weitesten gekommen ist, was sicherlich ein wichtiger Aspekt ist. Die heilige Kuh, existenzsichernde Löhne zu ermöglichen, werden sie nicht in ihre Kalkulation ein bisschen einbauen können oder - was auch ein beliebtes Mittel ist - auf die Vorlieferanten umwälzen können.

In vielen Ländern beträgt der Unterschied in der Entlohnung den Faktor zwei, oder manchmal sogar vier. Die Menschen bekommen 40, 50 oder 60 Dollar im Monat für eine 50 bis 60 Stundenwoche. Und das auf über 100 Dollar je nach Land und Region auf den entsprechenden existenzsichernden Lohn auszuweiten, kostet richtig Geld. Das kann man nicht so eben auffangen. Die Frage ist, ob die Firmen zu diesen Kosten bereit sind und den Konsumenten offensiv mit einbeziehen. Dann müsste man auch kommunizieren, dass die T-Shirts, weil vor Ort für vernünftige Löhne produziert wird, ein oder zwei Euro teurer werden.

domradio.de: Jedes Textilunternehmen in dem Bündnis soll eigene, konkrete Maßnahmen umsetzen. Welche Konsequenzen es gibt, wenn die gesetzten Ziele aber nicht erreicht werden, ist noch nicht klar. Fairtrade Deutschland hat selber einen Textilstandard entwickelt. Ist das eine Reaktion darauf gewesen oder was hat es mit dem Standard auf sich?

Overath: Eine Standardentwicklung geht bei uns über mehrere Jahre. Der Startschuss für den Standard ist schon vor vier Jahren intern gefallen, weil wir nicht nur die Zertifizierung im Anbau in unser System mit einbeziehen wollen, sondern die ungleich kompliziertere Zertifizierung in der Produktion in einer gesamten Lieferkette. Da gehören bei Textilien die Spinnerei, die Färberei und anderes dazu. Da haben wir angefangen, die Kriterien im Umwelt- und im Sozialbereich zu entwickeln. Die Fixierung von internationalen Standards von existenzsichernden Löhnen gehört ebenfalls dazu, was auch nicht gerade ein einfaches Feld ist. Das läuft über viele Jahre. Wir haben jetzt die Parallelität erreicht.

Es sah so aus, als ob das komplett miteinander getaktet wäre, aber das ist eine eigenständige Arbeit von Fairtrade gewesen. Wir haben das Ergebnis vor einigen Monaten öffentlich vorgestellt, haben bis dato aber nur drei Unternehmen, die sich bereit erklären, mitzumachen. Da zeigt sich die "Mutprobe", die Textilunternehmen machen müssen, um diesen entscheidenden Schritt zu gehen. Die Begeisterung hält sich ziemlich in Grenzen.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

(DR)

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