Pflegeausbildung wird reformiert
Pflegeausbildung wird reformiert

21.08.2016

Diakonie-Präsident Ulrich Lilie besuchte Partner in Norwegen Wo die Pflege akademisch ist

An Pflegekräften herrscht in Norwegen kein Mangel - im Gegenteil. Dort ist die Pflege ein akademischer Beruf. Krankenschwestern absolvieren einen Bachelor-Studiengang. Ein Weg, den auch Deutschland gehen könnte?

Vergilbte Schwarz-Weiß-Fotos hängen in dem kleinen Sprechzimmer der "Haraldsplass Diakonale Stiftelse" im norwegischen Bergen. Sie zeigen norwegische Diakonissen: junge Frauen, die sich am Anfang des 20. Jahrhunderts, in der Zwischenkriegszeit und auch noch in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg für eine Ausbildung als Krankenschwester entschieden und sich in der Diakoniestiftung segnen ließen. Doch mit den Jahren nahm die Zahl der jungen Frauen auf den Fotos ab. Zum Schluss sind es nur noch drei, die ihre Hände in die Hand des Vorstehers der Einrichtung legen. Das Foto wirkt wie eine Trotzgeste.

Heute gibt es in der "Haraldsplass Diakonale Stiftelse" sowie in den meisten Häusern des Kaiserswerther Verbands deutscher Diakonissen-Mutterhäuser, von dem die Einrichtung im norwegischen Bergen einst gegründet wurde, kaum noch Diakonissen. An Pflegekräften allerdings besteht in Norwegen kein Mangel - im Gegenteil. "Bei uns ist die Pflege ein akademischer Beruf", sagt Ingunn Moser, Rektorin der zur norwegischen Diakonie gehörenden Hochschule VID, die sich unter anderem mit der Pflegeausbildung beschäftigt.

Krankenschwester mit Uni-Abschluss

Wer sich zur Krankenschwester ausbilden lässt, absolviert einen Bachelor-Studiengang. Und die Ausbildung ist beliebt: Für 118 Studienplätze gab es an der VID im vergangenen Jahr mehr als 2.000 Bewerber. Bis zu 49.000 Euro im Jahr könne eine Krankenschwester mit allen Zuschlägen verdienen, sagt Moser. Örtlichen Fachverbänden ist das noch zu wenig: Sie vergleichen das Gehalt einer Krankenschwester mit dem eines Ingenieurs - denn auch der hat schließlich ein Hochschulstudium absolviert.

Die Sozialverbände in Deutschland können von so viel Interesse am Pflegeberuf nur träumen. "Wir bemühen uns um eine generalisierte, akademische Pflegeausbildung", sagt der Präsident der Diakonie Deutschland, Ulrich Lilie, der in dieser Woche die norwegische Diakoniestiftung besuchte. Immer wieder verwiesen ihn die norwegischen Gastgeber auf Unterschiede: So gibt es im steuerfinanzierten norwegischen Gesundheitssystem keine Krankenkassen.

Palliativversorgung gesichert

Nur wenige Norweger werden von ihrem Arbeitgeber privat versichert. Ein Einzelzimmer in der Geriatrie-Station erhält nicht, wer dafür bezahlt, sondern wer es am nötigsten braucht, sagt Chefarzt Jan Henrik Rossland. Für Patienten gibt es ein dreistufiges System: für kleinere Krankheiten den von der Kommune bezahlten örtlichen Arzt mit einem klar definierten Versorgungsbezirk; der weist im Notfall in ein fest definiertes, für den Wohnort des Patienten zuständiges Krankenhaus ein. Und darüber hinaus dann Spezialversorgung auf der regionalen Ebene.

So ist es auch in der Hospizversorgung geregelt - die in Deutschland ebenfalls ein wichtiges Anliegen der Diakonie darstellt. Landesweit stehen den Norwegern nur knapp über 100 Betten in Palliativstationen zur Verfügung. Dafür gibt es aber die Möglichkeit, sich in Seniorenheimen palliativmedizinisch versorgen zu lassen.

Rundum-Paket für zu Hause

"Patienten, die ihre letzten Wochen gern zu Hause verbringen möchten, erhalten einen Schnellhefter, in dem genau aufgeschrieben ist, wen sie anrufen müssen, wenn es ihnen schlechter geht - und was sie sich wünschen, falls ein Pflegedienst im Zweifel ist", sagt Marit Huseklepp, die in der "Haraldsplass Diakonale Stiftelse" auf Palliativversorgung spezialisiert ist. "Es ist uns wichtig, dass sich der Patient und seine Angehörigen zu Hause auch sicher fühlen."

Zudem erhalten die Patienten ein Paket mit Schmerzmitteln mit nach Hause; sogar Morphium ist darin enthalten. "Wir wollen, dass die Krankenpfleger die Patienten unkompliziert versorgen können, wenn es darauf ankommt." Unkomplizierte Lösungen, die sich die deutschen Sozialverbände wohl auch hierzulande wünschen.

Benjamin Lassiwe
(KNA)

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