Papst Johannes Paul II.
Johannes Paul II.

01.05.2016

Vor 25 Jahren erschien "Centesimus annus" von Johannes Paul II. Die wohl beste Sozialenzyklika aller Zeiten

Unmittelbar nach dem Scheitern des "real existierenden Sozialismus" in Osteuropa veröffentlichte Papst Johannes Paul II. im Jahr 1991 eine beinahe zeitlose Sozialenzyklika.

Wenn Päpste eine Sozialenzyklika, also ein offizielles Lehrschreiben zu gesellschaftlichen Fragen, verfassen, ist ihnen Aufmerksamkeit gewiss. Denn weil die Kirche ein "global player" mit einer langen Erfahrung in sozialen Konflikten und gesellschaftlichen Veränderungen ist, hat das Wort ihres Oberhaupts bei diesem Thema Gewicht. Als Papst Johannes Paul II. im Jahr 1991 die Enzyklika "Centesimus Annus" veröffentlichte, war die weltweite Resonanz besonders groß.

Der Papst schrieb sie auf dem Höhepunkt seines politischen Triumphes, unmittelbar nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Diktaturen in Osteuropa. Mit großer Spannung wurde damals erwartet, was der Ideengeber der polnischen Gewerkschaftsbewegung "Solidarnosc", der gewaltlose Bezwinger der sowjetischen Herrschaft in Europa, in dieser historischen Stunde über den Kommunismus, die Marktwirtschaft und den Kapitalismus schreiben würde.

Ein historischer Zeitpunkt

Auch der Zeitpunkt war epochal: Genau 100 Jahre waren vergangen seit der historischen ersten Sozialenzyklika überhaupt, dem Papstwort "Rerum novarum", in dem sich Leo XIII. der Arbeiterfrage gestellt hatte. Johannes Paul II. hatte also gleich einen doppelten Anlass, Rückschau zu halten: auf 100 Jahre katholische Soziallehre und auf die Ereignisse der damals aktuellen Wendejahre.

In "Centesimus annus" schlug Johannes Paul II. gedanklich einen Bogen von der Analyse Leo XIII. bis zu den Ereignissen seiner Jetzt-Zeit: Das Scheitern des "realen Sozialismus" habe das bestätigt, was jener Papst bereits 100 Jahre zuvor geschrieben hatte. Weil der Marxismus von einem falschen Menschenbild ausging, das naturgegebene Recht auf Privateigentum verneinte und alle Macht dem Staat geben wollte, war er zum Scheitern verurteilt. Bewährt habe sich hingegen die Vision der katholischen Soziallehre, die das Recht der Ausgebeuteten und Unterdrückten auf gerechte Teilhabe am Reichtum einforderte und gleichzeitig das Recht auf Eigentum anerkannte.

In der Analyse der Ereignisse, die zur Wende von 1989/90 führten, preist er den Erfolg der gewaltfreien Revolution der "Solidarnosc"-Bewegung in Polen. Zugleich zeichnet er das große, streckenweise düstere Panorama des damals zu Ende gehenden 20. Jahrhunderts mit den beiden Weltkriegen, dem Ende der Kolonialherrschaft und der immer breiteren Umweltzerstörung.

Ein optimistischer Blick in die Zukunft

Alles in allem aber überwiegt in dem Text ein optimistischer Grundton. Der Papst erkennt die Vorzüge des demokratischen Systems, der arbeitsteiligen Wirtschaft und des freien Unternehmertums ausdrücklich an. Vorsichtig, aber klar begrüßt er nach dem Scheitern des realen Sozialismus die positiven Auswirkungen des freien Marktes.

Zugleich grenzt er sich von einem möglichen Missverständnis ab und schreibt: "Massen von Menschen leben noch immer in Situationen großen materiellen und moralischen Elends. Der Zusammenbruch des kommunistischen Systems beseitigt sicher in vielen Ländern ein Hindernis in der sachgemäßen und realistischen Auseinandersetzung mit diesen Problemen, aber das reicht nicht aus, um sie zu lösen. Es besteht die Gefahr, dass sich eine radikale kapitalistische Ideologie breitmacht". An anderer Stelle warnt er davor in einem "blinden Glauben" alles der freien Entfaltung der Marktkräfte zu überlassen.

Ein "dritter Weg"

Und wie sollte es nun weitergehen? Ohne das Wort zu gebrauchen, empfahl der Papst die katholische Soziallehre als eine Art "Dritten Weg" zwischen dem ungezügelten Kapitalismus auf der einen und dem Kommunismus auf der anderen Seite. Und so mahnte er: "Die westlichen Länder laufen Gefahr, im Scheitern des Kommunismus den einseitigen Sieg ihres Wirtschaftssystems zu sehen, und kümmern sich daher nicht darum, an ihrem System die gebotenen Korrekturen vorzunehmen." Mit Blick auf die Entwicklungsländer schrieb er: "Die Länder der Dritten Welt befinden sich mehr denn je in der dramatischen Situation der Unterentwicklung, die mit jedem Tag ernster wird."

Dass die Enzyklika "Centesimus annus" ein großer Wurf war, zeigt sich nicht nur in der damals breiten Zustimmung über alle parteipolitischen Lager hinweg. Bis heute zählt sie zu den oft zitierten Standardwerken. Zudem wurde sie Namensgeberin der internationalen Stiftung "Centesimus Annus Pro Pontifice". Diese versucht, die Konzepte der katholischen Soziallehre weiterzuentwickeln und sie auch in Ländern bekannt zu machen, die das Modell der "sozialen Marktwirtschaft" bislang nur vom Hörensagen kennen.

Die eigentliche Nagelprobe für den Wert der Enzyklika ist jedoch die Überprüfung der in ihr enthaltenen Vorhersagen. Ein Vierteljahrhundert später zeigt sich, wie gut Johannes Paul II. informiert war und welchen Weitblick er damals hatte. Fast alle "Prophezeiungen" aus Centesimus annus sind eingetreten. So schrieb der Papst, der Erfolg der friedlichen Revolutionen in Osteuropa werde auch auf Länder der Dritten Welt ausstrahlen und dort zu Umwälzungen führen. Ohne Jugoslawien und die Ukraine beim Namen zu nennen, sagte er zugleich das Aufbrechen gewaltsamer nationaler Konflikte in den befreiten Gebieten Osteuropas voraus. Er warnte vor dem Heraufdämmern eines neuen religiösen Fundamentalismus, und er sagte voraus, dass der radikale Kapitalismus für die Probleme der globalen Wirtschaft nicht die Lösung sein könne.

Von Ludwig Ring-Eifel
(KNA)

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