Jesuitenpater Christian Herwartz bei einer Mahnwache
Jesuitenpater Christian Herwartz bei einer Mahnwache

17.04.2016

Christian Herwartz wendet sich nach 40 Jahren neuen Aufgaben zu Nach vorne schauen

Eine WG mit einer unbestimmten Zahl an Mitbewohnern, geleitet von einem Jesuitenpater. Sie ist Unterschlupf, Zuhause, Ort für Exerzitien. Doch jetzt zieht der Pater aus - und hinterlässt ein großes Erbe.

Ein unscheinbares Haus an der Naunynstraße in Berlin-Kreuzberg: Hell verputzt, die Tür mit Graffiti besprüht, wie bei vielen Gebäuden in der Umgebung. Am Klingelschild des Hauses Nummer 60 steht zwei Mal der gleiche Name: "Herwartz" und "WG Herwartz". Es sind die Wohnungen eines Jesuitenpaters, der hier 1984 mit zwei Mitbrüdern eine Kommunität einrichtete. Mittlerweile wohnt dort für kurz oder lange eine unbestimmte Zahl an Mitbewohnern.

Sie kommen aus verschiedenen Gründen: Manche brauchen eine Übernachtungsmöglichkeit, andere fühlen sich in der WG zuhause oder sind in einer Notsituation und suchen Unterschlupf. Alle sind willkommen. Doch für einen ist Schluss: Christian Herwartz hat sich am 16. April, seinem 73. Geburtstag, offiziell verabschiedet.

"Es ist gut, dass man sich nicht so ganz vorstellen kann, wer hier wohnt", sagt der Pater mit ruhiger Stimme. Mit Menschen aus über 70 Nationen hat er bereits zusammengewohnt. Das Wichtigste in der WG: Frag nie, woher der Andere kommt. Die hier Lebenden sind Sinnsuchende, haben oft eine unstete Vergangenheit.

Bewegtes Leben 

Auch Herwartz kann auf ein bewegtes Leben blicken. Mit Mitte zwanzig holte er seinen Schulabschluss nach, studierte Anfang der 70er Jahren Theologie und trat in den Orden der Jesuiten ein. 1975 beschloss der Orden, verstärkt dem Zusammenhang von Glauben und Gerechtigkeit nachzuspüren. So entstand die Kommunität in Berlin. Die Jesuiten lebten als Arbeiter-Priester, verdienten ihren Lebensunterhalt in Berliner Betrieben. Bis zum Jahr 2000 arbeitete Herwartz als Dreher.

Dass er Priester war, verschwieg er meist; von Mitbrüdern aus Frankreich wusste er, dass Priester im Betrieb nicht gerne gesehen würden. Sie stünden für Gemeinschaft, und die werde nicht gewünscht.

Demos und Mahnwachen 

Doch genau das war sein Anliegen. Oft sprach er unter Gewerkschaftlern über die Belange der Arbeitnehmer. Und auch in seiner Freizeit engagierte er sich. Sein Motto: "Für Rechte kämpfen, und auch mal einen auf den Deckel kriegen." Er nahm an Demonstrationen gegen Atomkraftwerke in Schottland teil, hielt mit den "Ordensleuten gegen Ausgrenzung" Mahnwachen gegen Asyl-Schnellverfahren am Flughafen Berlin-Schönefeld - und riskierte so manche Gefängnisaufenthalte.

Es sei Wahnsinn, was die Bevölkerung mit sich machen lasse, meint er und plädiert für Demonstrationen: Sie bilden weiter, denn man müsse sich für eine Meinung entscheiden, "und das tut gut". Das ist für ihn Teil seines Glaubens: "Glaube ist keine Harmoniesoße", sagt Herwartz. Der Glaube komme von Gott und habe zur Folge, dass man Gutes tut. Wie man Gott schlussendlich hört, das erlebe jeder auf seine Art.

Immer beliebter 

Die Offenheit der Kommunität sprach sich herum, immer häufiger klopften Menschen an die Tür. Die Wohnungen in Kreuzberg boten genug Raum. Unverhofft wurden sie sogar Ort für Exerzitien. 1996 hat Herwartz die Anfrage eines Mannes erhalten, der bei ihm Exerzitien machen wollte. Zunächst lehnte er ab - die WG sei ein unpassender Ort, ohne Kapelle, mit nur wenig Ruhe. Doch dann ließ er sich darauf ein: Die Straßenexerzitien waren geboren und brachten Herwartz bundesweite Bekanntheit ein.

Abends nach der Arbeit hörte er dem Mann zu, begleitete ihn bei seiner Reise auf der Suche nach Antworten, überließ ihn seinen Gedanken. "Es wäre anmaßend dem Anderen zu sagen, was er machen muss", findet der Priester. Die einzige Weisung: Den "heiligen Ort" auf der Straße aufspüren und Gott entdecken. Viele Menschen hat der Pater schon bei Straßenexerzitien begleitet - wie viele, das weiß er selber nicht.

WG bleibt erhalten 

Nun verabschiedet sich Herwartz aus der Kommunität. "Wenn man 40 Jahre sowas gemacht hat, dann braucht man einen Rückzug", sagt er. Die WG und ihre Angebote bleiben trotzdem erhalten: Es sei längst Zeit für einen Generationswechsel gewesen, die Nachfolge sei gesichert. Einen konkreten Plan für "die Zeit danach" hat der Jesuit nicht - er will sein neues Buch vorstellen, Wegbegleiter aufsuchen, ihnen danken und weiterhin Exerzitien begleiten. Der Zukunft sieht er optimistisch entgegen: "Wenn man nach hinten guckt, gibt es kein Leuchten in den Augen", sagt Herwartz. Nach vorne schauen, das ist sein Weg.

Romina Carolin Stork
(KNA)

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