Das AKO-Schulgebäude in Bonn
Das AKO-Schulgebäude in Bonn

13.01.2016

Bonner Aloisiuskolleg bekennt sich zu Versagen bei Missbrauchsfällen "Wegsehen und Weghören"

Sechs Jahre nach Bekanntwerden der Missbrauchsfälle hat das Bonner Jesuiten-Gymnasium Aloisiuskolleg (AKO) eine Erklärung erarbeitet - gemeinsam mit der Opfergruppe "Eckiger Tisch Bonn" und der Bonner Beratungsstelle für sexualisierte Gewalt.

Das am Mittwoch veröffentlichte Dokument benennt nicht nur die Übergriffe durch Jesuitenpatres und andere Kollegsmitarbeiter seit den 1950er Jahren, sondern spricht auch vom "Versagen der Institution" durch "Wegsehen und Weghören". Der "Eckige Tisch Bonn" begrüßte die Erklärung "als absolutes Novum im Umgang mit sexuellem Missbrauch an katholischen Einrichtungen in Deutschland". Das Kolleg habe erkannt, dass die katholische Kirche, ihre Orden und Schulen nicht einseitig festlegen könnten, was wirkliche Aufarbeitung bedeute. 

Zu jedem Zeitpunkt habe es in Schule, Internat und mit dem AKO verbundenen Institutionen Verantwortliche gegeben, die Vorwürfen nicht nachgegangen seien, so das Papier. "Wir haben von den Betroffenen gelernt, dass für sie das Versagen der Institution ein entscheidender Teil des Missbrauchs war und ist."

Rektor Siebner: Memorandum of understanding

Unverständnis bekundet die Kollegsgemeinschaft aus Lehrern, Erziehern, Schülern und Eltern für diejenigen, die die Missbrauchstaten leugnen. Verwiesen wird auf den "Brief der 500" von 2010, der sich "in einer für viele Betroffene verletzenden Weise zu Missbrauchsvorwürfen geäußert" habe. "Heute freuen wir uns, dass viele der seinerzeitigen Unterzeichner nunmehr anders darüber denken." In dem Brief hatten Ehemalige den Rücktritt des damaligen Rektors, Pater Theo Schneider, bedauert und betont, dass sie "weder sexuelle Gewalt noch Missbrauch am Aloisiuskolleg erlebt haben".

Rektor Johannes Siebner nannte es entscheidend, dass die jetzt vorgelegte Erklärung überhaupt entstanden sei. "Es ist eine Art memorandum of understanding". In einer im Sommer 2014 gegründeten "Dialog-Runde" habe es mit Mitgliedern des "Eckigen Tisch Bonn" zunächst um die Umsetzung eines Erinnerungsortes gehen sollen. Die Opfergruppe habe aber deutlich gemacht, dass die Schule in der Aufarbeitung des Missbrauchs noch nicht weit genug für ein solches Projekt sei. Deshalb sei erst die Erklärung erarbeitet worden. Der Prozess der vergangenen Jahre habe deutlich gemacht, "dass die Geschichte des Missbrauchs Teil der Geschichte des Aloisiuskolleges ist und bleibt".

"Eckiger Tisch" bezeichnet Papier als "Novum"

Die Betroffenengruppe "Eckiger Tisch Bonn" begrüßte die Erklärung. Das erste Mal überhaupt seien Missbrauchs-Betroffene aktiv in den Aufarbeitungsprozess einbezogen worden, so Gruppensprecher Heiko Schnitzler. Man nehme den ehrlichen Wunsch von Schule, Internat und Eltern wahr, sich der Geschichte zu stellen, offen darüber zu sprechen und Verantwortung zu übernehmen. Zu dieser Verantwortung gehöre aber auch eine angemessene Entschädigung, betonte Schnitzler.

Nach einem 2011 vorgelegten wissenschaftlichen Bericht gab es am AKO und der angeschlossenen Freizeiteinrichtung "AKO-Pro-Seminar" seit den 1950er Jahren mindestens 60 Betroffene und 23 Beschuldigte, darunter 18 Jesuiten. Hauptbeschuldigter ist ein bis vor wenigen Jahren in leitender Stellung am Kolleg tätiger Pater, der inzwischen verstorben ist.

(KNA, epd)

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