Flüchtlinge an der Drehscheibe Köln/Bonn
Flüchtlinge an der Drehscheibe Köln/Bonn
Flüchtlinge an der Drehscheibe Köln/Bonn
Flüchtlinge an der Drehscheibe Köln/Bonn

22.09.2015

Erste Flüchtlinge an der Drehscheibe Köln/Bonn In Badeschlappen im Regen

Kinder nur im T-Shirt. Eine Frau, die im Gehen schläft. Stadtsprecher Gregor Timmer hat an der neuen Drehscheibe am Flughafen Köln/Bonn völlig erschöpfte Flüchtlinge erlebt. Sie sind am Dienstag in andere NRW-Städte verteilt worden.

domradio.de: Sie haben die ganze Nacht durchgemacht?

Gregor Timmer (Pressesprecher der Stadt Köln): Ja, es wurde die ganze Nacht durchgearbeitet. Unsere Aufgabe war heute Morgen um halb acht erledigt. 

domradio.de: Wie war das für Sie, als der Zug um 4 Uhr morgens eingefahren ist?

Timmer: In diesem Zug waren 574 Menschen. Das hört sich nach einer puren Zahl an. Aber die Szenen, die wir erlebt haben, als die Menschen aus dem Zug ausgestiegen sind, waren schon packend und lassen sich bestimmt auch so schnell nicht wieder aus dem Gedächtnis verbannen. Mir ist zum Beispiel auf einer Treppe eine junge Frau entgegengekommen, die auf ihrem Arm ein schlafendes Baby trug und offensichtlich selbst dabei schlief. Ich hab sowas zuvor noch nie gesehen. 

domradio.de: Viele Flüchtlinge sind ja auch traumatisiert. Für diese Flüchtlinge waren Notfallseelsorger vor Ort. Was können die tun und welche Sprachen sprechen die?

Timmer: Die Notfallseelsorger sprechen meistens Deutsch. Aber wir hatten auch türkische Notfallseelsorger dabei. Sie haben sich vor allem um die Familien gekümmert. Denn viele Familien waren für unsere Wetterverhältnisse völlig falsch ausgerüstet. Da kamen Menschen, die nur Badeschlappen anhatten, oder Kinder mit nackten Füßen und nur mit einem T-Shirt bekleidet. Da haben sich die Notfallseelsorger gekümmert, haben ihnen unser Angebot vorgestellt, sich neu einkleiden zu lassen. Und natürlich wurden die Flüchtlinge auch mit Essen und Getränken versorgt. Viele hatten zuvor über Tage nichts gegessen.

domradio.de: Die Flüchtlinge stärken, sich ausruhen lassen - das ist einerseits die Aufgabe dieser Drehscheibe. Andererseits geht es um die Verteilung der Flüchtlinge. Wo sind die Flüchtlinge dann hingebracht worden?

Timmer: Die Drehscheibe ist tatsächlich so etwas wie eine große Bushaltestelle. Die Menschen kommen mit dem Zug an, haben einen Aufenthalt von drei bis vier Stunden und werden dann mit Bussen in die Städte gefahren, in denen sie langfristig untergebracht werden. Das waren heute Nacht zwei Städte: Eine Stadt im Sauerland und Düren.

domradio.de: Viele Freiwillige waren heute Nacht dabei. Haben Sie die Befürchtung, dass die Bereitschaft zu helfen, irgendwann wieder nachlässt?

Timmer: Ich muss sagen, wir haben zunächst einmal eine enorme Welle der Hilfsbereitschaft erleben. Nach unserem Aufruf haben sich innerhalb von zwei Tagen über 200 Kölner gemeldet, die uns und den Flüchtlingen helfen wollen. Das ist erst einmal ein sehr gutes Signal und tatsächlich hat der Einsatz der freiwilligen Helfer viel gebracht. Viele waren Muttersprachler und konnten so den Kontakt zu den ankommenden Menschen knüpfen. Das wäre uns anders nicht so leicht gelungen. Wie lange die Hilfsbereitschaft andauert, kann ich nicht voraussagen. Das ist eine Situation, deren Ende nicht absehbar ist. Und wir haben wir noch keine Erfahrungen dazu gesammelt, ob bürgerschaftliches Engagement auch über einen langen Zeitraum trägt.

 

Das Interview führte Tobias Fricke.

(dr)

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