Glasfront der neuen Notunterkunft für Flüchtlinge im ehemaligen Praktiker-Baumarkt in Heidenau
Die Notunterkunft für Flüchtlinge in Heidenau
Pfarrer Peter Opitz vor seiner Kirche in Heidenau
Pfr. Peter Opitz

24.08.2015

Pfarrer aus Heidenau warnt vor weiterer Eskalation "Besonnenheit ist im Moment eine wichtige Tugend"

Die meisten Katholiken in Heidenau sind Heimatvertriebene und ihre Nachfahren. Nach den ausländerfeindlichen Ausschreitungen in dem sächsischen Ort wollen sie den Flüchtlingen helfen, erzählt Pfarrer Peter Opitz im domradio.de-Interview.

domradio.de: Die Meldungen zu rechtsradikalen Übergriffen in Sachsen häufen sich. Ihr Ministerpräsident hat gesagt: "Das ist nicht Sachsen." Aber warum ist es immer wieder Sachsen? Haben Sie eine Antwort?

Pfarrer Peter Opitz: Es ist schwer, eine Antwort zu finden. Als es hieß, dass Flüchtlinge hier nach Heidenau kommen, dachte ich im ersten Moment: Oh, hoffentlich geht das gut. Dann waren es blankes Entsetzen, Empörung und Wut, auch Scham über die brutalste Gewalt. Jeder Stein, der da geflogen ist, ist auch ein Stein gegen friedlich lebende Menschen.

domradio.de: Haben die Pegida-Demos in Sachsen vielleicht zu viel Raum bekommen? Oder ganz konkret gefragt: Sehen Sie eine Mitschuld der sächsischen Landesregierung?  

Pfr. Opitz: Ich weiß nicht, ob man das so sagen kann. Es ist schwierig, das überhaupt in den Griff zu bekommen. Ich habe gedacht, als Christen müssen wir Gesicht zeigen. Wir dürfen nicht zulassen, dass Fremde in unserer Stadt derart angefeindet werden.  

domradio.de: Fühlen Sie sich noch wohl in Sachsen?

Pfr. Opitz: Ich liebe mein Land - nach wie vor. Ich liebe auch Heidenau. Der Bürgermeister ist in unserer Gemeinde ansässig. Ich erkenne überwiegend friedliebende, wohlwollende und liebe Menschen. Ich sehe uns auch als ein freundliches und gastgebendes Land. Mich ärgern natürlich auch Überschriften wie "Wo bleibt der Aufstand der Anständigen?" oder "Heidenau ein Synonym für Rechtsradikalismus". So etwas hilft uns nicht. Mich ärgern auch solche Worte wie "Flüchtlingsflut", "Flüchtlingswelle", "Asylmissbrauch". Ich denke, man sollte dort andere Worte oder Umschreibungen finden, die hilfreicher sind.   

domradio.de:  Haben Sie etwas mitbekommen von den Anfeindungen, die es konkret gegen den Bürgermeister gab?  

Pfr. Opitz: Das habe ich mitbekommen. Er wohnt ganz in meiner Nähe. Es tut mir sehr weh. Er verhält sich loyal und macht bei all den Belastungen, die er auszuhalten hat, eine gute Figur. 

domradio.de: Wo bräuchten Städte und Gemeinden wie Heidenau Hilfe, um gegen rechtsextreme Gewalt vorzugehen?

Pfr. Opitz: Nach den Ausschreitungen in der Nacht von Samstag auf Sonntag meine ich, Besonnenheit ist im Moment eine wichtige Tugend. Der Auftritt rechtsradikaler Gruppen ruft oft sofortige Reaktionen von Linksgerichteten auf den Plan. Da schaukelt man sich gegenseitig hoch und schnell besteht die Gefahr einer Eskalation. Ich bin aber zuversichtlich, dass die Polizei das bald im Griff hat.

domradio.de: Wie setzt sich Ihre Gemeinde für die Flüchtlinge ein? Was kann Kirche in der gegenwärtigen Situation tun?  

Pfr. Opitz: Ich kenne in unserer Pfarrei - die ja mehrheitlich aus Flüchtlingen oder Heimatvertriebenen oder ihren Nachfahren besteht - eine große Bereitschaft, den Flüchtlingen zu helfen. Zum Beispiel beim Erlernen der deutschen Sprache und beim Umgang mit den Behörden. Und wenn es sich um verfolgte Christen oder ganze Familien handelt, die bei uns Schutz oder eine neue Heimat suchen, würden manche Pfarrangehörige ihnen auch privaten Wohnraum anbieten oder sich mit ihnen treffen und die Wege ebnen, damit zeitnah integriert werden können.

 

Das Interview führte Tobias Fricke.

(dr)

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