Flüchtlingslager "Kamille" in Charkiw
Flüchtlingslager "Kamille" in Charkiw
Flüchtlingswohnheim in Kiew
Flüchtlingswohnheim in Kiew
Containerdorf für Flüchtlinge bei Charkiw
Containerdorf bei Charkiw

13.08.2015

Ukraine muss mit 1,3 Millionen Binnenflüchtlingen fertig werden Ein endloser Kampf

In der Ostukraine kommt der bewaffnete Konflikt zwischen der prowestlichen Führung und prorussischen Separatisten nicht zur Ruhe - trotz Waffenstillstands. Leidtragende sind die Binnenflüchtlinge, die weiter westlich in der Ukraine unterkommen.

Kinderwagen parken vor der zweistöckigen Blechhütte, Teddybären und Spielzeug liegen im Gang, und die Zimmer sind nur notdürftig mit Betten und Wickelkommoden ausgestattet. Wo einst die Palastwache des gestürzten ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch und der gefürchtete "Berkut" hausten, sind jetzt junge Flüchtlingsmütter samt ihren Kindern untergebracht. Sie alle kommen aus der Ostukraine, wo seit über einem Jahr Kämpfe zwischen Separatisten und der ukrainischen Armee anhalten.

Auch Julija Rybalka hörte Tag und Nacht die Schüsse. Die 35-Jährige stammt aus Donezk und kam bereits vor einem halben Jahr hochschwanger in das ehemalige "Berkut"-Wohnheim. "Als ich hier eintraf, hatte ich noch das Dröhnen in den Ohren. Es dauerte lange, bis ich mich an die Stille hier gewöhnt habe", sagt die junge Mutter, die vor drei Monaten ihren Sohn Matvej auf die Welt gebracht hat. Mit dem Baby bewohnt sie nun ein kleines Zimmer in der Kiewer Flüchtlingsunterkunft, wo neben Matvejs Wickeltisch gerade einmal eine Schlafcouch reinpasst.

Nur 100 Meter entfernt schlendern Touristen durch das einstige Luxusanwesen von Janukowitsch. Sie nehmen kaum Notiz von den Flüchtlingen nebenan. Denn mit Julija haben ein Dutzend weitere Flüchtlinge, zumeist junge Mütter aus den Kampfgebieten und von der Krim, die Kaserne der einstigen Präsidenten-Leibgarde bezogen. Julija ist eine von 1,3 Millionen Binnenflüchtlingen, mit denen das vom Krieg in der Ostukraine gebeutelte Land zurzeit fertig werden muss.

Runde um Runde

Den Vater ihres Kindes, ihre Mutter und das gemeinsame Haus musste sie im Osten der Ukraine zurücklassen, um im Westen des Landes in Sicherheit zu sein. "Wir alle hier im Heim würden gerne zurück, aber wird das so schnell passieren?", fragt sie resigniert. "Im Winter denken wir, im Sommer ist der Krieg vorbei. Und im Sommer, dass er im Winter vorbei ist." Eine Prognose über den Verlauf der Kampfhandlungen will auch Vitali Klitschko nicht abgeben. Als Bürgermeister von Kiew ist er zurzeit viel unterwegs, auch um Flüchtlingsunterkünfte zu eröffnen.

Der frühere Box-Weltmeister nutzt ein Bild aus dem Sport: "Beim Boxen gibt es maximal zwölf Runden", sagt er. "Wie viele Runden wir jetzt schon hinter uns haben? Ich weiß es nicht." Allein 100.000 Binnenflüchtlinge sind in der Hauptstadt Kiew untergekommen. Die meisten bei Freunden und Verwandten, ursprünglich nur übergangsweise für ein paar Wochen. Mittlerweile sind Monate daraus geworden. Diejenigen, die wie Julija Rybalka keine Verwandten im Westen des Landes haben, hoffen auf einen Unterschlupf in den überlaufen Flüchtlingsunterkünften.

Diese Hoffnung hatte auch Olga Vierchavod. Als die Kampfhandlungen in Luhansk losgingen, war sie hochschwanger. Vor einem Jahr hat sie die kleine Valeria auf die Welt gebracht. "Zuhause in Luhansk mussten wir wegen der Schüsse im Keller leben. Es war wie in Filmen über den Krieg", erinnert sie sich heute. Mit einem Taxi floh sie über die nächste Grenze nach Russland. "Unsere Familie lebt aber in der Ukraine", und so floh sie zum zweiten Mal, im Frühjahr 2015. Diesmal ins ostukrainische Charkiw.

Hauptsache in Sicherheit

Heute lebt sie im ehemaligen Pionierlager "Kamille" am Rand der zweitgrößten Stadt der Ukraine: Im überfüllten Speisesaal holt sie sich die Lebensmittelration in einem Beutel ab; die einfache Holzhütte mit Etagenbetten teilt sie sich mit ihrer Schwester und deren drei Kindern. Zwölf Quadratmeter für sechs Köpfe. "Hauptsache wir sind in Sicherheit", sagt die 29-Jährige. Die studierte Juristin hat in der Zwischenzeit eine Fortbildung zur Friseurin gemacht, will ihren Mann herholen und es erst einmal weiter in Charkiw probieren.

Dass Menschen wie Olga eine Chance auf einen Neuanfang bekommen, liegt auch an der Unterstützung der Nichtregierungsorganisationen, gerade auch aus Deutschland. Caritas International, die katholische Solidaritätsaktion Renovabis und der Arbeiter Samariterbund (ASB) verteilen Lebensmittelpakete, besorgen Kleidung sowie Hygieneartikel und errichten Notunterkünfte. "Mitten in Europa findet eine humanitäre Katastrophe statt", sagt ASB-Mitarbeiterin Esther Finis.

Die Hilfe für die 1,3 Millionen Binnenflüchtlinge sei dringend nötig. Staatliche Stellen und einheimische Wohlfahrtsstellen in der Ukraine seien durch die Krim-Krise im Frühjahr 2014 und nun den Krieg im Osten, oft überfordert. "Wir können die Augen nicht verschließen", sagt Finis. Das tut auch die Bundesregierung nicht: Für Tausende Flüchtlinge wurden Containerdörfer, sogenannte Modulsiedlungen, gebaut.

Waschmaschinen aus Deutschland

Außen stehen Hausnummern, innen brummen die Siemens-Waschmaschinen; es gibt Behindertentoiletten, und jede Familie hat ein 12-Quadratmeter-Zimmer mit Waschraum. Jana Tschajkovska bewohnt mit ihrem Mann und den drei Söhnen eine solche Wohneinheit bei Charkiw. Die Familie ist vor einem Jahr aus Luhansk geflohen. "Ich hatte Angst um das Leben meiner Jungs, und ich war damals schwanger", erinnert sich die 34-Jährige.

Nun ist der jüngste Sohn Maxim seit acht Monaten auf der Welt. Janas Ältester, Kiril, ist zwölf und geht zur Schule; der mittlere, Igor, ist drei Jahre alt. Zunächst wohnte die Familie in einer Wohnung in Charkiw zur Miete. Doch diese war zu hoch, der Verdienst des 39-jährigen Vaters Dmitri als Polizist zu klein. Erst vor wenigen Tagen bezogen sie das kleine Zimmer in der Containersiedlung. "Wir sind fast ohne Kleidung geflohen und haben heute nicht viel", sagt Jana Tschajkovska. "Wir sind auf Hilfe angewiesen." Geht es nach ihr, würde sie wieder zurück in ihre Heimatstadt Luhansk gehen. Davor müssten die Gefechte aufhören. "Vielleicht nächstes Jahr?", sagt sie. Aber das dachte sie schon einmal. Letztes Jahr.

Markus Nowak
(KNA)

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