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Debatte um Prostitution: Legalisieren oder nicht?

12.08.2015

Frauenrechtsorganisation Solwodi gegen die Legalisierung von Prostitution "Es ist kein normaler Beruf wie jeder andere"

Amnesty International setzt sich dafür ein, Prostitution weltweit zu legalisieren. Die Frauenrechtsorganisation Solwodi lehnt das vehement ab. "Wir sind dafür, dass Sexkauf geächtet wird", sagt Solwodi-Referentin Helga Tauch im domradio.de-Interview.

domradio.de: "Solwodi ist schockiert über diese Entscheidung." Das ist ein Zitat aus einem offenen Brief Ihrer Organisation an Amnesty International. Was ist denn daran auszusetzen, wenn Prostituierte jetzt nicht auch noch vom Gesetz verfolgt werden?

Helga Tauch (Referentin bei der Frauenrechtsorganisation Solwodi): Es ist für uns eine Katastrophe, dass es Prostitution unter legalen Bedingungen gibt. Wir haben eine dreißigjährige Erfahrung. Gleichzeitig beziehen wir uns auf Erkenntnisse von Traumatherapeuten und anderen, dass die schädigende Wirkung von Prostitution nicht bagatellisiert werden darf. Wir sehen an dieser Stelle die Frau in der Prostitution nicht als die selbstbewusste Sexarbeiterin, die auch in einem anderen Beruf tätig sein könnte. Sondern wir sehen sie hochgefährdet.

Wenn Amnesty an dieser Stelle sagt, man solle diesen ganzen Markt entkriminalisieren, dann erkennt die Organisation die Nöte der Frauen nicht. Und wir sehen, dass Amnesty mit den Bordellbetreibern kooperiert. Und da sind wir entsetzt und sagen, dass Amnesty an dieser Stelle nicht den Titel Menschenrechtsorganisation für sich in Anspruch nehmen kann. Wir sind sehr entrüstet.

domradio.de: Wenn man Prostitution gesetzlich verfolgt sind ja die Leidtragenden die Frauen, die ohnehin in einer schlechten Situation sind. Was spricht denn dagegen, sie von der gesetzlichen Seite zu entlasten?

Tauch: Wir plädieren ja nicht für eine Kriminalisierung der Frauen, sondern dass ein Blickwechsel passiert, wie es in anderen Ländern bereits Praxis ist und von der EU empfohlen wird. Dass der Sexkauf geächtet wird. Dass die Männer, die auf die Frauen zugehen und sexuelle Dienstleistungen kaufen wollen, geächtet werden und ihre Tat unter Strafe gestellt wird. 

domradio.de: Jetzt gibt es aber auch Frauenrechtler, die sich für die Legalisierung einsetzen. Ist das nicht auch ein Standpunkt, dass man sagt: Es ist ein Beruf - der ja in Deutschland auch legal und sozialversicherungspflichtig ist?

Tauch: Wir können nicht sagen, dass das ein normaler Beruf wie jeder andere ist. Was eine Frau aufbringen muss, um das unter den Marktanforderungen durchzuhalten - immer weniger Geld für immer mehr und perversere Leistungen -, bringt sie in eine Mühle, aus der sie geschädigt herausgeht. In vielen Fällen gehen die Frauen bereits geschädigt in die Prostitution. Es gibt Untersuchungen, dass über 90 Prozent eine Missbrauchsbiografie mitbringen, um überhaupt in der Lage zu sein, Emotionen davon abspalten zu können, was sie körperlich über sich ergehen lassen. Prostituierte stehen vor Perversionen, von denen ich denke, dass die eine junge Frau nicht ertragen kann. 

domradio.de: Was wäre denn Ihrer Meinung nach die Alternative zu einer Legalisierung?

Tauch: Zunächst einmal plädieren wir dafür, dass in Deutschland der Sexkauf geächtet wird. Und dass man da nicht nach dem Motto denkt: Der Kunde gönnt sich ja sonst nichts. Der Kunde ist sich keiner Verantwortung für die Folgen seines Tuns bewusst, er ist nicht interessiert an der Integrität der Frau, die gerade vor ihm ist. Wird sie vielleicht schwanger? Wird richtig verhütet? Es ist erschreckend, dass Frauen berichten, dass immer mehr Männer einen Verzicht auf Schutz durch Kondom erwarten - und dafür auch mehr Geld hinlegen. Das hat nichts mit befreiter Sexualität zu tun. Das ist eine schädigende Vermarktung. Da vermarktet Kapitalismus in seiner negativsten Art und Weise den Menschen - und macht auch nicht vor Kindern Halt.  

 

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.

(dr)

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