Gelsenkirchener Jugendamt
Gelsenkirchener Jugendamt

01.08.2015

Berichte untermauern Vorwürfe gegen ehemalige Jugendamtsleiter Gezielte Überbelegung?

Berichte von Wirtschaftsprüfern untermauern die Vorwürfe gegen die beiden ehemaligen Gelsenkirchener Jugendamtsleiter wegen der umstrittenen Vermittlung von Heimkindern nach Ungarn. Die beiden Männer sollen sich dabei finanziell bereichert haben.

"Nach der Lektüre stelle ich erneut fest: Wir sind offenbar gezielt hintergangen worden", sagte der Gelsenkirchener Oberbürgermeister Frank Baranowski (SPD) zu den am Freitag veröffentlichten Berichten der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte und des Gelsenkirchener Rechnungsprüfungsamts.

Die Stadt hatte die Berichte in Auftrag gegeben, um die Vorwürfe des WDR-Magazins Monitor gegen den ehemaligen Jugendamtsleiter und seinen Stellvertreter zu überprüfen. Dem WDR-Bericht zufolge sollen sich die beiden durch die Vermittlung von Heimkindern nach Ungarn bereichert haben, was sie selbst abstreiten. Die Wirtschaftsprüfungsberichte bestätigen die wesentlichen Fakten des Berichts.

Demnach wurden zwischen 2005 und 2008 neun Jugendliche aus Gladbeck und Herne über das Gelsenkirchener Kinderheim St. Josef in eine intensivpädagogische Maßnahme der Firma "Neustart" im ungarischen Pécs vermittelt. Dafür zahlten die Jugendämter in Gladbeck und Herne insgesamt 487.000 Euro an "Neustart". Die ungarische Firma wurde 2004 von dem damaligen Jugendamtsleiter und seinem Stellvertreter gegründet. Ihre Eigentümerschaft hätten die beiden verschleiert, indem sie 2005 ihre Firmenanteile auf Verwandte übertrugen, erklärte Deloitte.

Dem WDR-Bericht zufolge sollen die beiden gezielt Überbelegungen im St.-Josef-Heim herbeigeführt haben, damit Kinder nach Ungarn vermittelt wurden. Im Deloitte-Bericht heißt es, dieser Vorwurf könne nicht ausgeschlossen werden. Es gebe Hinweise darauf, dass das Heim zumindest zwischen 2006 und 2009 überbelegt war.

Auch Ferienfreizeiten auf Reiterhof i m Fokus

Die Abrechnung der ungarischen Maßnahme lief über den an der Betreuung eigentlich nicht beteiligten Kinderschutzbund Gelsenkirchen, dessen stellvertretender Vorsitzender zugleich der stellvertretende Leiter des Jugendamts zu dem Zeitpunkt war. Dadurch seien die anderen Jugendämter über die tatsächlichen Verhältnisse getäuscht worden, erklärte das Rechnungsprüfungsamt.

Daneben beleuchten die Berichte auch mehrere vom Gelsenkirchener Jugendamt und Kinderschutzbund organisierte Ferienfreizeiten auf einem Reiterhof in Ungarn. An der ungarischen Gesellschaft, die die Freizeiten durchführte, waren demnach ebenfalls der Jugendamtsleiter und sein Sohn beteiligt.

Die Staatsanwaltschaft Essen ermittelt gegen die beiden Jugendamtsleiter. Wann die Ermittlungen abgeschlossen seien, sei noch nicht absehbar, sagte Oberstaatsanwältin Anette Milk dem Evangelischen Pressedienst (epd). Die Stadt trennte sich im Mai von den Männern. Mit dem Jugendamtsleiter wurde ein Auflösungsvertrag vereinbart, sein Stellvertreter wurde fristlos gekündigt, wogegen er sich vor Gericht wehrt (AZ: 4 Ca 988/15). Nachdem ein Gütetermin Anfang Juli gescheitert war, ist der nächste Verhandlungstermin für den 13. Oktober angesetzt. Auch die Leiterin des Kinderheims St. Josef wehrt sich vor Gericht gegen ihre Kündigung.

(epd)

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