Pflege in Deutschland
Pflegende Angehörige sind vielfach erschöpft.

14.03.2015

Präsident des Deutschen Caritasverbandes "Pflegende Angehörige nutzen Angebote der Entlastung nicht"

Viele Menschen, die sich um ihre Familienangehörigen kümmern, sind gestresst. Was das über den Zustand der Pflege aussagt, erklärt Dr. Peter Neher anlässlich des Deutschen Pflegetages im domradio.de-Interview.

Einer Befragung der Techniker Krankenkasse zufolge sind etwa 70 Prozent derjenigen, die Angehörige pflegen, gestresst, 40 Prozent sind erschöpft und ausgebrannt. Auch mit diesem Aspekt der Pflege beschäftigen sich Experten vom 12. bis 14. März 2015 auf dem Deutschen Pflegetag in Berlin.

domradio.de: Welchen Stellenwert genießt die Pflege in unserer Gesellschaft?

Prälat Dr. Peter Neher (Präsident Deutscher Caritasverband): Zum einen werden immer noch sehr, sehr viele pflegedürftige Menschen von ihren Angehörigen gepflegt. Und das ist eine großartige Leistung und auch ein Zeichen für den Zusammenhalt und die Zusammenarbeit in den Familien. Aber gleichzeitig zeigen die Ergebnisse von Studien auch, dass pflegende Angehörige in der Pflege offensichtlich die Angebote der Entlastung, die ihnen durchaus zustünden, nicht entsprechend nutzen.

domradio.de: Woran liegt das? Sind die Angebote zu wenig bekannt?

Neher: Zum einen ist es tatsächlich ein Informationsdefizit, viele wissen gar nicht, was alles angeboten wird - und auch die ganzen Fragestellungen sind oft sehr komplex, so dass es schwierig ist für jemanden, der ohnehin schon in der Pflege beansprucht ist, hier den nötigen Überblick zu haben. Und das Zweite, vielleicht Tieferliegende ist, dass viele Angehörige einfach eine Scheu haben, ihre pflegebedürftige Mutter oder ihren pflegedürftigen Vater in eine stationäre Einrichtung zu bringen, was auch wieder eine Rückfrage an das Image der Einrichtungen darstellt, und die Frage aufwirft, ob es nicht andere, weitere unterstützende Begleitformen braucht, die vielleicht auch in solchen Situationen helfen, die Pflege daheim zu organisieren.

domradio.de: Die Pflege ist schlecht bezahlt, erfährt keine Wertschätzung ‑ kann so eine Gesellschaft gesund bleiben? Wie problematisch ist das für den gesellschaftlichen Zusammenhalt?

Neher: Ich denke, die Pflege ist durchaus in einem Tarifsystem verankert, sie hat dort einen gewissen Stellenwert; aber gemessen an technischen Berufen ist die Arbeit am Menschen wirklich schlecht bezahlt. Auf der anderen Seite spielt es eine große Rolle, dass die durchaus vorhandenen Probleme, die es in einzelnen Pflegeheimen gibt, doch sehr schnell gesellschaftlich so dargestellt werden, als wäre es in allen Pflegeheimen so. Das fällt dann letztlich auch auf die Pflegekräften zurück, was sie keineswegs verdient haben.

Viele derer, die in der Pflege tätig sind, machen das mit großem Engagement und einer großen Bereitschaft zu helfen. Wir dürfen auch von Pflegekräften nicht all das an Zuwendung und an Fürsorge erwarten, was vielleicht an familiärer Unterstützung und Zuwendung fehlt. Pflegekräfte sind auch so etwas wie Projektionsflächen, vielleicht auch für das, was man sich selbst dann eigentlich als Angehöriger vornimmt und aus welchen Gründen auch immer nicht leisten kann oder will.

domradio.de: Meinen Sie denn, es ist richtig die Pflege zu delegieren? Sollte man nicht viel mehr auf die Angehörigen setzen?

Neher: Die Angehörigen haben eine ganz wichtige Rolle, aber sie allein sind überfordert. Und auch aufgrund des Arbeitsalltags, der zunehmend in die Familien hineingreift und belastend ist, brauchen pflegende Angehörige die entsprechende Unterstützung. Und da gibt es zum einen jetzt schon die Familienzeit, auf die es seit kurzem einen Rechtsanspruch gibt und wo bis zu 24 Monate lang für die Pflege von Angehörigen die Arbeitszeit reduziert werden kann oder wo es auch für kurze Zeiten bis zu 10 Tagen eine Lohnersatzleistungen gibt.

Das ist der gesetzliche Rahmen, aber hier sind auch ganz stark die Arbeitgeber gefordert, also: Wie familienfreundlich ist es möglich, dass Frauen und Männer ihre Arbeitszeiten organisieren können für die Pflege eines Elternteils bis hin zu Telearbeit. Gibt es auf Seiten der Arbeitgeber ein entsprechendes Entgegenkommen, wie dieses Bedürfnis in der Arbeitszeitgestaltung ein Stück weit aufgegriffen werden kann? Und letztlich ist es eine Frage der ganzen Gesellschaft: Natürlich zählt: Was ist uns die Pflege wert? Und wo müssen wir dafür auch Ressourcen für berufliche und ehrenamtliche Helfer in die Hand nehmen, um dieser Herausforderung entgegenzutreten? Die alten Menschen haben es verdient, dass sie eine adäquate Zuwendung und Pflege bekommen!

domradio.de: Wie wird die Pflege in der Zukunft aussehen, wenn sich die Entwicklung ohne Korrekturen so fortsetzt?

Neher: Ich denke, es geht nicht ohne Korrekturen. Wir brauchen in der Zukunft so etwas wie einen Mix aus Fachleuten und Ehrenamtlichen. Wir können unmöglich die Pflege nur der professionellen Hilfe anheimstellen, genauso wenig sind Angehörige allein dazu in der Lage. Wir brauchen eine Mischung aus professionellen Leuten und von Angehörigen, Freunden und Nachbarn - da brauchen wir gewisse Formen, die das begünstigen, bis hin zu dem Punkt, dass das vielleicht später bei der eigenen Pflege und Pflegedürftigkeit entsprechend berücksichtigt wird.

Wir brauchen Anreize, die es begünstigen, dass sich so etwas wie ein unterstützendes Netz bildet, nur so werden wir auch in der Zukunft eine geeignete Pflege haben. Es braucht wirklich beides: die Fachkompetenz der Experten, aber auch die Zeit, die Zuwendung und auch die Fähigkeit und Bereitschaft der nahen Angehörigen, der Nachbarn und Freunde. Nur diese Mischung kann uns in der Zukunft helfen, eine gute Pflege und Zuwendung im Alter und bei Pflegebedürftigkeit zu ermöglichen.

 

Das Interview führte Christian Schlegel.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Weder domradio.de noch das Erzbistum Köln machen sich Äußerungen der Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen zu eigen.

 

(dr)

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